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Merken   Drucken   06.12.2012, 19:02 Schriftgröße: AAA

FTD-Reporter im Einsatz: Wir waren Helden

Irrflug mit Angela Merkel, Pullern bei Saddam, Zickenkrieg mit Posh Spice: Was man als FTD-Reporter erlebt, glaubt einem oft kein Mensch. Hier sind die besten Storys von unterwegs
© Bild: 2012 FTD/Carmen Rodriguez
Irrflug mit Angela Merkel, Pullern bei Saddam, Zickenkrieg mit Posh Spice: Was man als FTD-Reporter erlebt, glaubt einem oft kein Mensch. Hier sind die besten Storys von unterwegs
Mannesmann Mobilfunk in Frankfurt-Rödelheim   Mannesmann Mobilfunk in Frankfurt-Rödelheim

Es ist der 3. Februar 2000, später Nachmittag. Mit der Übernahme von Mannesmann durch Vodafone steht die teuerste Firmenübernahme aller Zeiten kurz vor der Entscheidung. Wochenlang haben sich Mannesmann-Chef Klaus Esser und sein Gegenspieler Chris Gent eine erbitterte Schlacht geliefert. Es geht um die Vorherrschaft im europäischen, vielleicht sogar im globalen Mobilfunkmarkt. Am Tag zuvor ist Gent in Düsseldorf eingetroffen - ein klares Signal, dass es jetzt ums Ganze geht. Im Erdgeschoss des Mannesmann-Hochhauses in Düsseldorf warten Hunderte Journalisten auf das Ergebnis der Verhandlungen. Die meisten von ihnen haben noch plumpe Handys mit Antennen dran.

Das meines Kollegen von der Schwesterzeitung "Financial Times" klingelt. Am anderen Ende sein Kollege aus New York. Er hat die Nachricht, auf die alle warten: Vodafone übernimmt Mannesmann! Per Handy angerufen hat ihn ein Banker, der oben im Mannesmann-Hochhaus mit am Verhandlungstisch sitzt. Die Nachricht aus New York ist schneller da als der Aufzug aus dem obersten Stock. Der beste Beweis, dass der Siegeszug der Mobiltelefonie nicht aufzuhalten ist.

Kirsten Bialdiga

Zwei Radfahrer fahren durch die dunklen Straßen von Manhattan   Zwei Radfahrer fahren durch die dunklen Straßen von Manhattan

Es gibt Jobs, die aufregender klingen, als sie es gewöhnlich sind. FTD-Korrespondent in New York ist so einer. Coole Stadt, gewiss, doch bei der Arbeit geht es vor allem um Banken und Bilanzen, um Pleiten und Übernahmen. Das jedenfalls erzählt mir mein Vorgänger Kurt Pelda, als er mir, gefrustet vom Einerlei, das New Yorker Büro übergibt, um Afrikakorrespondent zu werden. Im Juli 2001.

Keine sechs Wochen später finde ich mich am Hudson River wieder, umgeben von Menschen in Bürokleidung, die flussaufwärts wandern, während ich mein Fahrrad in die entgegengesetzte Richtung schiebe - dorthin, wo die Türme des World Trade Center brennen. Es mag an meinem Mangel an Fantasie liegen oder an den Einlassungen meines Vorgängers, jedenfalls halte ich mein Vorhaben weder für besonders gewagt noch für gefährlich. Das ändert sich um 9.59 Uhr. Vor meinen Augen stürzt der Südturm Stockwerk um Stockwerk zu Boden. Endlose Sekunden dauert das, in denen keiner der Umstehenden sich regt, und weitere Sekunden ziehen ins Land, in denen die Wolke aus Beton, Staub und Asche näherkommt. Erst als sie bereits aus den Seitenstraßen quillt und Panik heiß in mir hochkriecht, reiße ich mein Fahrrad herum und trete in die Pedale, einfach nur weg.

Erst am Fitnesscenter an den Chelsea Piers halte ich schließlich an. Die Angestellten haben Wasserspender nach draußen geschleppt, um die Abertausenden von Menschen zu versorgen, die seit 9 Uhr morgens vorbeiziehen. Hier erst erfahre ich, dass zwei weitere Flugzeuge abgestürzt sind, in Pennsylvania und ins Pentagon, und dass noch mehr entführte Maschinen in der Luft sein könnten. Zweieinhalb Jahre berichte ich danach noch aus New York - und bin dankbar für jeden Tag, an dem es um Banken und Bilanzen geht.

