Unser Kolumnist spießt Absurdes und Skurriles aus dem Alltag auf.
Ich frage mich, was Menschen dazu treibt, Hotelbewertungen zu schreiben. Erst dachte ich, Rache wäre das Hauptmotiv. Man gibt viel Geld für eine Städtereise aus und muss dann in einer Absteige hausen, in der Kakerlaken übers Bett huschen und tote Fliegen im Kaffee schwimmen. Aus lauter Ärger schreibt man eine wütende Bewertung. Aber so ist es nicht.
Die meisten Bewertungen erklären ungefähr, dass das Hotel sauber ist und der Preis fair. Wirkliche Gruselherbergen scheinen nicht so leicht zu finden zu sein. Vielleicht ist das Bewerten heute eher ein gesellschaftliches Ritual. Vielleicht können wir aber auch selbst nicht mehr glauben, dass wir etwas erlebt haben, wenn wir nicht in irgendeinem Portal darüber schreiben. Oder wir können nicht begreifen, dass die Welt so lala und eigentlich ganz okay ist, solange wir nicht allen davon berichtet haben.
Wir bewegen uns durch Sphären, die von anderen schon durchlebt wurden, ausgemessen und abschließend beurteilt. Wir erleben keine bösen Überraschungen mehr - eigentlich gibt es gar keine Überraschungen mehr. Wo ist also das Datingportal, das Bewertungen von Ex-Partnern anbietet? Das wär doch was.
Dann könnte man gleich erfahren, dass der Mensch, mit dem man sein Leben teilen will, eigentlich voll okay ist, im Bett nicht ganz die Granate, aber ansonsten sauber und gepflegt. Man müsste nicht dieses aufwendige Verlieben und Verlassen durchmachen, um all das selbst herauszufinden. Ich selbst würde einem Hotel eine gute Bewertung schreiben, das nicht nur ein Türschild "Do not disturb" anbietet, sondern auch "Please come in, I would love to get to know you!".