Kann man sich das vorstellen? Ein Geschäftsmann strampelt auf dem Fahrrad um die Place Vendôme, sein perfekt gebügeltes Charvet-Hemd flattert im Wind, die Krawatte weht ihm um die Ohren. Und er sorgt sich nicht einmal wegen der größer werdenden Schweißperlen unter seinen Achseln und am Haaransatz. Nein, er findet das alles und vor allem sich selbst wahnsinnig hip und urban.
In Frankreichs Hauptstadt rollt gerade eine Revolution über die Avenues und Boulevards. Viele Pariser sind von Taxi, Metro und Privatauto auf silbergraue Fahrräder umgestiegen, die an rund 1800 Stationen ausgeliehen werden können. Was ist passiert? Kapituliert die Welthauptstadt der Eleganz vor dem Pragmatismus?
Es ist wohl eher so: Die Welthauptstadt der Mode behauptet ihre Rolle als Vorreiterin. Das System mit den Fahrrädern zum Ausleihen wurde dort richtig populär - und erobert jetzt Großstädte in aller Welt. Vor fünf Jahren führte die französische Werbefirma JCDecaux das Vélib-System mit automatischen Mietstationen ein. Seitdem wachsen überall auf dem Planeten öffentliche Fahrradverleihstationen aus dem Asphalt: in Mumbai, Warschau, Melbourne, Barcelona, Mexiko, Berlin, Mailand und London zum Beispiel. 60 Leihprogramme gab es 2007. Heute sind es fast 450.
Dabei waren die Werber von JCDecaux in Paris nicht die ersten, ähnliche Modelle gab es schon vorher, etwa in Kopenhagen. Doch so heftig wie in Paris schlug die Idee nirgendwo ein. 23.900 Leihräder sind zurzeit in der französischen Kapitale unterwegs. Mit dem Vélib, einem Kunstwort aus Vélo und Liberté, werden täglich rund 110.000 Fahrten gemacht, die Hälfte davon aus beruflichen Gründen. Etwa 140 Millionen Fahrten kamen in den ersten fünf Jahren zusammen. Mit Lyon hat Paris wohl das beste öffentliche Fahrradverleihsystem Europas - und das an einem Ort, an dem man Zweiräder zuvor zwar als Sportgerät schätzte, nicht aber als angemessenes Fortbewegungsmittel.
Zwei Gründe hat dieser Wandel wohl: Das Image des Autos korrodiert, und ein Fahrrad ist nicht mehr nur ein Fahrrad, sondern ein Lebensgefühl. Lange stand das Auto für Freiheit und Flexibilität; heute dagegen wird es in den überlasteten Innenstädten zum Sinnbild des Stillstands. In Zeiten gigantischer Staus und verstopfter Straßen wird der Radweg zur Überholspur. Was nutzen einem dreistellige Pferdestärken, wenn man mit Pedalkraft viel schneller vorwärtskommt?
Rund 133 Millionen Räder wurden im letzten Jahr hergestellt - mehr als doppelt so viele wie Autos und 600 Prozent mehr als in den 60er-Jahren. Das Fahrrad wird als effizientes und unkompliziertes Fortbewegungsmittel wiederentdeckt.
Den Bürgermeistern und Verwaltungen staugeplagter Großstädte kommt das gerade recht. Sie versuchen verzweifelt, die Verkehrsprobleme des 21. Jahrhunderts zu lösen, und nun hilft ihnen dabei ein Stück Technik aus dem 19. Jahrhundert. Sie beauftragen ihre kommunalen Verkehrsunternehmen oder private Firmen, ein Leihsystem aufzubauen und statten es mit modernen Finessen aus: Die Stationen werden teilweise mit Solarenergie betrieben, Smartphone-Apps zeigen, wo das nächste freie Rad steht oder sich die nächstliegende Station befindet. Der Kunde bucht das Rad per Kreditkarte, einige Verleiher bieten sogar GPS-Technik oder E-Bikes.
Es engagieren sich sogar Städte, in denen Radeln bislang höchstens als exotisches Hobby von Profilneurotikern galt. London etwa startete vor zwei Jahren mit 5000 Fahrrädern an 315 Stationen. Laut Bürgermeister Boris Johnson sollen die Räder in auffälligem Blau bald zu London gehören wie die schwarzen Taxen und die roten Busse. Bis 2015 will die Stadt zwölf "Superhighways" für Biker bauen. Auch Warschau tritt in die Pedale, die Stadt hat vor Kurzem Veturilo gestartet, das größte öffentliche Fahrradverleihsystems Osteuropas. Selbst Mexiko hat 2010 die Ecobicis eingeführt - die Gründe dafür liegen auf der Straße: "Der Autoverkehr ist in manchen Stadtteilen so langsam, dass das Fahrrad zu einem der schnellsten Transportmittel geworden ist", sagte Mexikos Umweltministerin Martha Delgado der BBC.