Ulrike Sosalla

"Like"-Button auf dem Facebook-Campus in Menlo Park   "Like"-Button auf dem Facebook-Campus in Menlo Park

Das Timing ist nicht das Beste: Kurz vor dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 sucht die Financial Times ein neues Büro für ihre Korrespondenten im Silicon Valley. Von einer verqualmten Wohnung in San Mateo geht es schließlich in repräsentative Räume im Herzen San Franciscos. Entsprechend Dotcom-angepasst ist die Jahresmiete von 360.000 Dollar. Vermieter: die Grosvenor Group des Duke of Westminster, einer der größten Grundbesitzer Großbritanniens. In San Francisco belegt er seine zahlreichen Objekte gern mit britischen Traditionsmarken; Burberry und der Hemdenhersteller Thomas Pink gehören zu den Nachbarn. Als Korrespondentin für die FTD ziehe ich mit dem Kollegen Joachim Zepelin und der FT-Mannschaft Anfang 2001 in die neuen Büros.

Dazu gehört auch ein 200 Quadratmeter großer Konferenzraum, den man sich für mögliche Erweiterungen des boomenden Silicon-Valley-Standorts gesichert hat. Kurz nach dem Erstbezug platzt dann die Blase, der hoffnungsvoll gemietete Extraraum wird in all den Jahren nur ein einziges Mal genutzt: für Zepelins Abschiedsparty. Bevor jetzt aber das große Geschrei losgeht: Für die FTD ist das Büro am Pazifik bis heute mehr als ein Schnäppchen. Die komplette Miete zahlt das britische Schwesterblatt.

Helene Laube

Manuel Valls   Manuel Valls

Am 14. Mai 2012 lädt Manuel Valls in Paris zum Umtrunk. Es ist der Tag vor der Vereidigung von François Hollande zum französischen Staatspräsidenten. Und Valls - der wenig später Innenminister wird - feiert seinen Erfolg als Wahlkampf-Kommunikationschef. Gerade werden feine Häppchen gereicht, da betritt Hollande den Raum. Der Präsident in spe gibt sich, wie er sich am liebsten sieht: nahbar, freundlich, normal. Er begrüßt jeden Gast persönlich. "Ich habe vor, morgen nach Ihrer Vereidigung mit Ihnen nach Berlin zu fliegen", sage ich zu ihm. Das ist ein bisschen frech. Und ein kleiner Test, wie nahbar er wirklich ist. Hollande schaut mich kurz verwirrt an: "Aha, ich verstehe." Ein typischer Hollande-Satz, der nichts sagt und alles offen lässt.

Wenig später stellt der Élysée klar, dass die Journalisten getrennt von Hollande in einer Militärmaschine fliegen. Der Präsident reist im kleinen Regierungsjet - in den kurz nach dem Start der Blitz einschlägt. Berühmt wird dieser Vorfall später als Omen für das spannungsgeladene Verhältnis, das der neue Staatschef zu Angela Merkel pflegt. So heftig ist der Einschlag, dass der Jet umkehren muss. Teilnehmer des ominösen Flugs berichten später von einem Knall, heftigem Rütteln und einem sehr mulmigen Gefühl. Ich für meinen Teil wurde bei dieser Recherche kein Held - und bin froh darum.

Leo Klimm

Eine Demonstrantin vor dem griechischen Parlament in Athen   Eine Demonstrantin vor dem griechischen Parlament in Athen

Athen am 15. Juni 2012, zwei Tage vor der griechischen Parlamentswahl, genannt "Schicksalswahl". Langsam verstehe ich: Die Redaktionshäuptlinge haben sich gestern in der guten Stube etwas ausgedacht und heute gedruckt. Eine Wahlempfehlung. Die Deutschen erklären den Griechen, wen sie wählen sollen (die Konservativen) - und das, obwohl sich viele Griechen eh unter dem Spardiktat der Deutschen fühlen. Würde sicher für Tumult sorgen. Hätte ich gesagt, wenn man mich vorher gefragt hätte. So aber giftet mir am Morgen eine Krankenschwester entgegen: Sind Sie das mit der Wahlempfehlung? Nein, höre ich mich noch sagen, bestimmt nicht, so etwas machen wir natürlich nur für Deutschland. Dann kommt die SMS vom Chef.

