Was zählt schon das Wort einer Geliebten. Ehen hat sie ruiniert, Menschen gegen sich aufgebracht, ihre Sicht der Dinge nimmt man ihr kaum ab. Ruth Kligman fehlte diese Glaubwürdigkeit zeitlebens in einer kleinen Sache, 50 mal 60 Zentimeter groß. Ein Gemälde, handelsübliche Leinwand, silberne Grundierung, mittig eine schwarze Kontur, drum herum rote Wirbel. "Red, Black & Silver" soll es heißen.
Kligman war die Mätresse von Jackson Pollock, dem Begründer des Action-Painting, einem der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Für sie habe er "Red, Black & Silver" geschaffen, behauptete Kligman, in seinem Todesjahr 1956, als letztes Werk auf Erden. Eigentlich sollte es am heutigen Donnerstag versteigert werden. Eine kunsthistorische Sensation, glaubte man doch, der Trinker Pollock habe damals schon nicht mehr malen wollen. Und auch für den Markt von großer Bedeutung. 2010 war Pollocks "No. 5, 1948" bei einer Privatauktion für angeblich 140 Mio. Dollar verkauft worden, das bis dahin teuerste Kunstwerk aller Zeiten.
Allein, die Besitzerin des angeblichen Pollock: Über Jahrzehnte hatte Kligman versucht, dessen Echtheit bestätigen zu lassen. Vergebens. Sie sah sich als Opfer der Stiftung, die Pollocks Nachlass verwaltet - und den seiner Frau Lee Krasner. Und dem Werk die Anerkennung verweigerte. Die Unklarheit hat auch das Auktionshaus Phillips de Pury beeindruckt, das das Gemälde im 100. Geburtsjahr des Meisters versteigern wollte, auf Basis eines neuen Gutachtens. Als "Jackson Pollock zugeschrieben", nicht "von". Doch kurz vor der Auktion gab eine Sprecherin auf Anfrage bekannt: "Wir führen gerade Last-Minute-Untersuchungen des Bildes durch, in der Hoffnung, es nächste Saison anbieten zu können."
Die Meldung fügt sich in den komplizierten Herkunftsstreit um das Bild, den das US-Magazin "Vanity Fair" kürzlich aufgearbeitet hat. Kligman hatte sich Pollock in den 50er-Jahren offenbar gezielt genähert, eine üppige, ambitionierte Kunststudentin, Liz Taylor ähnlich. 26 war sie, als der Maler betrunken in den Tod raste. Sie entkam dem Wrack und galt bald als das "Mädchen aus dem Todesauto". Es sollte ihre Reputation nicht fördern, dass sie kaum ein Jahr nach dem Unglück eine Affäre mit Pollocks größtem Rivalen Willem de Kooning begann.
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Über Jahrzehnte verbarg Kligman "Red, Black & Silver" in ihrem New Yorker Apartment. Kaum ein Besucher kann sich erinnern, es je gesehen zu haben. Auch in ihrem Buch "Love Affair: A Memoir of Jackson Pollock" von 1974 erwähnte Kligman das Bild nicht. Sie habe einfach nicht daran gedacht, habe ihr eigenes Leben gelebt, sagte sie später. Erst akute Geldnot zwang sie, das Werk Anfang der 90er-Jahre öffentlich zu machen und Christie's anzubieten. Das Auktionshaus taxierte den Wert auf bis zu 1,2 Mio. Dollar - verlangte allerdings eine Authentifizierung.
Zuständig war die Pollock-Krasner-Stiftung. Schon bei der ersten Begutachtung 1992 zweifelte sie die Echtheit des Bildes an: Nicht nur sei es auf herkömmlicher Leinwand gemalt worden. Auch fand sich unter dem Motiv eine geometrische Struktur, die nicht Pollocks Maltechnik entsprach. 1994 die nächste Verweigerung mit derselben Begründung.
Kligman verstand die Ablehnung als Affront der Kunstelite, die der 1984 verstorbenen Lee Krasner nahestand. "Wenn sie einen Pollock will, soll sie einen kaufen", hatte dessen Witwe gesagt. Kligman kämpfte fortan um ihren Platz in der privaten und beruflichen Historie des Künstlers. Für eine Neuauflage von "Love Affair" 1999 ließ sie "Red, Black & Silver" auf das Cover drucken. An Pollock gewandt schrieb sie, das Bild sei in einer Art Malereilehrstunde für sie entstanden: "Es war das letzte Gemälde deines Lebens, dein Vermächtnis an mich, silbrig schimmernde Substanz des Kosmos, die rot-ovale Herzgestalt der Liebe, und die schwarze Form, die das Motiv erdet." Und sie zitierte ihren Geliebten: "Hier ist dein Gemälde, dein eigener Pollock."
Jahrelang sammelte sie eidesstattliche Erklärungen und Unterstützerbriefe von Freunden, Galeristen und Kunsthändlern. Sie ließ das Bild reinigen und untersuchen, bestand sogar einen Lügendetektortest. Einige Auswertungen bescheinigten die höchstwahrscheinliche Echtheit. Doch die Stiftung blieb skeptisch, holte eigene Expertise mit dem gegenteiligen Ergebnis ein. Man bot Kligman an, das Bild in eine Beilage des Pollock-Werksverzeichnisses aufzunehmen, unter "ungeklärte Zuordnung". Und mit dem Zusatz: "Es gibt keine überzeugenden unabhängigen Beweise, die die ansonsten plausible Entstehungsgeschichte stützen." Kligman lehnte ab. Auch ihre Anwälte hatten keinen Erfolg. Im April 1996 erfuhren sie, dass sich das Authentifizierungskomitee der Stiftung aufgelöst habe und nicht mehr über das Bild befinden könne.
"Kunst ist mein Leben", hatte Kligman einst gesagt. Zum Überleben genügte sie nicht. Pollocks Muse starb 2010. Die letzten Jahre hatte sie am Rande der Armut verbracht, war auf Wohlfahrtsleistungen angewiesen. Und noch immer ist offen, wer "Red, Black & Silver" tatsächlich gemalt hat.