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Merken   Drucken   10.10.2012, 15:05 Schriftgröße: AAA

Deutsche Filmindustrie: Stille im Studio Babelsberg

Hollywood dreht dort, wo die höchsten Förderungen und Steuervorteile winken. Deshalb verlieren deutsche Filmstudios Aufträge ans Ausland und erreichen keine zufriedenstellende Auslastung. Sie fordern nun mehr Geld aus der Filmförderung.
© Bild: 2012 DPA/Bildfunk/Britta Pedersen
Hollywood dreht dort, wo die höchsten Förderungen und Steuervorteile winken. Deshalb verlieren deutsche Filmstudios Aufträge ans Ausland und erreichen keine zufriedenstellende Auslastung. Sie fordern nun mehr Geld aus der Filmförderung.
von Marion van der Kraats, dpa

Vor einem Jahr lauerten Fotografen vor dem Filmstudio Babelsberg, um einen Blick auf die großen Stars zu erhaschen: Wochenlang standen die Oscar-Preisträger Tom Hanks und Halle Berry sowie die Hollywoodstars Ben Whishaw, Hugh Grant und Susan Sarandon in Potsdam vor der Kamera. Pünktlich zum 100-jährigen Bestehen des berühmten Filmstudios sorgten die Dreharbeiten zum bislang teuersten deutschen Film "Der Wolkenatlas" für Schlagzeilen. Seitdem ist es eher still in Babelsberg. Internationale Projekte fehlen bislang in diesem Jahr. Das Studio führt viele Gespräche - und hofft, die Jahresbilanz noch retten zu können.

So wird die Neuauflage des Märchens "Die Schöne und das Biest" mit den französischen Schauspielern Gérard Depardieu und Vincent Cassel in Babelsberg gedreht. US-Medien berichten, das Regisseur Wes Anderson ("Moonrise Kingdom") seinen neuen Film "The Grand Budapest Hotel" in Babelsberg dreht. Mit von der Partie sollen Bill Murray ("Lost in Translation") sowie Jude Law und Angela Lansbury sein.

Hollywood in Brandenburg 100 Jahre Babelsberg

TV-Produktionen wie "Hotel Adlon" für das ZDF von Oliver Berben oder "Nacht über Berlin - der Reichstagsbrand" für das Erste mit dem Schauspielerpaar Anna Loos und Jan Josef Liefers (Foto unten) sorgen für die nötige Aufmerksamkeit. "Wirtschaftlich ist es für uns jedoch notwendig, große internationale Filmproduktionen in Babelsberg umzusetzen", sagt Studiosprecher Eike Wolf.

Auf die große Nummer wie den "Wolkenatlas" von Tom Tykwer ("Das Parfum") sowie Andy und Lana Wachowski ("Matrix"-Trilogie) müssen die Studio-Chefs Carl L. Woebcken und Christoph Fisser aber verzichten: Obwohl sie von Babelsberg begeistert sind und es entsprechende Gespräche gab, werden die Wachowski-Geschwister ihr neues Projekt "Jupiter Ascending" an einem anderen Standort realisieren - wo sie eine höhere Förderung bekommen.

"Das Studio muss sich der Konkurrenz und dem erbitterten Standortwettbewerb stellen", sagt die Chefin der Filmförderanstalt Medienboard Berlin-Brandenburg, Kirsten Niehuus. Personell und technisch sei dies kein Problem. Die regionale Förderung ist nach ihrer Überzeugung ein gutes Instrument, um dies abzurunden.

Umso heftiger ist die Kritik von vielen Seiten an Kürzungen durch Brandenburgs Wirtschaftsministerium. Es hat die Filmförderung für 2013 um etwa 400.000 Euro gekürzt. Bislang hatte sich das Land mit knapp 7,7 Mio. Euro an der gemeinsamen Filmförderung von Berlin und Brandenburg beteiligt. Aus der Hauptstadt kamen knapp 10 Mio. Euro - im Doppelhaushalt 2012/2013 sind zusätzliche rund 1,2 Mio. Euro vorgesehen.

Die Branche hat ein Problem

"Unsere Kürzung gefährdet nicht den Standort", verteidigt Ministeriumssprecher Steffen Streu die Entscheidung. "Wir zeigen ganz deutlich, welche Bedeutung wir dem Filmstandort beimessen", betont er und verweist auf weitere Hilfen für die Branche. Gemeinsam mit der Investitionsbank des Landes (ILB) hat Brandenburg ein neues Filmfinanzierungsprogramm aufgelegt. Aus dieser sogenannten Gap-Finanzierung werden Darlehen bei Finanzierungslücken von Filmen angeboten, die in der Region Berlin-Brandenburg produziert werden. Bislang kommt das Geld dafür nur aus Brandenburg.

Die Branche sieht ein größeres Problem: In Deutschland sind die Fördersummen für internationale Projekte gedeckelt. 16 Prozent der Kosten, die hier beim Dreh anfallen, können über den Deutschen Filmförderfonds (DFFF) erstattet werden. Bei 4 Mio. Euro ist zunächst Schluss, auf Antrag können es 10 Mio. Euro werden.

Anna Loos und Jan Josef Liefers bei den Dreharbeiten zum Film ...   Anna Loos und Jan Josef Liefers bei den Dreharbeiten zum Film "Nacht über Berlin - Der Reichstagsbrand" in Babelsberg

Das Studio Babelsberg und andere deutsche Studios hätten Aufträge ans Ausland verloren und seit drei Jahren eine nicht zufriedenstellende Auslastung, meint ein Branchenexperte. Denn in Hollywood wird knallhart gerechnet. Entscheidend sind die höchsten Förderungen und Steuervorteile. Länder wie Kanada, Ungarn oder Großbritannien versprechen automatische Nachlässe von bis zu 40 Prozent des Gesamtbudgets.

Die Branche in Deutschland fordert darum die Abschaffung der DFFF-Kappungsgrenze. "Internationale Filme sind für die gesamte Branche wichtig - und damit auch für Deutschland", sagt Niehuus. Alleine in der Region Berlin-Brandenburg gibt es etwa 18.000 Unternehmen mit rund 170.000 Beschäftigten. Der Umsatz liegt laut Wirtschaftsministerium bei rund 20 Mrd. Euro.

  • dpa, 10.10.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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