Alle politischen Interviewpartner sagen ab; der Leiter des griechischen Journalistenbüros, mit dem ich arbeite, empfiehlt mir auszureisen. Am Wahltag spreche ich im Wahlbüro eine ältere Dame an: "Ich bin Journalistin bei der FTD..." - Flatsch! macht es an meiner linken Wange. Sie hat gespuckt. Der Übersetzer bekommt einen Lachanfall. Ich bitte ihn, beim nächsten Interview zu sagen, dass wir von der französischen Tageszeitung "Le Monde" kommen. Der Grieche, den wir ansprechen, kann Französisch und antwortet auch so. Ich kann's nicht. Chef, wo bist du?

Karin Prummer

Totale Zerstörung: Der Tsunami vom 11. März 2011 hat das Zentrum ...   Totale Zerstörung: Der Tsunami vom 11. März 2011 hat das Zentrum der Kleinstadt Rikuzentakata vollständig zerstört

Am zweiten Weihnachtstag 2004 höre ich zum ersten Mal das Wort Tsunami. Ein Erdbeben im Indischen Ozean hat riesige Wassermassen an die Küsten Indonesiens, Thailands, Indiens und Sri Lankas krachen lassen. Phuket - ist das nicht ein bekannter Urlaubsort? Der Ballermann-Strand von Thailand? Bald wird klar, dass dort fast 1000 deutsche Urlauber vermisst werden. Ich bin in der Berliner Politikredaktion für Asien zuständig, also mache ich mich auf den Weg ins Ungewisse. Linienflüge sind alle weg, auf der Suche nach einer Charterverbindung fliege ich erst nach Frankfurt, dann weiter nach München. Dort muss ich eine Erklärung unterschreiben, dass ich auf eigene Verantwortung in die Condor-Maschine steige. Es ist eine beklemmende Reise: in den Gängen Spürhunde, auf den Sitzen THW-Leute und Angehörige von Vermissten.

Die Eindrücke der nächsten Tage sind nur schwer zu ertragen. Über den verwüsteten Stränden hängt der Geruch von Verwesung. Helfer stapeln Leichen in buddhistischen Tempeln. In den Krankenhäusern operieren die Ärzte auf den Gängen. Aber nicht jeder will sich den Urlaub verderben lassen. Die Tiger Bar am Strand von Patong ist der Welle knapp entgangen, und am Silvesterabend treffe ich dort zwei junge Österreicher, beide mit Thailänderin auf dem Knie. Die Party müsse weitergehen, finden sie. Nur dass der Strand weg ist, das sei schon schade.

Sabine Muscat

In ihrer Ehe entscheidet Victoria Beckham, welche Dinge groß sind   In ihrer Ehe entscheidet Victoria Beckham, welche Dinge groß sind

Wer Victoria Beckham treffen möchte, muss über Monate um ein Interview betteln, dem Pressestab vorab Fragen schicken und vertraglich geloben, nichts Böses zu schreiben. All das tue ich und bekomme ein 30-minütiges Einzelgespräch. Ich soll dazu nach Peking kommen, die Designerin stellt dort einen Range Rover vor, für den sie die Fußmatten gestaltet hat. Ich fliege also 7500 Kilometer, um die Britin zu treffen. Ich glaube an ein Einzelgespräch. Das ist naiv. Ihr zur Seite thront der Range-Rover-Designer, im Rücken spüre ich die strengen Blicke von fünf Damen aus dem Management. Mrs Beckham lächelt. Der Autodesigner führt jeden Satz zu Ende, den sie beginnt. Nach einigen Minuten weise ich darauf hin, dass ich gern mit Mrs Beckham sprechen würde.

Die Stimmung verdüstert sich. Da spaziert die Nanny samt Baby Harper herein. Alle sind verzückt. Beckham wird gesprächig: Ihre Tochter trage ein Kleid von Carmel und möge kein Rosa. Ich sage, ich sei nicht von einem Peoplemagazin, sondern von der FTD. Auf Mamis Schoß entdeckt Harper mein Aufnahmegerät und fängt an, es zu lutschen. Irgendwer zeigt auf die Uhr, die Zeit läuft ab. Die nächste Frage leite ich wohl unklug ein: "In Ihrer Autobiografie sprechen Sie von sich selbst als meistgehasste Frau Englands ..." Weiter komme ich nicht. Die Managementladys springen auf. Die Frage sei nicht autorisiert. Ich hätte sie ja noch gar nicht gestellt, sage ich, das sei ein Zitat. Man ruft die Security. Das Interview ist nach 19 Minuten beendet, ich sitze vor der Tür.

