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Merken   Drucken   29.07.2012, 10:00 Schriftgröße: AAA

Thalia-Intendant Joachim Lux: Schuld und Bühne

Kein deutscher Theatermacher trimmt sein Haus so auf Wirtschaftlichkeit wie Thalia-Intendant Joachim Lux - und trägt dabei auch noch reihenweise Ehrungen nach Hause. Ein Gespräch über Subventionen und Untergangsapostel.

FTD Herr Lux, manchmal kommen uns Theaterleute schon sehr wehleidig vor. Aus wirtschaftlichen Gründen legen Sie neuerdings die Spielpläne ein halbes Jahr im Voraus fest, anstatt im Sechs-Wochen-Takt zu entscheiden, was wann gespielt wird - und die ganze Szene ist in Aufruhr. Was ist denn bitte so dramatisch daran?

Joachim Lux Für die Regisseure bedeutet das, dass ich ihnen Entscheidungen zu einem Zeitpunkt abfordere, wo sie ihre Intentionen vielleicht noch gar nicht so genau entwickelt haben. Auch die Schauspieler haben das sehr intensiv diskutiert. Man muss zwischen dem Schutz der künstlerischen Arbeit und dem Dienstleistungsbetrieb, der wir auch sind, sehr sensibel abwägen.

Und was bringt so ein langfristiger Spielplan wirtschaftlich?

Wir können den Abonnenten mit einer ganz anderen Verlässlichkeit gegenübertreten. Außerdem helfen feste Spielpläne dem Publikum, Theaterbesuche zu planen. Es gibt auch die Hoffnung, mehr Menschen aus dem Umland und organisierte Gruppenreisen anzuziehen. Im Konzertwesen ist es ja schon länger üblich, dass die Termine langfristig bekannt sind.

Hat man als Theater besondere Hemmungen, sich als Dienstleistungsbetrieb zu verstehen?

Nein. Ich habe auf meinem Computer sogar einen Ordner "Das Thalia als mittelständischer Betrieb". Es wäre naiv, das nicht mitzureflektieren. Aber unsere grundsätzliche Aufgabe, die auch die Subventionen legitimiert, ist es, Hochkultur zu produzieren, die nicht zwingend populärorientiert und markteffizient ist.

Lagerhaltung: Joachim Lux in der Requisite des Thalia Theaters   Lagerhaltung: Joachim Lux in der Requisite des Thalia Theaters

Also sind Sie nun ein Betrieb oder nicht?

Was uns von einem normalen mittelständischen Betrieb unterscheidet, ist die arbeitsrechtliche Organisation. Wir können unsere Unternehmensstruktur in vielen Punkten nicht selbst bestimmen. Der Kostendruck wird immer höher; die mit den Gewerkschaften ausgehandelten Tariferhöhungen werden seit zwanzig Jahren auf die Institutionen abgewälzt. Das Einzige, woran wir sparen können, ist die Kunst. Und die künstlerische Arbeit ist wiederum der einzige Grund, der uns legitimiert.

In welcher Branche steigen die Kosten nicht? Und so schlimm kann es nicht sein: Sie machen immerhin das wirtschaftlich erfolgreichste Theater Deutschlands, 25 Prozent Ihres Budgets kommen aus Eigeneinnahmen.

Aber das Thalia hat bei Subventionen von 17,7 Mio. Euro für die Spielzeit 2012/13 ein Defizit von 1,1 Mio. Euro aus nicht eingehaltenen Zuwendungsversprechen, vertragswidrigen Kürzungen durch den alten Senat und nicht ausgeglichene Tariferhöhungen. Durch solche Fehlbeträge kann ein Theater leicht an die Grenze zum Konkurs geraten. Gott sei Dank hat uns der neue Senat erst einmal geholfen. Die Theater haben kaum mehr Möglichkeiten zu sparen. Es wird nicht mehr besser werden, fürchte ich.

Das Thalia hatte eine Einladung zum renommierten Berliner Theatertreffen, viele Häuser mit höheren Budgets dagegen nicht. Sollte der Staat wie bei den Hochschulen besonders exzellente Adressen stärker fördern?

