Eigentlich wollte er Priester werden, sagte Norbert Walter einmal. Stattdessen wurde er Chefvolkswirt der Deutschen Bank - und wurde damit zu einem der bekanntesten Ökonomen dieses Landes. Zugleich war er in dieser Position viel mehr als nur ein Zahlenlieferant für Ackermann Ackermann & Co. Er verstand es, in den fast zwei Jahrzehnten seiner Amstzeit - zwischen 1990 und 2009 - den Posten zum Chef-Denker, vielleicht sogar zum Gewissen der Deutschen Bank auszubauen, statt bloßer Erfüllungsgehilfe der Investmentbanker zu sein.
Walter war eine streitbare Reizfigur. Er schaltete sich gerne und durchaus provokant in gesellschaftliche Diskussionen ein. Seine Einheit baute er zu einem Thinktank aus, die sich auch mit gesellschaftlichen Themen wie demografischem Wandel oder der Messung von Wohlstand befasste. So verlieh er der Großbank im Außenbild zuweilen Werte und eine gesellschaftliche Verantwortung - was der Deutschen Bank mit ihrer besonderen Rolle in Deutschland gelegen kam.
Wissen um die Schattenseiten seiner Branche
All das basierte auf einem strengen Wertekanon. Walter war ein gläubiger Familienmensch mit klaren Prinzipien, Mitglied des Bundes Katholischer Unternehmer und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Auf einem kleinen Tisch in seinem Büro im 24. Stock des Frankfurter Deutsche Bank-Towers fanden sich unzählige Familienfotos. Auf die Frage, was die radikalste Veränderung sei, die er sich für das Weltwirtschaftssystem wünsche, antwortete er einmal: "Ich wünsche mir die Familie mit Mann, Frau und Kindern, die Geschwister haben, zurück und eine Welt, die Gott sucht und vielleicht findet - damit klar ist, dass Menschenwürde für niemanden disponibel ist, nicht für die Wirtschaft und nicht für die Medien." Mit seinen beiden Töchtern gründete er nach seinem Ausscheiden aus der Bank die Beratung Walter + Töchter. Auch als Banker versuchte er stets klarzumachen, dass es mehr gibt als nur Wirtschaft.
Im Jahr 2009, inmitten der Finanzkrise, als das Misstrauen gegenüber gierigen Bankern auf dem Höhepunkt war, hielt Walter die zehnte Berliner Rede zur Religionspolitik, referierte zu Glaube und Verantwortung in der Wirtschaftswelt. Er selbst stand den Exzessen seiner Branche höchst kritisch gegenüber. Noch im selben Jahr veröffentlichte er das Buch "Marktwirtschaft, Ethik und Moral".
Vielleicht war es eben dieser kritische Blick auf die Exzesse der eigenen Zunft, das Wissen um die Schattenseiten, die ihn 2009 recht früh zur Verkündung einer Zahl veranlassten, mit der er fortan verbunden wurde: Minus fünf Prozent - so stark würde die deutsche Wirtschaftsleistung einbrechen infolge der Lehman-Krise, verkündete er im Februar 2009 als Erster, zu einem Zeitpunkt, als viele noch gar nicht recht wussten, wie ihnen geschah.
Ein klarer Wertekompass und klare Meinungen
Walter war im wahrsten Sinne des Wortes ein Ökonom der alten Schule, der sich jedoch im Gegensatz zu manch anderem Ökonom seiner Generation dem Dialog mit neuen Strömungen und der Realität stellte - und auf dem Höhepunkt der Lehman-Krise für pragmatische Lösungen plädierte.
Seine wertorientierte Haltung schien allerdings immer weniger in die schnelle Welt des Investmentbankings zu passen. Walter als Chefökonom unter der neuen Führung des Londoner Bankingstars Anshu Jain - das hätte wohl kaum zusammengepasst. Erst im Frühjahr beklagte er den frühzeitigen Abgang seines Nachfolgers Thomas Mayer und die Zusammenlegung der beiden Research-Einheiten der Bank in London und Frankfurt. Mit diesem Schritt wurde auch ein Stück weit das Walters Erbe, des Thinkthanks DB Research begraben, munkelten einige Beobachter. Das passe zu einer Investmentbank, die kein unabhängiges Research haben wolle, sondern nur an Sales Support interessiert sei, so Walter. Sich und seinen Nachfolger Mayer verstand er als Denker, der jetzige Chefvolkswirt Folkerts-Landau dagegen sei dies nicht, weil er es auch nicht sein wolle, so Walter.
Walter war ein Überzeugungstäter. Durch seinen klaren Wertekompass hatte er klare Meinungen - was Ökonomen gängigerweise nicht gerade nachgesagt wird. Das verschaffte ihm eine enorme Medienpräsenz. Nur wenige Ökonomen in Deutschland waren so oft in Fernsehen, Radio oder Print vertreten. Als Chefdenker der größten deutschen Bank war er jahrelang ständig auf Achse. 80 Stunden pro Woche arbeite er, 250 Nächte im Jahr schlafe er nicht daheim, gab er einst an. Jedes Jahr reiste er zwei Monate nach Asien. 2008 sagte er zu seiner bevorstehenden Pensionierung, dass er 2009 definitiv aufhören werde, weil er "nicht irgendwann den Warnschuss vom Arzt oder lieben Gott" bekommen wolle.
Nach seiner Pensionierung 2009 wurden Walters öffentliche Auftritte deutlich seltener. Die Vehemenz, mit der Walter seine Standpunkte vertrat, blieb jedoch gleich. Mit seinem Tod hat Deutschland nun einen seiner meinungsstärksten Ökonomen verloren.