Den am schnellsten wachsenden Markt allerdings hat Asien mit Südkorea, Taiwan und China. Hangzhou in China stellt den Tretwilligen mehr als 60.000 Zweiräder zur Verfügung. Die Stadt musste das Angebot schon mehrmals aufstocken, bis 2020 will sie auf 175.000 Stück erhöhen - es ist das mit Abstand größte Programm der Welt.
Deutschland hinkt der internationalen Entwicklung noch hinterher, kritisiert der ADAC. Die Kommunen finanzierten aufgrund leerer Kassen noch zurückhaltend, weil der Trend im Ausland aber Erfolg habe, "kommen die Räder nun auch bei uns in Deutschland langsam ins Rollen". Die beiden Hauptanbieter sind das Leipziger Unternehmen Nextbike und die Deutsche Bahn mit Call a Bike, das im vergangenen Jahr 2,2 Millionen Fahrten registrierte - und damit immerhin eine Steigerung von 40 Prozent zum Vorjahr.
Kleiner Trost: Dort wo die Trends eigentlich geboren werden, in den USA, liegt man noch weiter zurück. Die New Yorker zum Beispiel müssen immer noch auf ihre Leihräder warten: Erst vor zwei Wochen gab Bürgermeister Michael Bloomberg bekannt, dass die bereits für Juli sehnlichst erwarteten Citi Bikes wegen Softwareproblemen erst im März nächsten Jahres an den Start gehen - 7000 Räder an 420 Stationen. Schon berichtet die "New York Times", dass zwei Startups Alternativen anbieten wollen.
Auch in manch anderen Städten läuft es nicht rund. Einige Programme wie Barcelonas Bicing können nur die Einwohner nutzen. Andere sind nicht kundenfreundlich: Die Londoner Räder haben kein Schloss, man kann sie nur an die Stationen anschließen. Die Radler können sich also nur von A nach B bewegen, unterwegs aber keine Besorgung machen. Dafür wurden aber erstaunlich wenige Räder gestohlen. In den ersten beiden Monaten nur fünf.
Davon kann Paris nur träumen. Hier sind von einst 15.000 Rädern mehr als die Hälfte verschwunden - in die Seine geschmissen, geklaut oder so demoliert, dass sie nicht mehr eingesetzt werden können. Etwa 10 Mio. Dollar soll der Schaden betragen, hat die "New York Times" ausgerechnet. Die Finanzierung ist in den meisten Städten schwierig. Montreals Bixi etwa, ein Mischwort aus Bike und Taxi, war so defizitär, dass die Stadt das kommunale Projekt mit umgerechnet 87 Mio. Euro Zuschuss vor der Pleite retten musste.
Es fehlen auch Radwege. Das bremst die Bewegung. Paris hat zwar ein großartiges Leihangebot, Radfahrer müssen aber oft die Busspur benutzen und bringen sich damit in Lebensgefahr. Und ausgerechnet die Fahrradnationen, die ausgebaute Wege haben und die grüne Welle für Biker, warten mit einem extrem schlechten Angebot an Leihrädern auf: Der ADAC hat in einer Studie kürzlich 40 Verleihsysteme aus 18 europäischen Ländern verglichen. Die Radlernation Dänemark hat wegen schlechter Räder nur ein Ausreichend bekommen, die Niederlande wegen mieser Handhabung und Zugänglichkeit sogar die Note "sehr mangelhaft".
Am besten wurden Lyon, Paris und Brüssel bewertet, dahinter folgten Berlin und Stuttgart. Viele Städte werden sich wohl erst für Investitionen etwa in neue Wege entscheiden, wenn der Pulk und somit die Macht der Radler weiter wächst. Noch fällt die Gesamtschau bescheiden aus: Selbst in der Trendsetterstadt Paris beträgt der Anteil der Zweiräder an den Fahrzeugen nur drei Prozent. Und auch in Mexiko werden nur drei Prozent aller Wege mit dem Fahrrad zurückgelegt.
Verständlich, könnte man denken. Vielleicht will nicht jeder im Moloch einer Megacity wie dieser hinter einer Autokarawane hinterherschnaufen und Abgase inhalieren. Wie gesund kann das sein?
Dieser Frage haben sich Wissenschaftler der Universität Utrecht in einer Studie gewidmet. Sie verrechneten das erhöhte Unfallrisiko und die Feinstaubbelastung mit dem Gewinn fürs Herz-Kreislauf-System - und fanden eine überraschende, aber eindeutige Antwort: Selbst in versmogten Innenstädten ist Radfahren noch deutlich gesünder als Autofahren.
| Business-Radeln in ... |
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| ... London Die nach Bürgermeister Boris Johnson benannten "Boris Bikes" können flexibel gemietet werden: Drei Stunden kosten zum Beispiel 16 Pfund (20 Euro); http://tinyurl.com/322ze38 |
| ... Tokio Es gibt kein offizielles Stadtprogramm, aber private Anbieter, wie etwa Cogicogi im zentralen Stadtteil Harajuku. Sie verlangen für einen Tag 1575 Yen (16 Euro). http://tinyurl.com/br9qczz |
| ... New York Das Citi-Bike-Programm startet voraussichtlich erst im März 2013 |