Das liegt nahe und würde dem leistungsstarken Thalia sicher nutzen. Aber ich fürchte, das würde zur Politik des "Stärken stärken" führen und zu einer noch fragwürdigeren Anbindung der Kunst an die Ökonomie. Und es müssten irgendwelche Kommissionen Kriterien entwickeln und der Verwaltungssektor Menschen einstellen, die diese Leistungsmerkmale überprüfen. Da kann man das Geld lieber gleich in die Kunst anstatt in Kommissionen stecken.

Die finanzielle Lage der Theater ist schon seit Jahren prekär. Warum werden die Häuser erst jetzt richtig aktiv?

Ob man früher noch mehr hätte machen können, kann ich nicht beurteilen. Ich habe zehn Jahre lang im Wiener Theaterparadies gearbeitet, wo es diese Fragestellungen in dieser Schärfe nicht gibt. Mein Eindruck ist allerdings, dass die Theater seit etwa Beginn der 90er-Jahre unentwegt sparen. Und man kann natürlich auch weiter sparen. Der Preis ist allerdings, dass man die Substanz opfert und das literarisch orientierte Hochkulturtheater früher oder später schlachtet. Genau dafür aber bewundert uns die Welt. Ich glaube, wir sollten dieses System erhalten. Es kostet nur einen kleinen Anteil in den Haushaltsansätzen.

Also mehr Geld vom Staat und gut.

Sicher müssen die Theater auch selbst verantwortlich handeln, etwas tun, um zu überleben: Gute künstlerische Arbeit machen und gleichzeitig auf der Nachfrageseite genügend Interesse wachrufen, sonst schaffen wir uns selber ab. Aber allein das Verhältnis zwischen Kunst und Quote auszubalancieren ist eine Herkulesaufgabe.

Sind die Theater selbst schuld an ihrer Lage?

Selten. Ein Theater wie Moers zum Beispiel, das jetzt geschlossen wird, hat meines Wissens nach keine gravierenden Fehler begangen. Hier geben sich eher verschiedene Faktoren die Hand: Die Personalintensität im sozialen und kulturellen Sektor provoziert offenbar Sparbegehren, dann die objektive Geldnot der Kommunen, die mangelnde Lobby der Kultur und die Bedrohung durch konkurrierende Angebote in einer zunehmend diversifizierten Gesellschaft - da kommt vieles zusammen.

Ein Standardargument gegen Theatersubventionen ist, dass der Bildungsauftrag nicht erfüllt und nur eine kleine Bildungselite subventioniert wird.

Es gibt sicherlich eine Bildungsschranke. Und wir sollten uns noch mehr bemühen, sie zu senken. Wenn wir eine Einführung zu einer Inszenierung anbieten, quetschen sich bis zu 200 Menschen ins Foyer, die eine Brücke zwischen sich und Schiller oder Shakespeare suchen. Um viel mehr geht es nicht. Das Theater als Spielwiese von Provokateuren oder selbstreferenziellen Avantgarde-Honks ist mir schon länger nicht mehr begegnet. Aber wir müssen darauf bestehen, dass wir manchmal komplizierter, poetischer, seltsamer sind und auch sein dürfen und müssen als die leichtgängige Unterhaltungsindustrie.

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Die Frage ist, wie man sich neues Publikum außer dem klassischen Bildungsbürgertum erschließt.

Wir tun jede Menge, um ein bunt durchmischtes Publikum in den Rängen zu haben, schon allein aus Eigeninteresse. Studenten, Auszubildende oder Hartz-IV-Empfänger kommen bei uns für 6 Euro ins Theater, eine Kinokarte ist teurer. Das ist natürlich nur durch Subventionen möglich. Außerdem haben wir das Programm "Thalia Migration" ins Leben gerufen, um uns neue Zuschauerschichten zu erschließen. Nur durch Bildungsbürger kann man ein Theater nicht auslasten. Und es wäre sozial auch öde.

Anstatt mehr Subventionen zu fordern, könnten Sie auch mehr Drittmittel und Sponsorengelder einwerben.

