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Merken   Drucken   06.12.2012, 19:45 Schriftgröße: AAA

"Kampfgruppe Schwerte": Zwölf Jahre und ein Geheimnis

Familie Weinhold wollte die FTD retten und gründete die "Kampfgruppe Schwerte". Nicht nur, weil sie uns noch etwas schuldig war.
von Schwerte
Sehen so kämpferisch auf den ersten Blick nicht aus - aber das ...   Sehen so kämpferisch auf den ersten Blick nicht aus - aber das täuscht: Lars Weinhold, Tochter Rosa (M.) und Mutter Susanne Weinhold würden weit gehen für die FTD

Die "Kampfgruppe Schwerte", machte in der Redaktion schnell die Runde. Briefe und Mails kamen ja unzählige rein, als das Ende der FTD immer wahrscheinlicher wurde. Herzliche Zeilen, Bedauern und Zuspruch. Das tat gut. Auch die Mail von Familie Weinhold aus Schwerte klang wie viele andere. "Wir sind schockiert! Uns ist, als würden wir einen Freund verlieren, und so hoffen wir auf ein Wunder oder eine Genesung in irgendeiner Form."

Aber das Wunder ließ in dieser noch unsicheren Zeit auf sich warten, und in Schwerte rührte sich Kampfgeist. "Keine Angst, kein neuer Abgesangsleserbrief", lasen wir ein paar Tage später, "jetzt geht die Arbeit los, Ärmel hoch!"

Familie Weinhold, umfirmiert in "Kampfgruppe Schwerte", machte mobil und entwarf einen Schlachtplan. So schlug sie FTD-Retter-Shirts vor, konzipierte ein Förder-Abonnement, regte eine Bürgerbeteiligung an und schmiedete Pläne, wie die FTD breiter aufgestellt werden könnte. Auch der Nachwuchs musste ran. "Meine Tochter wurde heute bereits kurz nach 7 von mir geweckt und sitzt nun am anderen PC in Sachen Facebook ,Rettet die FTD‘."

Aber die FTD war nicht mehr zu retten. In den Büros, auf den Fluren blickte man in erschütterte Gesichter. Aber die Produktion der Zeitung ging weiter, zwischen der Arbeit mailten wir uns Leserbriefe hin und her. Das half, munterte auf - und Liebling war bald die "Kampfgruppe Schwerte".

Und dann wollten wir wissen: Wer ist diese Familie?

Wenige Tage später, Freitag, in Schwerte, zwischen Dortmund und Menden. Ein stattlicher Gutshof in der Morgendämmerung. Drinnen Duft von Kamin und Kaffee. Ein paar Gäste plaudern über ihren Frühstückstellern; im "Gutshof Wellenbad an der Ruhr" beginnt ein neuer Tag. Es ist das Hotel der Weinholds, hier arbeiten und leben sie. Und Punkt 8 Uhr, wie verabredet, kommen sie herein. Vater Lars, 46, Mutter Susanne, 43, und Tochter Rosa, 22. Die FTD hat Vater Lars schon unterm Arm. "Mit der beginnt hier jeder Morgen", sagt Weinhold. "Er ist nicht ansprechbar, bis er diese Zeitung gelesen hat", sagt Rosa. "Und das sagen wir jetzt wirklich nicht einfach so."

Sie holen ihre Archive hervor, gesammelte Artikel und Beilagen. Sie reichen bis ins Jahr 2003. Manche mit Textmarker angestrichen. Manche zerfleddert und fleckig; Beute aus zwölf Jahren Frühstück mit der FTD.

"Bei Gastronomen wie uns gehört der Abend dem Gast", sagt Lars Weinhold. Dann steht er in der Küche, seine Frau macht den Service. "Aber der Morgen gehört der Familie." Frühstück, lesen, über das Gelesene reden. "Wir haben zwei regionale Zeitungen im Abo, und wir schauen auch mal in die Überregionalen. Aber wir mögen die nicht, wir mögen nur die FTD", sagt Lars Weinhold.

Am Anfang, vor zwölf Jahren, suchte er bloß Anlagetipps. Aber fand mehr, und bald gehörte ihm die Zeitung nicht mehr alleine. Auch Tochter Rosa begann, darin zu lesen. Weil sie Erdölgeschichten darin fand, interessant für den Erdkunde-Leistungskurs. Und sie hörte nicht mehr auf.

