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Merken   Drucken   21.10.2012, 12:45 Schriftgröße: AAA

Agenda: Obsternte ist der Mühe nicht Wert  

Auf deutschen Äckern läuft das Erntefinale. Es wird gepflückt und geschnitten, was wir in den nächsten Monaten essen werden. Wer rausfährt zu den Saisonarbeitern, kann live sehen, welche Folgen es hat, dass der deutsche Konsument so ist, wie er ist: geizig, faul, ahnungslos.
© Bild: 2012 DPA/Bildfunk/Henning Kaiser
Premium Auf deutschen Äckern läuft das Erntefinale. Es wird gepflückt und geschnitten, was wir in den nächsten Monaten essen werden. Wer rausfährt zu den Saisonarbeitern, kann live sehen, welche Folgen es hat, dass der deutsche Konsument so ist, wie er ist: geizig, faul, ahnungslos.
von Karin Prummer, Altenwahlingen/Kaiser-Wilhelm-Koog/Jork

Niedersachsen im August, ein staubiger Feldweg im Morgengrauen.

Bauer Raimund Schliephake ruckelt in seinem Lieferauto zur Heidelbeerplantage. Das Handy klingelt. "Ja?", schreit er, bremst, steht. Lautsprecher an.

"Können Sie brauchen georgische Studenten?", knarzt eine Frauenstimme. "Fünf Jungen, ein Mädchen. Sähr, sähr liebe, hübsche Mädchen."

"Ja, ja, hübsch", knurrt Schliephake und schreit ins Handy. "Hübsch ist zweitrangig! Müsse arbeite wolle! Fleißig!"

"Ja, ja, sähr, sähr fleißig", knarzt die Frauenstimme, "und sähr hübsch."

Sie werden sich einig. Morgen schon kommen die Studenten an. Schliephake legt auf. Das war die georgische Partnerorganisation der Arbeitsagentur. "So läuft das hier", sagt er.

Herkunft ost- und mitteleuropäischer Saisonarbeiter in der ...   Herkunft ost- und mitteleuropäischer Saisonarbeiter in der deutschen Landwirtschaft

Es ist Erntezeit in Deutschland. Nach Spargel, Gurken und Beeren sind jetzt, im Finale, die späten Früchte dran. Im Norden schneiden Helfer unter dem Flügelschlag der Windräder Kohl. Im Alten Land bei Hamburg holen sie mit klammen Fingern die Äpfel von den Bäumen. Georgier und Polen, Rumänen und Bulgaren ernten, was wir in den nächsten Monaten essen. Und obwohl es fast nie Deutsche sind, die diese harte Arbeit verrichten, kann man viel dabei lernen über uns, den deutschen Verbraucher. Wie wir ticken. Und welche Folgen das hat. So wie bei Bauer Schliephake und seinen hübschen Georgiern.

Altenwahlingen: Die Heidelbeere

Heidelbeeren sind in, und daran haben die Amerikaner schuld. Aus dem Mutterland der Blaubeere kommen Blueberry-Muffins und Blueberry-Cakes nach Deutschland, der Konsum dieser Modefrucht ist in den letzten zehn Jahren um 30 Prozent gestiegen. Aber kosten darf sie trotzdem kaum etwas, sagt Schliephake. Für ein Kilo zahlt ihm der Großhandel in der Hauptsaison 2,42 Euro. Aber ein Kilo Beeren muss man erst mal pflücken. Jede muss einzeln vom Busch geholt werden, vorsichtig, mit der Hand, weil sie so leicht und empfindlich ist. Die meisten Obst- und Gemüsebauern setzen seit Jahrzehnten auf polnische Erntearbeiter. "Die wären mir auch lieber", sagt Schliephake, "aber die sind beim Produkt Heidelbeere nicht drin. Die arbeiten für das wenige Geld nicht mehr, das ich zahlen kann." Aber Studenten aus Georgien, aus der Ukraine oder aus Weißrussland. Sie pflücken Akkord, 90 Cent pro Kilo. Damit die hippe Beere schön billig bleibt.