Bianca Lang

Lehman Brothers   Lehman Brothers

September 2008: Gerade ist die Investmentbank Lehman Brothers zusammengebrochen, der weltgrößte Versicherer AIG wird zwangsverstaatlicht, die Börsen spielen verrückt, es geschehen Dinge, die ich nur aus dem Geschichtsbuch kenne. Und im Bundestag bollert Finanzminister Peer Steinbrück, die Krise sei ein amerikanisches Problem.

Das kann schon damals kaum einer nachvollziehen, der sich näher mit der Krise beschäftigt. Und doch wird auch mir erst nach und nach klar, inwieweit das alles auch mich berührt - nicht nur beruflich, sondern auch privat. Mein Erweckungserlebnis: ein vertrauliches Gespräch mit einem Topmanager von Lehman in Deutschland. "Ich kann Ihnen jetzt nur noch das raten, was ich selbst gerade gemacht habe", sagt mir der Investmentbanker. "Heben Sie am Automaten so viel ab wie möglich. Sie müssen flüssig sein, um einkaufen zu können, wenn die Bargeldversorgung zusammenbricht. Kaufen Sie Gold, vergraben Sie es im Garten. Und verteilen Sie den Rest auf Sparkassen und Genossenschaftsbanken, die sind halbwegs sicher. Mein Konto bei der Commerzbank hab ich leer geräumt, auch die Deutsche Bank ist jetzt nicht mehr sicher. Wie eigentlich alles."

Als Journalist bin ich fasziniert vom Tempo des Zusammenbruchs. Als Privatmann habe ich Angst. Meine Frau und ich nehmen uns die Worte des Bankers zu Herzen: Wir heben Tausende Euro ab, die wir im Bücherregal verstecken, um gewappnet zu sein für das, was kommen könnte.

Ganz so schlimm wird es dann bekanntlich nicht - auch weil Steinbrück seine Fehleinschätzung korrigiert und am 5. Oktober mit der Kanzlerin die Regierungsgarantie auf Spareinlagen ausspricht.

Der Lehman-Manager arbeitet heute übrigens bei einer jener Banken, vor denen er mich damals warnte.

Tim Bartz

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Besichtigung der Halle für ...   Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Besichtigung der Halle für den Bundesparteitag der CDU vom 03.-05- Dezember

Sicherer als mit der Bundeskanzlerin kann man nicht reisen, habe ich immer gedacht. Bis zum 31. Mai 2011. An diesem Tag sitze ich in Angela Merkels Dienstjet und schlafe. Wir sind abends in Berlin gestartet und sollen morgens in Neu-Delhi landen, wo die Kanzlerin Indiens Premier Manmohan Singh treffen will. Mitten in der Nacht schrecke ich aus dem Schlaf. Ein Kollege hinter mir hat laut gerufen: "Was ist denn da los?" Ich weiß nicht, was er meint, bis ich auf den Monitor blicke, auf dem unsere Flugroute angezeigt wird. Wir sind über dem Westen des Iran - haben dort aber schon vier Kreise gedreht, statt geradeaus nach Delhi zu fliegen. Auch die anderen Kollegen sind jetzt hellwach. Was denn los sei, fragen wir eine Stewardess. Sie verspricht, sich im Cockpit zu erkundigen. Wenig später kommt sie zurück, sichtlich beunruhigt. Sie habe nichts erfahren können, sagt sie, vorn sei die Hölle los. Nun werden wir nervös. Und werden noch nervöser, als die Maschine umkehrt und in den türkischen Luftraum fliegt.

In der folgenden Stunde sickert durch, dass der Iran die Überfluggenehmigung verweigert - und das, obwohl die Regierungsmaschine vor uns, in der etliche Minister sitzen, problemlos passieren konnte. Wir kreisen nun schon seit geraumer Zeit über der Türkei. Lange halten wir das nicht mehr durch, raunt ein Crewmitglied, dann reicht der Sprit nicht mehr. Der Pilot schaltet die Monitore ab, die unsere Flugroute anzeigen. Wir werden noch nervöser.

