Gegen acht Uhr abends kam das Wasser. Nur eineinhalb Stunden später überflutete es die rund 1,20 Meter hohe Schutzmauer vor dem Eingang. "Es sah aus wie ein Schwimmbecken", erinnert sich Clemens Gasser. Das Ergebnis lässt noch immer besichtigen: Die Galerie in der 19. Straße ist nahezu entkernt, die Möbel sind in der Mitte des Raums zusammengestellt, die aufgeweichten Rigipswände herausgerissen. Nur die Metallgerippe stehen noch. Kunst gibt es dagegen kaum.
Das New Yorker Kunstviertel Chelsea ist vom Tropensturm "Sandy" hart getroffen worden. Aus vielen Gebäuden ragen noch immer Schläuche, die das Wasser aus den Kellern pumpen, auf der Straße wummern Generatoren, in Containern sammelt sich der Bauschutt. Ein Viertel der rund 300 Galerien ist geschlossen. Einer der größten Kunstversicherer, Axa Art Insurance, beziffert die Schäden allein seiner Kunden bislang auf rund 40 Mio. Dollar.
Je weiter man Richtung Hudson River läuft, desto größer sind die Schäden. Etwas Schlimmeres, da sind sich hier alle einig, hat die New Yorker Kunstszene noch nicht erlebt.
Am Vorabend des Sturms hatte Gasser viele der Stücke, die im tieferen Kellerbereich standen, noch nach oben getragen: "Aber offensichtlich hat das nicht gereicht." Eineinhalb Tage dauerte es, die Räume leer zu pumpen. Viele Werke sind jetzt beim Restaurator. Retten, was zu retten ist. Schon vor dem Sturm riefen das Museum of Modern Art und das American Institute for Conservation ein Hilfsprogramm für geschädigte Galeristen und Künstler ins Leben.
Bis alles renoviert ist und Gasser seine Galerie wieder öffnen kann, dürften noch Wochen vergehen. Den Schaden in der Bausubstanz schätzt er auf 100.000 Dollar, den der Bilder auf weit mehr als 500.000 Dollar. Noch laufen die Verhandlungen mit der Versicherung. "Wie das ausgehen wird, weiß ich nicht", sagt Gasser. Zwei Lkw vor der Tür dienen ihm als provisorische Ausstellungsräume.
John Roche hat seit dem Sturm gut zu tun. Der Vizepräsident von Crozier Fine Arts an der 20. Straße stellt Galerien Stauraum zur Verfügung, kümmert sich um den Transport von Kunstwerken und wickelt Versicherungsgeschäfte ab. 40 Mitarbeiter seien am Tag nach "Sandy" ausgerückt und hätten die Bilder aus den beschädigten Galerien gerettet: "Von unserem Büro aus mussten wir nur die Straße runterlaufen, um einen Kunden nach dem anderen abzuklappern."
Anton Kern hatte Glück: Seine Bilder sind unversehrt. Am Samstag vor dem großen Sturm hatte der Galerist die Stücke der laufenden Ausstellung ein paar Meter höher gehängt. Jetzt zeigt er auf seinem Handy Bilder vom Tag nach "Sandy". Nur knapp unter den Werken des Künstlers Eberhard Havekost verläuft die schmutzige Wasserlinie, die die Fluten hinterlassen haben.
"Es herrschte absolutes Chaos, wir haben Tag und Nacht gearbeitet", sagt Kern. Akten, Erinnerungsstücke, Möbel sind zerstört. Jetzt sind die Wände überstrichen, hinten arbeiten noch die Handwerker. Eines der Dachfenster fehlt noch immer, doch die Ausstellung läuft weiter. Die Mitarbeiter sitzen am provisorischen Konferenztisch, ohne Telefon und Internet. "Wir versuchen, zurück zur Normalität zu kommen", sagt der Galerist.
Bei der Robert Rauschenberg Foundation, nur wenige Minuten von der Galerie Gasser entfernt, hat der Wind nur eine Dachluke weggefegt, sagt Projektmanagerin Lisa Hayes Williams beinahe entschuldigend: "Die, die glimpflich davongekommen sind, haben sich nach dem Sturm fast schuldig gefühlt."