Schliephake will nicht lange darüber philosophieren, warum wir bei Lebensmitteln zuerst auf den Preis achten, so sehr wie kein anderes Volk in Europa. Er muss zusehen, wie er damit zurechtkommt. Denn wenn wir es billiger wollen, wollen es Aldi und Rewe vom Großhändler billiger, der will es billiger vom Bauern, und der Bauer braucht billigere Arbeiter.

Schliephake hupt, springt auf der Plantage aus dem Auto. Seine Helfer heben träge ihre Köpfe. "Ready?", ruft er, kontrolliert die Eimer. "Okay, then follow! Giorgi komm, Kapuzenmann come!" Er stapft los zu den Strauchreihen voller Beeren, die im Nebel vor ihm liegen. 120 Jungen und Mädchen schlurfen hinter ihm her, Weißrussen, Moldawier, Bosnier, Russen. Sie schweigen oder murmeln leise.

"Manchmal denke ich, ich bin in Russland", sagt Giorgi Uschweridse, 22 Jahre alt. "Eigentlich wollte ich Deutsch üben, aber hier kann keiner Deutsch." Uschweridse macht demnächst seinen Abschluss in Germanistik, danach will er Jura studieren, in Deutschland. Dafür braucht er Geld. Geld, das er zu Hause im 3000 Kilometer entfernten Georgien nicht verdienen kann. Schon das dritte Jahr in Folge fliegt er deshalb "zu Raimund".

Uschweridse zurrt den Gürtel mit dem Beereneimer fester. Er muss schnell sein. Akkord minus 3,80 Euro pro Tag für Wasser und Strom in den Schlafcontainern. Und minus den Flug, der hat 656 Euro gekostet. Zieht er das ab, wird er nach zwei Monaten etwa einen Verdienst von 1300 Euro haben. 650 Euro im Monat für acht Stunden Pflücken am Tag. In Georgien bekommt er nur 200 Euro im Monat, wenn er neben dem Studium sechs Stunden am Tag jobbt.

Es ist also ein gutes Geschäft für Deutschland und ein gutes für Uschweridse. Aber er trägt das Risiko. An perfekten Tagen verdient er bis zu 80 Euro, heute sollen sie kleine Sorten pflücken, die wiegen kaum was. "Pech", sagt Uschweridse. Schliephake schreit "Los! Go!" Sie arbeiten schweigend, konzentriert, es klingt, als würden überall im Gebüsch Tiere rascheln.

Um halb eins ist Mittagspause. Uschweridse stöhnt. "Oh, was habe ich heute wenig geschafft." 21 Kilo in sechseinhalb Stunden, 18,90 Euro. Nach einem guten Tag genehmigen sich Uschweridse und seine Freunde abends ein Bitburger. An schlechten gibt's Oettinger. Heute ist ein Oettinger-Tag.

Schliephake lässt sich in einen Gartenstuhl fallen, nippt am Kaffee und erzählt, wie er die Heidelbeere billig hält: "Ich reize alles aus, soweit es geht. Alles legal." Studenten pflücken für weniger Geld als normale Arbeiter. Und Georgier oder Ukrainer pflücken für weniger Geld als EU-Bürger. Deswegen heuert er über die Arbeitsagentur Studenten an, aus "Drittstaaten", wie es im Behördenjargon heißt. Er hat Glück, dass seine Beeren im Juli und August geerntet werden, da sind in vielen Ländern Semesterferien. Für seine Studenten muss Schliephake keine Sozialversicherung zahlen, wenn er sie maximal zwei Monate beschäftigt. Viele Heidelbeerhöfe arbeiten so.

Hat auch Nachteile, sagt der Bauer: "Das sind junge Würmer, die stecken sich Knöpfe ins Ohr und passen nicht so gut auf." Ist aber insgesamt, sagt er, "'ne lustige Truppe". Letztes Jahr wusste er alle 120 Namen auswendig, viele kommen ihre ganze Studienzeit zu ihm. Im Herbst schicken sie eine Mail, wenn sie im nächsten Jahr wieder wollen. Dann fordert Schliephake sie namentlich bei der Behörde an. Visa beantragen, Reise organisieren, das machen die Studenten selbst.

Knapp 7000 sind so 2011 nach Deutschland gekommen. In der Statistik für Saisonarbeiter tauchen sie gar nicht auf. Sie gelten als Ferienjobber.