Dann, nach zwei Stunden Gebibber, geht es wieder nach Osten, über den Iran, nach Delhi. Aus dem Flugzeug werden wir direkt zum Premier gekarrt: ungeduscht, zerstrubbelt, in den zerknitterten Sachen, in denen wir geschlafen haben. Nur Angela Merkel ist frisch geduscht, ihr Haar frisiert. Während der nervenzehrenden Runden über dem Iran hatten ihre Mitarbeiter sie schlafen lassen.

Andreas Theyssen

Steinwurf: Vor dem griechischen Parlament lieferten sich ... Steinwurf: Vor dem griechischen Parlament lieferten sich Demonstranten und Sicherheitskräfte erste Auseinandersetzungen. Foto: Orestis Panagiotou

Um die Jahrtausendwende mischen Globalisierungsgegner die Weltpolitik auf. In Seattle sprengen sie eine Tagung der Welthandelsorganisation, beim Gipfel von Weltbank und IWF im September 2000 soll der Protest nach Europa getragen werden. "Turn Prague into Seattle" heißt die Parole. Ein riesiges Polizeiaufgebot soll das verhindern.

Als Journalist bin ich im Heerlager der Demonstranten gern gesehen - auch wenn ein FTD-Reporter in den Augen der Globalisierungsgegner "das Kapital" repräsentiert. Aus unmittelbarer Nähe erlebe ich später mit, wie Polizisten blutüberströmt weggetragen und Demonstranten mit Schlagstöcken niedergeknüppelt wurden. Es gibt 150 Verletzte auf beiden Seiten, 500 Randalierer werden festgenommen.

Diese Gewaltimpressionen hacke ich am Nachmittag in einem plüschigen Altstadtcafé in meinen Computer. Erst beim Bezahlen merke ich, dass mein Portemonnaie weg ist - mein gesamtes Bargeld, die Kreditkarte, mein Personalausweis, alles geklaut. Bezahlen kann ich natürlich auch nicht. "Geschenkt", sagt der Kellner, der sich für seine Landsleute schämt. Dieses Problem ist also gelöst - doch die Reportage kommt mich trotzdem noch teuer zu stehen. Die Diebe haben mit der Kreditkarte mein Konto geplündert, 6000 D-Mark sind weg. Den Betrag begleicht letztlich die Versicherung der Deutschen Bank. An dieser Pointe hätten die Globalisierungsgegner bestimmt ihre Freude gehabt.

Anton Notz

Der damalige US-Präsident George W. Bush bei seiner "Mission ...   Der damalige US-Präsident George W. Bush bei seiner "Mission Accomplished"-Rede zum Irak-Krieg an Bord eines Flugzeugträgers

Es ist so still in Saddam Husseins Palast nahe Tikrit, dass es uns ein wenig gruselt. Stehen hier, in der Heimat des gerade gestürzten irakischen Diktators, vielleicht doch noch loyale Wachen herum? Wachen, die womöglich auf Eindringlinge schießen? Von US-Truppen ist weit und breit nichts zu sehen. Bis auf einen Bombenkrater in der Mitte des Hauptgebäudes ist alles so unberührt, als wäre der Hausherr nur mal kurz weg zum Einkaufen. In den Aschenbechern liegen noch Zigarettenkippen, an den Betten stehen angebrochene Wasserflaschen. Im Swimmingpool schwappt das gechlorte Wasser, als wäre gerade erst jemand ein paar Bahnen geschwommen. Die Einrichtung ist eine überwältigende Ansammlung schlechten Geschmacks - ballsaalgroße Wohnzimmer mit vier grässlich gemusterten Couchgarnituren zum Beispiel.

Weil ich nicht davon ausgehe, dass Saddam oder seine Verwandten hier wieder einziehen, nehme ich mir als Andenken ein Bleistiftporträt von Saddams Stiefvater mit. Der israelische Kollege, mit dem ich unterwegs bin, will dagegen Genugtuung. Nachdem Saddam dem jüdischen Staat so oft mit dem Schlimmsten gedroht hatte, besteht er darauf, ins Klo des Diktators zu pinkeln. Und so geschieht es. Die Bestrafung folgt aber auf dem Fuß. Einer von Saddams Verwandten in der Nähe, der uns mit den Worten "Ich liebe die Deutschen!" empfängt, schwärmt: "Saddam war wie Hitler! Er hat die Juden bekämpft." Das ist als Kompliment gemeint.

