Das kann doch nicht das richtige Kino sein. Dieses kalte Foyer im Neonlicht, die Mitarbeiter in den billigen Uniformen, der Multiplex-Fraß aus Popcorn und Schokoriegeln. Erst beim näheren Hinsehen entdecken wir den dezenten Wegweiser an der Wand: The Lounge.
Wer ihm in den ersten Stock folgt, landet in einer anderen Welt. Von einer schicken Bar im rot-orangen Retrodesign geht es in einen Kinosaal, in dem sich nur 30 Sitze verlieren. Auf kleinen Beistelltischen liegen Speisekarten und Besteck bereit, der Kellner kommt auf Knopfdruck. Als er fast unbemerkt die Mini-Rinderfilets serviert, braust schon Judi Dench in einer Rikscha über die Leinwand. "Viele Gäste sagen, es sei hier bequemer und luxuriöser als im Flugzeug in der First", sagt Kino-Chef Sebastien Chaniac, während er einen Knopf auf seiner Armlehne drückt und in seinem Ledersessel fast in die Horizontale zurückfährt.
Mit The Lounge springt Odeon Cinemas, eine der größten Kinoketten Europas, auf einen Trend auf, der gerade die Londoner Filmszene prägt: Überall in der Stadt boomen die kleinen und exklusiven Boutique-Kinos. Häuser wie das Aubin Cinema im Keller des angesagten Ladens Aubin & Wills im szenigen Stadtteil Shoreditch: 44 samtbezogene Sitze samt Kuscheldecken im Schottenkaromuster. Im kürzlich eröffneten Hackney Picturehouse erwartet die Kinogäste eine Galerie und hauseigenes Bier aus einer kleinen Lokalbrauerei. Im angesagten Lexi Cinema in der ruhigen Wohngegend Kensal Rise, war neulich Werner Herzog zu Gast. Und im Electric Cinema bringen die Platzanweiser Mini-Fish and Chips in Papierbechern an die roten Ledersessel.
Dabei sollten solche Kinos längst von den Multiplexen verdrängt worden sein. Jenen eintönigen Kästen, die in den 1980er-Jahren das schwächelnde Geschäft wieder ankurbelten: Von damals 64 auf zuletzt 171,6 Millionen stieg die Anzahl der jährlichen Kinobesuche.
In wirtschaftlich schwierigen Zeiten hat sich der Kinoabend als Alternative zu den beliebten Musical- oder Theatershows im West End etabliert. Dort kostet ein vernünftiger Platz schnell um die 50 Pfund. Dagegen sind die 18 Pfund, die der Eintritt im The Lounge kostet, fast schon billig.
An einem kühlen Donnerstagabend brummt es im Foyer des Everyman-Kinos - und längst nicht alle sind wegen der Filme hier. "Inzwischen kommen viele nur wegen der Pizza und der Bar", sagt Dara Gilroy, Leiter des neuen Lichtspielhauses im gediegenen Stadtteil Maida Vale. Türkisfarbene Sofas schmiegen sich an das offene Mauerwerk, in Wandregalen reihen sich Cineasten-Bücher wie "The Scorsese Connection" und "Fritz Lang". Frauen lachen, Männer in Anzügen quatschen sich den Bürotag von der Seele. In der Küche werden Knabbereien wie Cashewnüsse in Honig zubereitet, dazu Pizzen und Salate. Wer bis zur Vorstellung nicht aufisst, nimmt den Rest mit in den Saal.
"Die Kinogänger wollen mehr: mehr Qualität, mehr Erlebnis, mehr Stimmung", sagt Gilroy, der schon in mehreren Everyman-Kinos in London gearbeitet hat. Fünf Standorte hat die kleine Kette in der Hauptstadt, ihr Konzept ist exemplarisch für die neue Art Kinos, die derzeit die Besucher in London anziehen. Die meisten Filmsäle liegen in historischen Gebäuden, die Besitzer legen Wert auf liebevoll restaurierte Kinosäle. Und sie bauen die neueste digitale Projektionstechnik ein - dadurch bekommen sie schneller Zugang zu den Hollywood-Blockbustern, die das Programm dominieren. Dazu kommen Arthouse- und Independent-Filme, aber auch Bühnenmitschnitte aus dem renommierten National Theatre.