Kohl and the Gang: Polnische Helfer holen die Ernte in ...   Kohl and the Gang: Polnische Helfer holen die Ernte in Kaiser-Wilhelm-Koog vom Acker

Kaiser-Wilhelm-Koog: Der Kohl

Schleswig-Holstein Anfang Oktober, ein Wintergarten in der Mittagssonne.

Er hat alles schon versucht. Hat Baby-Kohl angebaut und Single-Kohl für die Alleinstehenden in den Städten. Nur ein Kilo Gewicht pro Kohlkopf statt normalerweise zweieinhalb. "Hat alles nichts gebracht", sagt Kohlbauer Karl-Albert Brandt, hebt die Arme, lässt sie wieder fallen.

Da sitzt er, kurz nach dem Mittagessen mit den Erntearbeitern, im Wintergarten seines Rotklinkerhäuschens und reibt sich den weißen Bart. Es riecht nach der Gemüsesuppe und den Wiener Würstchen, die seine Frau Elsbeth eben für alle serviert hat.

Ihr Hof liegt in Kaiser-Wilhelm-Koog, nur ein paar Hundert Meter vom Deich und der Nordsee. Von hier, ganz oben in Deutschland, beobachtet Brandt eines ganz klar: "Die deutsche Hausfrau weiß nichts mehr mit dem Kohlkopf anzufangen."

Brandts Sorgen teilen sie beim Deutschen Bauernverband in Berlin. "Blumenkohl, Kohlrabi, tut sich alles schwer", sagt der Referent für Obst- und Gemüsebau, Hans-Dieter Stallknecht. "Das muss alles geschnitten und gekocht werden. Die Arbeit macht sich keiner mehr." Was sich stattdessen sehr gut verkauft, ist fertig geschnittener Salat in Plastiktüten.

Solange es noch ein paar gute Jahre gibt, will Brandt nicht darüber nachdenken, den Kohl aufzugeben. Der Landkreis Dithmarschen ist doch das größte zusammenhängende Anbaugebiet Europas! 80 Millionen Kohlköpfe werden hier jedes Jahr geerntet, Weißkohl, Rotkohl, Spitzkohl, Grünkohl, Rosenkohl. Sie haben junge Mädchen als Kohlregentinnen, ein Kohlosseum, Kohlkunst und Kohltage mit Kohlwanderungen. Aber bringt das was? Brandt schnauft schwer und sagt: "Ach, wenn ich ehrlich bin: Ich glaube nicht."

Mit dem Kohl ist es auch deshalb so kompliziert, weil die Ernte so hart ist. Weil man sich nach jedem Kohlkopf bücken muss, die losen Blätter an den Seiten wegdrücken; ein Messer in den Strunk rammen, damit sich der Kopf löst; dann wieder aufrichten und den Kopf zu den Helfern werfen, die ihn sachte in den Anhänger legen. Jeder Knick, jeder Riss kann dazu führen, dass der Kohl anfängt zu faulen. Brandt sagt: "Jeder Kopf ist, ich sach ma, wie ein rohes Ei." Und 2,5 Kilo schwer. Einige Arbeiter haben die Hände bandagiert. Sehnenscheidenentzündung. Etwa 750 Tonnen Kohl werden sie geschnitten haben, wenn sie im November mit den zehn Hektar fertig sind.

Es stürmt, eisig. Janusz Jozwiak, 40 Jahre alt, versucht, sich mit den Gummihandschuhen die Kappe weiter in die Stirn zu ziehen. Hier ist er der Kopf der Helfertruppe - zu Hause im polnischen Kolo arbeitet er als Elektriker, Maler, Fliesenleger. "Größte Scheiße hier ist der Wind", sagt er. Dann grinst er und fragt: "Na, was sagt Ali? Warum nimmt er immer Polen?" Karl-Albert "Ali" Brandt hat gesagt, er habe überlegt, auf günstigere Rumänen umzusteigen, aber es klappe so gut mit seinen erfahrenen Polen. Die kommen teils seit mehr als 20 Jahren. "Ich wusste es", ruft Jozwiak. "Wir Polen sind die Besten!"