Silke Mertins

Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel   Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel

Gefühlt ist es ein 24-stündiger Kamelritt. Die Jeeps der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit neigen sich um 45 Grad - nach rechts, links, vorn und hinten. Die Delegation von Entwicklungsminister Dirk Niebel hat ihre Gespräche über den Aufbau einer Rohstoffveredelung in der Mongolei hinter sich. Es ist August 2010. Und es geht im Tross nach Norden. Am Ende der kurvigen Schlammstraße ein Jurtenlager; bald wird sich die Dämmerung auf die grünen Hügel der Nordmongolei senken. Doch was reizt die Magengrube noch mehr als das intensive Schaukeln?

Knuffige Hände reichen ein Schüsselchen vergorener Stutenmilch zur Begrüßung. Kublai-Khan, der Herrscher der Mongolen, soll dieses Kumyss (vom Geschmack her durchaus zu vergleichen mit Kuhmist) jeden Abend getrunken haben. Also hinunter mit der sauren Brühe! Minister Niebel stellt sich auch nicht an. Schwächer als ein FDP-Politiker? Nein! Auch wenn die Geschmacksnerven rebellieren. Stunden später, als der Holzofen in der Jurte um 5 Uhr morgens ausgegangen ist und die eisige Kälte unter die Decke kriecht, sehne ich mich nach etwas Heißem. Egal ob warmes Kumyss oder gesalzener Milchtee.

Marina Zapf

Eine Börsenhändlerin an der Börse in Frankfurt.   Eine Börsenhändlerin an der Börse in Frankfurt.

Der Alltag eines Börsenkorrespondenten ist im klassischen Sinne selten aufregend. Geht es raus, sind es meist Hintergrundgespräche oder Interviews in Banktürmen oder gediegenen Restaurants. Da gibt es zu Hause meist wenig zu erzählen - was den 5. Januar 2003 umso bemerkenswerter macht.

Ich bin eigentlich auf einen ruhigen Sonntagsdienst im Frankfurter FTD-Büro eingestellt, als plötzlich Uniformierte auf dem Flur stehen: Wachdienst in Polizeibegleitung. "Räumen! Schnell!" Der wohlige Schauer der Gefahr läuft mir über den Rücken. Ein Irrer hat ein Kleinflugzeug gestohlen und droht jetzt, sich damit auf Frankfurt zu stürzen. 9/11 ist seinerzeit quasi erst vorgestern. Das Hochhaus am Nibelungenplatz ist da nicht unbedingt ein Platz zum Wohlfühlen.

Mit der Kollegin Claudia Wanner mache ich mich auf, den Motorsegler zu verfolgen. Der dreht seine Bahnen am Himmel über Frankfurt, den Banktürmen in der City bedrohlich nahe. In der Stadt: so gut wie niemand - außer der Polizei. Die wird langsam panisch, denn der Flieger hat kaum noch Sprit. N-TV nimmt Kontakt zum Cockpit auf. Der Pilot erklärt, er wolle mit der Aktion an das Challenger-Unglück von 1986 erinnern. Immerhin: kein Bankenhasser. Es ist schließlich erst 2003. Wir rennen durch die City, außer uns nur ein paar Schaulustige - und alle blicken zum Himmel. Bevor die Nackenstarre einsetzt, erkennen wir: Der Flieger hat abgedreht. Der drohende Absturz ist dann doch zu viel für den Mann. Er kehrt zum Flughafen zurück, wird dort festgenommen.

Unser Einsatz hat sich gelohnt: Wir kommen am nächsten Tag auf Seite 2 groß raus - und erinnern uns daran, dass das Journalistenleben noch andere Dinge parat hat als Häppchen bei der Deutschen Bank und Cappuccino am Airport.

Dirk Benninghoff

Freeride World Tour 2011   Freeride World Tour 2011

Eigentlich deutet alles auf eine angenehme Dienstreise hin. Im Vorfeld des Präsidentschaftswahlkampfs soll ich als Frankreich-Korrespondent eine Reportage über die Bauern des Landes schreiben. Dazu habe ich mir ein extrem skurriles Beispiel ausgesucht: Daniel Quet, der auf einem gottverlassenen Hochplateau in den Cevennen Schafe züchtet. Ohne Staatshilfe wäre die Gegend komplett menschenleer, das kann man an diesem Beispiel gut zeigen. Ich buche also einen Flug nach Montpellier, steige am Airport in einen Leihwagen und tippe die Adresse ins Navi. Keine Reaktion. Die Anschrift kennt das Gerät nicht. Ich ziehe die Straßenkarte hervor und leite mir den Weg ins Gebirge. Es gibt kaum Dörfer, Straßenschilder sind alt oder falsch, und auch die Bezeichnungen auf der Karte stimmen nicht. Nach langer Irrfahrt erreiche ich ein Dorf und frage zwei Männer nach dem Flecken Galy.

