Mrs. Cio-Cio San Pinkerton, frühere Madame Butterfly, sitzt in einem Ledersessel, trägt Jeans und hat buchstäblich nicht mehr alle Tassen im Wandschrank. Denn darin befinden sich Puppen, die amerikanische Marineuniformen tragen, – und eine riesige Babypuppe. Mit der balanciert sie auf einer gefährlich steilen Wendeltreppe herum und singt herzzerreißend dazu. Als die Tür des oben erwähnten Wandschranks im dritten Akt aufspringt, ist es im Inneren symbolträchtig leer, und die Babypuppe fällt – kopflos – heraus.
Regisseur Vincent Boussard hat aus Giacomo Puccinis Oper ein Psychodrama mit hohem „Explosionspotenzial“ gemacht. Er erzählt eine „kolonialistisch“ geprägte Liebesgeschichte, wobei nur noch die mit „Blumenbeeten“ bestückten Hüte des Damenchors für Lokalkolorit sorgen. Die vom Publikum gefeierte Darstellerin der Hauptpartie, Alexia Voulgaridou, singt mit ihrer voluminösen Sopranstimme – die in den Höhen so manche Schärfe offenbart – ihre Kollegen durchgehend an die Wand. Das Orchester legt ihr dabei einen mal süffig-süßtönenden, mal leidenschaftlich aufbrausenden Klangteppich zu Füßen.
Dagmar Zurek
| Madame Butterfly |
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| Ort: Staatsoper Hamburg |
| Regie: Vincent Boussard |
| Dirigent: Alexander Joel |
| Mitwirkende: Cristina Damian,Teodor Ilincai, Lauri Vasar, Viktor Rud |
| FTD-Bewertung: 4 von 5 Punkten |
Träume, Ängste und Wünsche bringen vier Senioren im Deutschen Theater in Göttingen auf die Bühne. In einem Wohnstift fanden die Regisseurin und die Dramaturgin eine Gruppe von vier Rentnern zwischen 68 und 94 Jahren, die den Mut und die Neugierde aufbrachten, an dem Projekt teilzunehmen. Alle Laiendarsteller sammelten wochenlang ihre Erinnerungen und Zukunftsträume.
Das Stück „Herbstzeithelden“ auf der Studiobühne hat deshalb nur ein Ziel: Erinnerungen und Erfahrungen zu präsentieren. Schließlich können im Alter die angehäuften Geschichten langsam verblassen. Und irgendwann werden sie, sollten sie noch nicht erzählt sein, verschwinden. Symptomatisch ist der Abgang mit Fallschirm der 94-jährigen Dorothea Löser: Bei diesem Stück müssen sich die Zuschauer immer wieder vor Augen führen, dass alles Erzählte von den Protagonisten wirklich erlebt wurde. Das begeisterte Publikum spendete lang anhaltenden Applaus.
Christopher Piltz, dpa
| Herbstzeithelden |
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| Ort: Deutsches Theater Göttingen |
| Regie Michaela Dicu |
| Darsteller Dorothea Löser, Luise Farr |
| FTD-Bewertung: 4 von 5 Punkten |
Um das Verhältnis von Deutschen und Schweizern sollte sich dieses Stück drehen. Stattdessen kreiste die Auftragsarbeit des jungen Schweizer Autors Lukas Linder um das Verhältnis zweier Paare. Geschrieben wurde es für eine gemeinsame Produktion der Theater im schweizerischen Schaffhausen und im deutschen Konstanz. Ein spannendes Thema mit viel aktuellem Zündstoff. Im Stück war davon allerdings wenig zu hören und zu sehen.
Vielleicht sollte das die versteckte Lehre für die Zuschauer sein: Es gibt keine Unterschiede zwischen Deutschen und Schweizern – nur Menschen mit unterschiedlichen Charakteren. Das Kammerstück ist artig, ansatzweise amüsant: Schweizer Ehepaar möchte sein Haus an ein deutsches Ehepaar verkaufen, da die Ehe in die Brüche gegangen ist. Zunächst wird Harmonie vorgegaukelt, die nach und nach zerfällt. Überzeugen konnte nur die funktional gestaltete Bühne von Petra Straß. Das Stück läuft jetzt in Konstanz.
Doris Burger, dpa
| Der Bären wilde Wohnung |
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| Ort: Stadttheater, Schaffhausen/Theater, Konstanz |
| Regie: Stephan Roppel |
| Darsteller: Susi Wirth |
| FTD-Bewertung: 2 von 5 Punkten |
Der verrückte Bruder, der sich einbildet, er wäre Teddy Roosevelt, bläst wieder zur Attacke und gräbt im Keller den Panamakanal. Der andere Bruder Jonathan, dessen Freund ihm ein neues Gesicht verpasst hat – mit dem er aussieht wie Boris Karloff als Frankensteins Monster – versucht eine Leiche loszuwerden und versteckt sie unter der Fensterbank. Ein Polizist will um jeden Preis ein Theaterstück schreiben, und der Theaterkritiker Mortimer Brewster soll ihm dabei helfen.
Dann gibt es noch die beiden netten Damen, die einsamen alten Herren mittels ihres Holunderweins zu einem sanften Tod verhelfen. Als Schlusspointe soll der biedere Mr Witherspoon sein Leben aushauchen. Das vertraute Personal aus Frank Capras unverwüstlicher Verfilmung von Joseph Kesselrings Broadway-Hit trifft sich im Stuttgarter Theater der Altstadt wieder, und das Ensemble stellt sich bravourös der spaßigen Herausforderung – mit geringem Aufwand und erkennbarer Spielfreude.
Thomas Rothschild
| Arsen und Spitzenhäubchen |
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| Ort: Theater der Altstadt in Stuttgart |
| Regie: Susanne Heydenreich |
| Darsteller: Johanna Hanke |
| FTD-Bewertung: 4 von 5 Punkten |