Ein bisschen sei er in Deutschland schon zu Hause, sagt er, hat sich hochgearbeitet. Als Einziger darf er allein in einem Zimmer schlafen, muss den Soundtrack der Ernte nicht hören, das Schnarchen übermüdeter Männer. Die Beziehungen sind gewachsen, zu den "Heinzelmännern" - so nennt Sozialgeograf Jörg Becker von der Uni Osnabrück die Hunderttausenden polnischen Erntehelfer, weil sie jedes Jahr wiederkommen und eine Millionenwertschöpfung erarbeiten, fast unbemerkt von den Deutschen.

7,50 Euro die Stunde zahlt Brandt, die Polen übernachten kostenlos. Seine Frau serviert gratis Frühstück, das Mittagessen, Kaffee und Kuchen. Es liefe alles reibungslos, wäre da nicht der Weltmarkt.

2010, als in Russland und der Ukraine Dürre herrschte, da war Kohl knapp und begehrt. Die Dithmarscher verkauften für bis zu 50 Cent das Kilo. 2011 bekamen sie dann noch 3 Cent, viel zu viel war auf dem Markt. Zigtausende Tonnen mussten sie entsorgen, am Ende fraßen Biogasanlagen und Kühe den Kohl von Bauer Brandt.

Er brauchte ein zweites Standbein. Zum Glück gibt es jetzt dieses größte Projekt der Bundesrepublik, für das die Deutschen sehr, sehr viel Geld ausgeben: die Energiewende. Brandt macht Windkraft und Fotovoltaik. "Ein Segen", sagt er. Wenn die Landwirtschaft gut läuft, stammen 30 Prozent seiner Einnahmen aus der Einspeisevergütung für Ökostrom. In einem schlechten Jahr sind es 70 Prozent. Dann retten ihn Wind und Sonne.

Heute ernten die Deutschen: Hilma und Klaus-Dieter Lüth auf dem ...   Heute ernten die Deutschen: Hilma und Klaus-Dieter Lüth auf dem Apfelhof von Axel Schuback im Süden Hamburgs

Jork: Der Apfel

Das Alte Land im Hamburger Süden im Oktober, ein Apfelhain voller aufgeregter Städter.

Heute ernten auf dem Apfelhof die Deutschen. Naja, wie die Deutschen eben ernten. Von ihrem Traktor aus schauen Jacek und die anderen polnischen Saisonarbeiter fasziniert auf den Trubel.

In Stöckelschuhen staksen zwei Frauen durch den Matsch, sinken ein, wanken, johlen. Andere packen vor den Bäumen Paprika-Sticks, Dips und frisch geborene Babys aus Tragetaschen. Manche umarmen die Bäume, bevor sie den ersten Apfel anfassen.

Es ist nun schon der zweite dieser Deutschen-Erntetage, die Jacek in diesem Jahr miterlebt. Was er davon hält, wolle er lieber nicht so genau erzählen, er grinst. "Ich sage nur: Axel ist guter Geschäftsmann."

Dass Obstbauer Axel Schuback die Deutschen zum Ernten gebracht hat, verdient vor allem Respekt: Ganze Bundesregierungen sind daran gescheitert, Staatsbürger zur Erntearbeit zu verpflichten - alle hatten Rücken oder Allergie oder ganz offen keinen Bock auf die schwere Arbeit. Es ging einfach nicht.

Aber der lange, schlanke Obstbauer mit Koteletten und Dreitagebart, 40 Jahre alt, ist ein guter Beobachter. Lange hat er den Menschen zugehört, die in seinen Hofladen kamen. Den Touristen, die seufzten: "Ach, wir hätten auch so gerne einen Apfelbaum, aber wir haben doch keinen Garten." Bei allen fühlte er eine Sehnsucht nach dem Land, diese viel beschriebene Landlust. Sie waren neugierig, hatten aber andererseits keine Ahnung. Daraus haben er, sein Bruder und seine Frau ein Geschäft gemacht.

Die Schubacks vergeben Patenschaften für Apfelbäume. Für ein Jahr denken die Leute, ein ganz bestimmter Baum auf dem Hof gehörte ihnen. Sie bekommen eine Urkunde, auf der steht, dass sie als Pate ihren Baum besuchen dürfen und ihn ernten, wenn die Äpfel reif sind. 44 Euro kostet das. Wenn weniger als 20 Kilo auf dem Baum sind, legt Schuback noch Äpfel von anderen Bäumen drauf. Nüchtern betrachtet verkauft Schuback Äpfel für 2,20 das Kilo, etwa zum Supermarktpreis, die man aber selbst pflücken muss. Nur: Niemand hier betrachtet es nüchtern.