Kommerz und Cineastentum schließen sich nicht aus: Oft sind die Mitarbeiter leidenschaftliche Filmfans, im kleinen Nordlondoner The Lexi etwa arbeiten alle Mitarbeiter umsonst.
Diese Kinos sind die Fortsetzung einer Bewegung, die Andrew Pulver, Filmblogger der Tageszeitung "The Guardian", das "Erwachsenwerden des Kinobesuchs" nennt. Events rund um den Film sind bei den Londonern beliebt. Zum Beispiel die "Singalong"-Abende im Prince Charles Cinema am Leicester Square: Bei Filmklassikern wie "Grease" ist das Mitsingen ausdrücklich erwünscht. Oder die Kultfilmabende des "Secret Cinema", das per Mundpropaganda und Facebook zu Filmvorführungen in Eisenbahntunnel und auf Hausdächer einlädt - und an manchen Abenden bis zu 15.000 Besucher anzieht.
Das Fünfsternehotel One Aldwych lädt freitags zu den "Martini Movies" ins hauseigene Kino. Martini, Film und anschließendes Dreigängemenü im Hotelrestaurant Axis gibt es für 42,50 Pfund. Zwar wird auch Popcorn angeboten, das aber immerhin selbst gemacht und fast schamhaft auf kleinen Beistelltischchen versteckt. "Popcorn gehört für die meisten eben immer noch dazu", sagt Hotelsprecher Howard Rombough mit einem kleinen Seufzer.
Auf der Leinwand lässt Ryan Gosling in "Crazy, Stupid, Love" gerade Damenherzen schmelzen; auf den 30 Plätzen nippen die Mittdreißiger an ihren Martinis. "Martini Movies sind vor allem ein beliebtes Date bei Londonern, die im Zentrum arbeiten und sich nach einem langen Bürotag verwöhnen lassen wollen," sagt Rombough. "Nicht nur, weil das Paket für London preiswert ist, sondern weil es weniger Stress bedeutet: Man muss nicht hinterher durch die Stadt hetzten, um ein Restaurant oder eine Bar zu suchen." Die Filme werden sorgfältig ausgesucht: Statt Actionfilmen laufen leichtere Komödien, Romanzen und Dokumentarfilme wie der über Rennfahrer Ayrton Senna. Der Filmabend galt schon immer als Geheimtipp für die, die eine Alternative zum Multiplex suchten.
Für Chris Murphy und seine norwegische Freundin Christie Lindewald, die nach Film und Dessert im Axis Restaurant an ihren Weißweingläsern nippen, liegt der Reiz des Abends an einem Kinobesuch im Fünfsternehaus. "Das hat schon etwas sehr Glamouröses, wenn man so ein Hotel betritt", sagt Murphy.
Zwischen den mit grünem Stoff bezogenen Wänden, die sich wie riesige Segel um den Raum wölben, und deckenhohen, silberfarbenen Bambusstangen, lächeln sich Paare an; drei junge dänische Anzugträger debattieren selbstzufrieden bei einer Flasche Rotwein. Die Stimmung ist gut. Das ist nicht immer so. Nach dem Liebesfilm "Zwei an einem Tag", bei der die Protagonistin zum Schluss bei einem Fahrradunfall verunglückt, soll die Atmosphäre im Restaurant sehr gedämpft gewesen sein. Allem Luxusbeiprogramm zum Trotz zählt am Ende doch der Film.
| Dinner and a Movie |
|---|
| Odeon Whiteleys - The Lounge |
| Whiteleys of Bayswater |
| Queensway, London W2 4YL |
| Karten: 15 bis 18 Pfund |
| Reservierungen: +448712244007 |
| www.odeon.co.uk/thelounge/ |
| Everyman Maida Vale |
| 215 Sutherland Avenue |
| Maida Vale, London W9 1RU |
| Karten: 11,50 bis 14 Pfund |
| Reservierungen: +448719069060 |
| www.everymancinema.com |
| Martini Movies im One Aldwych |
| Covent Garden, London WC2B 4BZ |
| Karten: 42,50 Pfund |
| Reservierungen: +4420 7300 0300 oder axis@onealdwych.com |
| www.onealdwych.com/movies |
| Aubin Cinema |
| 64-66 Redchurch Street, |
| Shoreditch, London E2 7DP |
| Karten: 6 bis 20 Pfund |
| Reservierungen: +44845604 8486 oder boxoffice@aubincinema.com |
| www.aubincinema.com |