Dort soll mein Schafzüchter wohnen. Die beiden schauen sich an und beginnen, sich in südfranzösischer Mundart zu unterhalten - über mich. "Il va se casser la gueule", sagt der eine. Am Ende zeigen sie mir einen kleinen Weg ins Gebirge und sehen mir kopfschüttelnd nach. Die Piste wird immer schmaler, die Kurven enger. Links geht es steil runter, rechts nur nackter Fels. Mit Not erreiche ich das Hochplateau. Weit und breit kein Mensch, nur Felsen und Büsche. Ich merke: Gerade mal 100 Kilometer vom Mittelmeerstrand gibt es Gegenden, in denen man sich hoffnungslos verfahren kann.

Die Rettung kommt in einem gelben Auto der französischen Post. Die Briefträgerin erklärt mir den Weg, und so treffe ich meinen Schafzüchter doch noch. Nach einem interessanten Gespräch zeigt er mir den Weg zurück, und der ist verblüffend simpel: Gleich in der Nähe verläuft eine gut ausgebaute Kreisstraße.

Heimo Fischer

Zerstörte Häuser 1991 nach einem Bombenangriff in Bagdad   Zerstörte Häuser 1991 nach einem Bombenangriff in Bagdad

Es ist kurz nach 5 Uhr morgens in Kuwait, als der Irakkrieg beginnt. Die Nachricht breitet sich sofort aus im Schlafsaal, den das Sheraton-Management für Journalisten aus aller Welt eingerichtet hat - für 100 Dollar pro Klappbett.

Auf den Fernsehschirmen flimmern die Bilder der ersten Raketenangriffe auf Bagdad. Für mich ist klar: Ich muss da hin, alles mit eigenen Augen sehen! Mit einem Freund vom "Independent" habe ich einen Geländewagen gemietet, um der Front zu folgen. Natürlich ist das illegal, wir haben unterschrieben, dass wir den Wagen nur in Kuwait nutzen werden. Aber wenn nebenan Krieg ist, darf man nicht kleinlich sein.

Auf dem Weg gibt es unerwartet viele Hindernisse. Die kuwaitische Polizei hat rund um die Stadt Checkpoints eingerichtet, um die Reporter von der Grenze fernzuhalten. Wir geben uns als Mitarbeiter des US-Ölkonzerns Halliburton aus, als Beweis zeigt mein Kollege den Beamten seinen alten US-Führerschein. Man lässt uns weiterfahren.

Die Grenze selbst ist ebenfalls abgeriegelt. Verzweifelt fahren wir durch die Wüste am Zaun entlang, bis sich plötzlich eine Bresche öffnet: Vor zwei Tagen sind hier die US-Panzer durchgerollt. Ohne lange zu überlegen, biegen wir ab und fahren in den Irak. Hinten im Auto liegen unsere Gasmasken und schusssicheren Westen bereit, unsere Satellitentelefone und Laptops. Wir haben 60 Liter Benzin und 40 Liter Wasser in Kanistern, dazu Schlafsäcke und Proviant.

Die Redaktion macht sich Sorgen, aber ist auch stolz. Ich bin der einzige deutsche Medienvertreter, der auf eigene Faust aus dem Irak berichtet - alle anderen sind "embedded" bei den US-Truppen und können sich nicht frei bewegen. Ich gehöre zu den ersten Journalisten, die im umkämpften Nassirija mit der Bevölkerung sprechen, und bin Zeuge, wie die Amerikaner Saddam-Statuen in Bagdad stürzen. In Basra flüchte ich vor Saddams Milizen, als ich versehentlich auf die falsche Seite der Front gerate. Zwei Kugeln ihrer Kalaschnikows bohren sich in die Fahrertür. Die Löcher lassen wir in Bagdad zuspachteln und lackieren. Der Vermieter in Kuwait merkt nichts.

Andrzej Rybak

  • Aus der FTD vom 07.12.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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