Als Ergänzung definitiv. Hier machen wir ohnehin schon viel: Neben dem klassischen Sponsoring auch Koproduktionen - allein drei in einer Spielzeit mit den Salzburger Festspielen - und Kapitalkampagnen zur Stärkung unseres Stiftungskapitals. Aber Hauptfinanzier bleiben Staat und Kommunen, zumindest solange man anders als in Amerika den Anspruch hat, unser europäisches kulturelles Erbe wachzuhalten. Der Staat investiert per Wirtschaftsförderung in Fußballstadien und Musicals, warum also nicht auch in Opern, Konzerte, Museen, Theater?


Spielplan
Bühne Joachim Lux begann seine Karriere 1982 als Regisseur und Dramaturg am Schauspiel Köln, ging dann nach Düsseldorf und Bremen, wo er unter anderem mit Christoph Schlingensief und Frank Castorf arbeitete.
Gaststpiel Nach zehn Jahren als Dramaturg und Chefdramaturg am Burgtheater Wien trat er 2009 am Thalia Theater in Hamburg seine erste Intendanz an.

Die Autoren des kontroversen Buchs "Kulturinfarkt" würden sagen: Weil die Kulturindustrie sich bitte schön erst mal marktwirtschaftlich ausrichten soll.

Den "Kulturinfarkt"-Autoren würde ich gern eine Hospitanz im Thalia Theater anbieten, damit sie sehen, wie hart hier gearbeitet wird. Hier hätte keiner Zeit, nebenbei noch ein schlechtes Buch zu schreiben.

Sie haben einmal darüber geklagt, dass in der Kaufmannsstadt Hamburg die Zuschauer eher fragen, wie teuer das Bühnenbild war, anstatt einfach darüber zu staunen und sich zu freuen. Sehen Sie es auch als Teil Ihres Bildungsauftrags, Ökonomen zum Staunen zu bewegen?

Ja, absolut. Das Kennzeichen des Protestanten ist ja das sparsame Nachdenken über Geld und damit auch über sich selbst. Der Sinn des Lebens liegt aber daran, sich zu verschwenden.

Wie erfolgreich waren Sie damit beim Chef des HWWI, Thomas Straubhaar? Als der 2009 forderte, die Subventionen zu streichen und von dem Geld lieber Kulturgutscheine für Bedürftige zu finanzieren, haben Sie ihn zu einer Aufführung von Elfriede Jelineks kapitalismuskritischem Stück "Die Kontrakte des Kaufmanns" eingeladen.

Wir haben uns danach noch zweimal gesehen. Erst haben wir uns gefetzt und dann eigentlich ganz gut verstanden. Es gibt einen Punkt, den ich nachvollziehen kann: Unternehmer arbeiten ihr ganzes Leben, ohne einen Euro vom Staat zu bekommen. Warum sollte also ein Theater Geld bekommen?

Und warum sollte es?

Erstens der kulturellen Identität eines Landes wegen. Zweitens geht es um ästhetische Bildung. Es ist neurologisch erwiesen, dass durch Theater eine andere Aufmerksamkeitsfähigkeit entsteht, sowohl im Sinne sozialer Kommunikation als auch in Bezug auf Sachfragen. Ich bin sicher, dass ein IT-Spezialist, der ein Abo bei uns hat, ein besserer IT-Spezialist ist als einer, der nie ins Theater geht. Und drittens muss gesagt werden: Kultur und Theater sind vollkommen überflüssig. Genau wie eine weiße Tischdecke, die man herausholt, weil man Gäste hat. Das Menschsein fängt da an, wo ich mir etwas leiste, was der üblichen Verwertungskette entzogen ist.

Da kann ich mir zwecks Menschsein aber auch Dinge leisten, die mich weniger anstrengen als ein Theaterbesuch.

Es stimmt schon, man muss am Anfang etwas investieren und bekommt vielleicht erst beim dritten Besuch Zugang zu dem, was auf der Bühne passiert. Aber wenn man das tut, hat man gegenüber anderen Formen der Unterhaltung einen überdurchschnittlich hohen Gewinn fürs Leben.

Interview: Hanna Klimpe

  • FTD.de, 29.07.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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