Eine raue Stimme klagt "Fremd bin ich eingezogen", die Schubert-Lieder bekommen einen Pop-Einschlag: Diese "Winterreise" führt ins Heute. Elfriede Jelinek hat Schuberts Liedzyklus zu einem eigenen Text umgedichtet, in dem sie Öffentliches wie Bankenskandale und die Entführung von Natascha Kampusch mit Persönlichem zusammenführt. Die österreichische Erstaufführung hat Stefan Bachmann als Kletterpartie auf einen lyrischen Textberg gestaltet: Die Bühne ist eine einzige massive Schräge. Sie ist einmal Gefängnis, dann Kletterwand - am Ende Skipiste. Stefan Bachmann verteilt den Text auf ein präzise agierendes Ensemble, findet klare, packende Bilder und trägt auch dem Humor der Autorin Rechnung. Schließlich, und das ist jeder Regisseur der Jelinek schuldig, muss es irgendwann auch unerträglich werden. Bachmann gestaltet ein fulminantes Finale im Skihüttenambiente. Zu dem bis zum Exzess ausgewalzten volkstümlichen Hit "Ein Stern, der deinen Namen trägt" stimmt eine bezopfte Blonde ein endloses Lamento an: Immer nur die alte Leier - sie könne nicht anders. Ein ironischer Schlusskommentar zu einem berührenden, sehr persönlichen und bildstarken Theaterabend.
Von Irmgard Rieger, dpa
| Winterreise |
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| Ort: Akademietheater in Wien |
| Regie: Stefan Bachmann |
| Mitwirkende: Dorothee Hartinger, Gerrit Jansen, Simon Kirsch, Melanie Kretschmann, Jan Plewka |
| FTD-Bewertung: 5 von 5 Punkten |
Kann man ein afrikanisches Theaterstück über den Umgang mit HIV-Infizierten so verändern, dass die Handlung auch in Deutschland spielen könnte? Am Theater Konstanz wurde dieser Schritt gewagt: Das Ergebnis ist ein intensives, eindringliches Schauspiel über latenten Rassismus, ungewollte Demütigung und falsch verstandene Zuneigung. Das Bühnenbild ist dabei denkbar einfach. Es reichen ein geblümtes Sofa und vier weiße Plastikstühle. Die Szenen und Dialoge zwischen den Schauspielern wirken immer wieder völlig übertrieben - sie reden und bewegen sich in fast schon comichafter Art und Weise. Humorvolle und zynische Szenen wechseln sich dabei ab mit durchaus intensiven, tiefer gehenden Momenten. Bewusster und unbewusster Rassismus, die Angst vor Aids, die Zurückweisung in der Familie, Enttäuschung, Wut und Nichtverstehen - alles mischt sich in Konstanz zu einem dichten Schauspiel von gerade mal 60 Minuten.
Von Kathrin Streckenbach, dpa
| Explosive Neuigkeiten |
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| Ort: Theater Konstanz |
| Regie: Martin Süss |
| Darsteller: Lia Hoensbroech, Carolin Maiwald, Teresa Zscherng |
| FTD-Bewertung: 4 von 5 Punkten |
Das sanierte Moskauer Bolschoitheater hat mit internationaler Starbesetzung zum ersten Mal die rund 100 Jahre alte Oper "Der Rosenkavalier" von Richard Strauss aufgeführt. Das Publikum nahm die farbenprächtige Inszenierung des Briten Stephen Lawless mit der deutschen Sopranistin Melanie Diener in der Partie der Feldmarschallin mit heller Begeisterung auf. Am Ende der mehr als vierstündigen Aufführung feierten die rund 1800 Zuschauer auch den Bariton Thomas Allen und die Mezzosopranistin Anna Stephany. Lawless hatte die im Wien des 18. Jahrhundert angesiedelte Handlung um Liebe und Intrigen auf mehrere Epochen gestreckt. Die Strauss-Oper galt zu kommunistischen Zeiten in der Sowjetunion als unerwünscht. Chefdirigent Wassili Sinaiski sagte, dass das Bolschoi wie andere Theater nicht ohne deutschsprachige Musik auskomme. Als nächstes Werk nehme sich das Theater die Oper "Der Fliegende Holländer" von Richard Wagner vor.
Von Ulf Mauder, dpa
| Der Rosenkavalier |
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| Ort: Bolschoi Theater in Moskau |
| Regie: Stephen Lawless |
| Mitwirkende: Melanie Diener, Thomas Allen |
| FTD-Bewertung: 4 von 5 Punkten |
Schauspieler Maximilian Brückner hat seine Feuerprobe als Regisseur bestanden. Im Münchner Volkstheater gab es minutenlangen Applaus für seine Inszenierung von Ludwig Thomas "Magdalena". Der 33-jährige Ex-"Tatort"-Kommissar präsentierte eine vielleicht nicht unbedingt gewagte, aber sehr stimmige Interpretation des Stoffes um bigotte Moralvorstellungen in der bayerischen Provinz. Das Besondere: Aus der Titelfigur Magdalena machte er einen Mann - einen Ex-Prostituierten. Damit gelang es ihm problemlos, die ursprünglich im deutschen Kaiserreich spielende Abrechnung mit der Scheinheiligkeit in ein bayerisches Dorf von heute zu transportieren, in der die verkappt homosexuelle Dorfjugend in Karohemden vor Biergartenkulisse Schwulenwitze erzählt. Wolfgang Maria Bauer - ebenfalls ein Ex-TV-Kommissar - spielt die Rolle des verzweifelten Titelheldenvaters mit einer unglaublichen - auch physischen - Präsenz.
Von Britta Schultejans, dpa
| Magdalena |
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| Ort: Münchner Volkstheater |
| Regie: Maximilian Brückner |
| Darsteller: Florian Brückner, Wolfgang Maria Bauer |
| FTD-Bewertung: 4 von 5 Punkten |