Wo sind die Stunden, Tage, Wochen geblieben, die wir mühsam mit neuen Technologien und Effizienzmodellen eingespart haben? Auch Filmemacher Florian Opitz fehlt die Muße, für Freunde, Familie, vor allem für Sohn Anton, der auf dem Weg zur Kita trödelt. Also zieht er los, befragt Befürworter wie Gegner der globalen Beschleunigung nach Ursache und Auswirkungen chronischer Zeitnot. Am Donnerstag läuft seine Dokumentation "Speed - auf der Suche nach der verlorenen Zeit" in den Kinos an. Opitz tritt darin nicht als polemischer Kapitalismuskritiker auf, in der Tradition von Michael Moore, sondern als sanfter Nörgler und Utopist.
Wie ein launiger Tourguide lotst der Dokumentarfilmer die Zuschauer von Termin zu Termin: Im Late-Night-Seminar empfiehlt Zeitmanagementexperte Lothar Seiwert ("Die Bären-Strategie"), sich auf "das Wesentliche zu konzentrieren". Wer zukunftsorientiert denke, verdopple seine Effektivität um 50 Prozent. Als Zugabe präsentiert der Redner einen Zaubertrick, lässt Wasser verschwinden. Große Show, was das soll, erklärt er nicht. Enttäuscht zieht Opitz weiter, die Dringlichkeit einer Lösung wächst, schon glaubt er erste Burn-out-Symptome zu spüren.
Auf zu Bernt Sprenger, Facharzt für Psychosomatik. Der rät dem Regisseur, Handy und Internet nur zu festen Zeiten zu benutzen, auch er verordnet Fokussierung (also Verzicht) angesichts eines Überangebots an Möglichkeiten. Opitz gelobt Besserung.
Weiter zum nächsten Protagonisten, zur nächsten These: glückliche Bergbäuerin, besorgter Wirtschaftspädagoge, geistreicher Zeitforscher. Es geht um Wettbewerbsdynamik, Beschleunigungslogik, um ein sich selbst antreibendes System ohne Chance zur Intervention. Der amüsante Mix aus Information, Gesellschaftskritik und Aussteigerromantik wird zum ästhetisch-modischen Zeitgeistkino. Denkanstöße ja, politischer Zündstoff nein. Opitz' Doku "Der große Ausverkauf" (2006) über die Folgen von Privatisierungen war noch radikal, provozierend, eindrucksvoll. In "Speed" zelebriert der Filmemacher oft nur die eigenen Befindlichkeiten.
So rast er neben Unternehmensberaterin Antonella Mei-Pochtler im Taxi zum Flughafen. Die Topmanagerin der Boston Consulting Group hat wenig Zeit, zumindest nicht für Opitz. Unterwegs erklärt sie ihm geduldig, Tempo sei für die Durchsetzung auf dem Weltmarkt noch wichtiger als reines Lean Management. Sie stimmt zu, dass Effizienzsteigerung zum Verlust von Arbeitsplätzen führt, doch auch dazu dient, "um in anderen Bereichen zu wachsen". Ihr Job sei da "eine minimalinvasive Form der Weltverbesserung".
Zuweilen nerven Opitz' ostentative Selbstzweifel und konstant naive Verblüffung. In der Londoner Zentrale der Nachrichtenagentur Reuters bestaunt er, wie dank Börsensoftware Broker weltweit in Echtzeit mit aktuellen Informationen versorgt werden. In Mikrosekunden reagieren Computer auf Kursänderungen, die künstliche verdrängt die menschliche Intelligenz. Das Resümee des Filmers: "Wir sind zu langsam, werden abgeschafft, es läuft alles auf Autopilot." Nichts lässt Opitz unkommentiert, Kulturpessimismus durchdringt ihn: "Mensch ausgebrannt - Planet zerstört."
Sein Herz schlägt für die Entschleuniger, die Aussteiger, die Alternativen schaffen. Rudolf Wötzel etwa, Ex-Lehman-Banker. Er stieg im April 2007 aus, wanderte in 120 Etappen von Salzburg nach Nizza, erklomm 129 Gipfel und lernt nun, eine Almhütte in den Schweizer Bergen zu bewirtschaften. Ex-Unternehmer Douglas Tompkins (The North Face, Esprit) verkaufte 1990 seine Anteile für 250 Mio. Dollar und erwirbt seither in Patagonien riesige Gebiete. Um sie zu "entschleunigen", also "dem gierigen Griff der Industrie zu entziehen", sagt Opitz bewundernd. Computer hält Tompkins gar für "Massenvernichtungswaffen", noch aber benutzt er sie.
In Bhutan schließlich empfängt Karma Tshiteem, Minister für das Bruttonationalglück, den Regisseur. Im Himalaja-Königreich ist das Glück der Bürger in der Verfassung garantiert und hat Vorrang vor dem Wirtschaftsaufschwung. Opitz ist begeistert. Hier endet seine Suche abrupt.
Als Lösungsvorschlag für alle Zeitprobleme empfiehlt er das bedingungslose Grundeinkommen. Wie das zur Entschleunigung führen soll? Opitz bleibt die Antwort schuldig. Die Produktionsbedingungen verändert es nicht, aber immerhin sinkt der Leistungsdruck auf den Einzelnen. Der Regisseur jedenfalls will nun die Momente mit Sohn Anton in der Sandkiste stärker genießen.