Russische Stücke stehen in diesem Jahr im Mittelpunkt der Ruhrfestspiele Recklinghausen. Festspielleiter Frank Hoffmann inszenierte zum Auftakt am Donnerstagabend Gogols "Revisor" - mit vielen Anspielungen auf die Gegenwart und "die da oben". Obwohl das Ensemble mitunter vergeblich um die notwendige Leichtigkeit rang, spendete das Premierenpublikum im Großen Festspielhaus auf dem "grünen Hügel" lebhaften Beifall. "Der Revisor" spielt im 19. Jahrhundert im zaristischen Russland. In einer kleinen Provinzstadt herrscht Alarmstimmung. Die tonangebenden Herren haben gehört, dass aus der Hauptstadt ein staatlicher Kontrolleur, ein Revisor, kommen soll. Da alle Dreck am Stecken haben, versucht Hoffmann eine Typenkomödie. Deshalb lässt das Ensemble die Gestalten lächerlich erscheinen und spielt sie wie Clowns. Das wirkt selten wirklich komisch, meist angestrengt - auch wenn die Clowns mitunter an das absurde Drama erinnern: an Samuel Beckett. Während das Licht erlischt, fällt Schnee aus dem Schnürboden auf die Stadthonoratioren, die in einer Reihe an der Rampe sitzen. Die Korruption dauert an. Es ist kalt, aber nicht nur in Russland.
Von Ulrich Fischer, dpa
| Der Revisor |
|---|
| Ort: Ruhrfestspiele Recklinghausen, Festspielhaus |
| Regie: Frank Hoffmann |
| Darsteller: Jevgenij Sitochin, Bernd Michael Lade, Tatjana Pasztor, Larisa Faber, Rolf Mautz |
| FTD-Bewertung: 4 von 5 Punkten |
Homer für alle, die keine Bildungsbürger sein wollen: Dem Wiener Burgtheater gelingt ein amüsanter und erhellender Abend über die griechische Antike - nach Lehrplan des flämischen Theater-Erneuerers Jan Lauwers. Apollon ist ein hüftschwingender DJ auf Koks, die schöne Helena hüpft verstört und im orangen Kleidchen durchs Geschehen, und Achilleus zieht das iPad der entscheidenden Schlacht vor. Homers "Ilias" wird ganz schön durcheinandergewirbelt im neuen Projekt des Burgchefs Matthias Hartmann. Die Schauspieler sind mit Energie dabei, und der Funke springt auf das Publikum über. Starke Bilder entstehen im Lauf der viereinhalb Stunden. Wechsel von Soli und sattem Ensemblespiel machen den langen Theaterabend zu einer spannenden Reise in die Antike und ihre Deutungsmöglichkeiten. Das Publikum zeigte sich am Ende - nicht weit vor Mitternacht - zwar müde und erschöpft, aber angeregt, amüsiert und äußerst beeindruckt.
Irmgard Rieger, dpa
| Das Trojanische Pferd |
|---|
| Ort: Burgtheater Wien |
| Regie: Matthias Hartmann |
| Darsteller: Therese Affolter, Bernd Birkhahn |
| FTD-Bewertung: 5 von 5 Punkten |
"Es hat keine Gestalt gegeben, mit der ich ein dauerhafteres und eindeutig leidenschaftlicheres Verhältnis gehabt hätte als mit Emma Bovary." Mit diesem Bekenntnis eines Lesers beginnt die Uraufführung des Stücks Madame Bovary oder der besessene Leser. Neben dem dramatisierten Roman von Gustave Flaubert ist auch die Rezeptionsgeschichte des als Meilenstein der Weltliteratur geltenden Buches Thema der Inszenierung. Deshalb ist der Leser meistens auf der Bühne präsent - wenn Emma Bovary sich Traumwelten von Reichtum, Prunk und Rausch hingibt, die mit ihrem wahren Leben an der Seite des biederen Landarztes Charles Bovary nichts zu tun haben. Für ihre eigene Bühnenfassung hat die Regisseurin Auszüge aus "Charles Bovary, Landarzt" von Jean Améry sowie "Die ewige Orgie" des Literaturnobelpreisträgers Mario Vargas Llosa verarbeitet. Das ist stimmig - genauso wie Bühnengestaltung, Kostümauswahl sowie Licht- und Toneffekte.
Von Eike Richter, dpa
| Madame Bovary oder der ... |
|---|
| Ort: Staatstheater Nürnberg |
| Regie: Luisa Meyer |
| Darsteller: Josephine Köhler, Michael Hochstrasser |
| FTD-Bewertung: 4 von 5 Punkten |
Christian Krachts Debütroman "Faserland" wurde 1995 von Kritikern als wichtigtuerisches Zeitgeistgeschwätz abgetan. Doch schon wenig später feierten die Feuilletons den Reisebericht eines jungen Schnösels als Geburtsstunde der Popliteratur. Robert Lehniger hat aus dem schmalen Buch ein unterhaltsames und berührendes Theaterstück gemacht. Wie auch bei "Imperium" wurden schon bei seinem Erstling die Provokationen des Erzählers mit Krachts Überzeugungen verwechselt. Dauernd raucht er, betrinkt sich, schmeißt Pillen ein, kotzt und achtet trotz allem stets auf stilvolle Kleidung - bei seiner Reise durch das zerfaserte Vaterland. Die zweistündige Inszenierung lenkt den Blick auf die tieferen Ebenen des Romans. Sie zeigt, dass "Faserland" weit mehr ist als das Porträt der Generation Barbour-Jacke: die Beschreibung eines beziehungsunfähigen Menschen auf der Flucht, dessen Ekel vor der Welt auch der Ekel vor sich selber ist.
Von Christina Sticht, dpa
| Faserland |
|---|
| Ort: Schauspiel Hannover |
| Regie: Robert Lehniger |
| Darsteller: Sandro Tajouri, Lisa Natalie Arnold |
| FTD-Bewertung: 5 von 5 Punkten |