Meist läuft das seitdem so: Vater liest sich durch Politik und Finanzen. Währenddessen hat Rosa die Agenda. Danach darf er auch mal. Mutter liest auf Zuruf. "Die stecken mir zu, was ich lesen soll, oder schneiden mir was aus", sagt sie.

Rosa sagt: "Die Zeitung ist so lebendig, so frisch und so verständlich." Und sie sagt auch: "Man spürt den Aufwand, den Sie betreiben." Neulich zum Beispiel hatte ein Text die Form eines Burgers. "Wer sonst macht so etwas?" fragt Frau Weinhold. (Anmerkung der Redaktion: keiner, nicht mal das Burger-King-Mitarbeiterblatt!) Ihr Mann schätzt das Handfeste: die Steuern- und Anlegerseiten. "Wenn wir uns jetzt bald eine Solaranlage auf das Dach holen, lese ich vorher noch in meinem FTD-Archiv nach."

Aber alle schätzen besonders die Geschichten über Menschen, die viel geschafft haben im Leben. Die Weinholds sind selbst Macher, betreiben das Hotel seit sieben Jahren. Die Übernachtungen, das Restaurant und fast jede Woche eine große Feier. Es läuft gut, der Gutshof ist gut gebucht. Doch es gibt auch schwere Tage. "Nach zwölf Stunden Arbeit, wenn das Kreuz sich meldet, sagen wir uns schon mal: ,Aber weißt du noch, was wir über XY in der FTD gelesen haben? Was der alles geschafft hat im Leben!‘" FTD-Geschichten hätten Mut gemacht.

Aber irgendwann an diesem Morgen, bei der Plauderei über die Liebe zur FTD, beginnt Weinhold zu drucksen. "Haben Sie es gelesen, in meiner ersten Mail, ganz unten?" Nein, was?

Er hatte auch schon einen Albtraum deswegen. In der Nacht, nachdem er vom Aus der FTD erfuhr.

In diesen Traum war er auch Hotelbesitzer. Nur war dieses Hotel etwas pompöser. Und als er morgens die vornehmen Hallen betrat, hörte er das Personal boshaft tuscheln: "Habt ihr schon gelesen, was auf Gartenlaube.de steht? Die FTD ist am Ende und unser Chef ist schuld. Er hat sein Abo nicht bezahlt!"

Weinhold, im Traum recht förmlich, entgegnete: "Ich bin mit den Bezahlvorgängen nicht vertraut. Aber ich werde das umgehend prüfen."

Und dann erwachte er! Der Traum verflog, zwei Dinge blieben: Das Ende der FTD war immer noch besiegelt. Und Weinhold empfand eine Mitschuld. Er hatte nämlich seit fast einem Jahr sein Abo nicht bezahlt!

Alles war die Folge eines Irrtums. Als alter Fuchs hatte Weinhold alle paar Jahre das Abo gekündigt und wieder neu bestellt. Der Abo-Geschenke wegen. Doch nach der letzten Kündigung kam die Zeitung weiter, Geld zog keiner ein.

Nun steht Weinhold da, kräftige Farbe im Gesicht. "Ich zahle das nach. Ich mach das gut!"

Der Schlawiner, mag jetzt mancher denken! Aber nicht wir, die Redaktion. Wir sind froh. Endlich verstehen wir, warum wir 10 Mio. Miese gemacht haben in diesem Jahr! Wir haben vergessen zu kassieren. Bei allen.

Naja, kann passieren. Herr Weinhold, Sie müssen sich nicht grämen. Wir sind stolz auf Leser wie Sie. Fan und Fuchs zugleich.

Aber was werden Sie nun ab dem 7. Dezember lesen? "Wir wissen es wirklich nicht", sagt Weinhold und fragt zurück: "Und Sie wollen nicht vielleicht doch noch kämpfen?"

Ein paar Tage später, der erste Schwung der FTD-Devotionalien bei Ebay ist verkauft. Eins der teuersten Objekte - ein Riesenposter der ersten FTD-Ausgabe - geht für mehr als 1900 Euro an den Höchstbietenden. Der Käufer: die "Kampfgruppe Schwerte"!

Eine Mail kommt rein: "Mir/uns ist jetzt wieder wohler ;-) Aber wer war der Drecksack der mich so hochgepusht hat?!"

Wir vermuten mal ein anderer, der sein Abo nicht bezahlt hat.

  • Aus der FTD vom 07.12.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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