Alles nur geklaut? Wäre dieses Album ohne den Support von Aloe Blacc, Samy Deluxe, Philipp Poisel, Marteria, Cro, Clueso oder Sophie Hunger schlechter geworden? Ganz bestimmt nicht - aber weniger abwechslungsreich. Max Herre ist schon ein ziemlich guter Musiker/Rapper/Melodienklauer und seine neue LP wirklich klasse. Dass er auch mal andere Sänger ranlässt, spricht für seine Fähigkeit, eigene Grenzen zu erkennen: Denn seine Liebe zum Soul ist wesentlich größer als seine Stimme. Originell ist das Albumrezept: Unter dem Motto "Hallo Welt" dudelt er sich durch den Wellensalat diverser Radiosender und stoppt immer dann, wenn ihm etwas gefällt - damit hat er nun sogar ein Konzeptalbum vorgelegt. Am ehesten kann man seine Mixtur noch als Hip-Hop klassifizieren. Aber das ist nur die Klammer eines Stilwirrwarrs, der trotzdem immer organisch wirkt. Irgendwo zwischen Zitatenwahn von Ton, Steine, Scherben bis Billy Preston über Reggae, Schmuse-R&B, Rap, Funk und Blues knallt der ehemalige "Freundeskreis"-Frontmann Wohlfühl-, Aggressions-, Tanz- und Mitsingsongs raus. Anspieltipps sind "Jeder Tag zu viel" und "Einstürzende Neubauten". Ein echter Smash-Hit ist "DuDuDu" - und den hat er sogar ganz allein gesungen. Also: Geht doch!
Willy Theobald
| Max Herre |
|---|
| CD Hallo Welt |
| Nesola/Universal |
| FTD-Bewertung: 5 von 5 Punkten |
Island muss sich seinen Außenseiterstatus nicht lange erstreiten. Ein Lavabrocken knapp vor dem Polarkreis, dessen Bewohner fauligen Fisch essen und an Elfen glauben - so ein Ort läuft nicht Gefahr, das nächste Mallorca zu werden. Erst recht nicht, nachdem Platten von Björk und Sigur Ros die Insel zum Traumland verschrobener Popfans gemacht hatten. Doch dann kommen Dikta daher, mit einem doch sehr glattgeschliffenen Indierock, und widerlegen alle sorgsam gehegten Vorurteile. Die melodische Grundstimmung ist eher hymnisch als melancholisch, die Gitarrenwände mehr breit als filigran, und überhaupt erinnert hier mehr an amerikanischen Collegerock als an vermooste Wasserfälle. Aber andererseits hatte Island ja schon in der Finanzkrise klargemacht, dass es ziemlich Mainstream sein kann.
Gregor Kessler
| Dikta |
|---|
| CD Trust Me |
| Smarten Up/Rough Trade |
| FTD-Bewertung: 3 von 5 Punkten |
Die Erinnerung an den letzten Frühling ist in Norwegen sicherlich eine andere als in Deutschland. Pianist Bugge Wesseltoft verlässt mit "Last Spring" wieder einmal die reinen Jazzpfade und holt sich mit dem Violinisten und Bratschisten Henning Kraggerud einen Weggefährten, der ihm neue Klangfarben eröffnet. Die Improvisationen über norwegische Volksmusik und ein paar klassische Stücke präsentieren sich leicht, fast still, manchmal melancholisch, oft berührend sanft und sinnlich. Sie verbreiten Ruhe und Weite - und einen frühlingshaften Windhauch. Die Klassik überwiegt auf dem Album deutlich, doch das stört nicht. Mit "Last Spring" hat Wesseltofts Weihnachts-CD eine kongeniale Ergänzung bekommen. Wäre schön, wenn auch die anderen Jahreszeiten demnächst musikalisch bedacht werden.
Sabine Meinert
| Bugge & Henning |
|---|
| CD Last Spring |
| Act Music |
| FTD-Bewertung: 5 von 5 Punkten |
György Kurtag und Karlheinz Stockhausen hatten den gleichen Lehrmeister: den genialen Olivier Messiaen. Nun ist unter der Leitung einer weiteren Musikerlegende - Claudio Abbado - eine CD mit Musik dieser beiden so wegweisenden Komponisten erschienen. Die Berliner Philharmoniker beweisen darauf die ihnen oftmals abgesprochene Kompetenz in Sachen Neue Musik. Sie überzeugen mit Kurtags "Grabstein für Stephan" sowie seinem großen, üppig instrumentierten Orchesterwerk "Stele". Ein weiteres musikalisches Relikt aus dem vergangenen Jahrhundert ist Stockhausens "Gruppen" - eine Komposition für drei gleichzeitig live spielende Orchester. Dieses Werk überwältigt auch heute noch mit all seinen Klanggeräuschen und raffinierten "funktionellen" Zeit- und Raumklang-Experimenten.
Dagmar Zurek
| Claudio Abbado |
|---|
| CD Karlheinz Stockhausen: Gruppen |
| Deutsche Grammophon |
| FTD-Bewertung: 5 von 5 Punkten |