"Ach, ist der hübsch!", ruft Hilma Lüth, 70 Jahre, aus Bremen, in Halbschuhen mit Seidensöckchen, mit Lippenstift und Perlen. Sie steuert mit Mann, Tochter, befreundetem Ehepaar auf ihren Baum zu. Erstmal fotografieren. Die Patenschaft war ein Geschenk zum Geburtstag, sagt Lüth. Das sei was ganz Besonderes für jemanden aus der Stadt.

"Hier", sagt sie und pflückt einen Apfel, so wie es ihr Schubacks Helfer erklärt haben: mit Stiel, weil er sonst schneller kaputt geht. "Die schwarzen Stellen, das ist, weil es schlimm gehagelt hat." Lüth weiß das aus dem Newsletter, den der Bauer alle paar Monate schreibt, sogar ein Foto war dabei von Hageleinschlägen auf kleinen grünen Äpfeln. Das sei aber nur ein optisches Problem, den Apfel könne man trotzdem essen. Wahrscheinlich macht sie Chutney draus. Würde sie so einen Apfel auch im Supermarkt nehmen? "Hm, wahrscheinlich nicht", sagt sie.

Er würde dort auch gar nicht liegen. Nur ein paar dieser schwarzen Flecken, und der Handel nimmt sie nicht, weil sie keiner kauft. Tagelang haben Jacek und die anderen Arbeiter genau solche Äpfel als Ausschuss von Schubacks anderen Bäumen geholt, eine Drecksarbeit, im Nieselregen, bei eisigem Wind, der die nackten Finger an den Äpfeln einfrieren lässt.

Die Lüths bringen am Ende mit ihrer Ernte 28 Kilo auf die Waage und freuen sich gemeinsam bei Kaffee und Kuchen in Schubacks Scheune darüber. Axel Schuback mag das Wort "Event" nicht, aber natürlich hat er eines geschaffen.

Gutgelaunt streift er mit seinem Bruder Jürgen und mit einer Zigarette im Mundwinkel über den Hof. 1500 Patenbäume sind es jetzt schon, und grundverschiedene Paten. Wohlhabende Hamburger mit Polohemden hatte er schon, Alternative, Rocker. Rührend ist das alles, wären da nicht die Fragen, die kommen. "Unfassbar!", sagt Schubacks Bruder Jürgen. "Die Leute haben den Kontakt verloren. Die Distanz zu dem, was man sich jeden Tag in den Mund steckt, ist unfassbar groß." Wie oft im Jahr man einen Apfelbaum ernten kann? Ob die vertrockneten Stämme hinter der Scheune bald wieder eingebaut werden? Manchmal denke er sich schon, sagt der Bauer: "Oh Herr, lass Hirn regnen!"

Aber weil es ihnen ja auch Spaß macht, etwas zu erklären, atmen die Brüder dann tief durch und legen los: dass an dürren Stämmen gar nichts mehr wächst und dass Deutschland nicht in den Tropen liegt, man also nur einmal im Jahr ernten kann. Dass man aber das ganze Jahr über Äpfel aus dem Alten Land bekommt, weil es frühe und späte Sorten gibt, und weil man die Früchte im Ultra-Low-Oxygen-Lager teilweise bis in den nächsten Sommer aufheben kann: im Apfelkoma, bei ganz wenig Sauerstoff in der Luft, sodass sie frisch bleiben.

Wenn die letzten Kunden ihre Kisten vom Hof geschleppt haben, hat Schuback ein schönes Geschäft gemacht. "44 Euro mal 1500", sagt er. Bei den Patenbäumen werden Jacek und die anderen polnischen Saisonarbeiter trotzdem noch einmal nacharbeiten müssen. Weil nur drei Viertel der Paten ihren Baum auch abernten und man auch noch kontrollieren muss, ob sie es gründlich genug getan haben.

So ist das, wenn die Deutschen ernten.

  • Aus der FTD vom 21.10.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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