Todd Svec hat Angst. Dabei hat er das Teufelszeug nicht mal mehr auf Lager. Draußen an der Tür hat er ein Schild angebracht, schreiend rote Buchstaben, ein Schutzschild für ihn und seine Mitarbeiter: "Wir führen keine Opioide" steht darauf.
Svec ist Apotheker in Massapequa, einem Städtchen eine Autostunde von New York entfernt. Wie viele seiner Kollegen hier auf Long Island hat er seinen Laden in den vergangenen Monaten aufgerüstet. Schusssichere Glasscheiben, dazu Überwachungskameras, Alarmknöpfe, Türklingeln. Andere in der Gegend, erzählt Svec, hätten Sicherheitspersonal eingestellt oder würden darüber nachdenken, eine Waffe anzuschaffen. "Das Ganze ist außer Kontrolle", sagt er.
Viele US-Bürger scheinen außer Kontrolle, abhängig von Schmerzstillern, die Oxycontin oder Oxycodon heißen. Fast 13 Mrd. Dollar Umsatz machen Pharmakonzerne wie Johnson & Johnson und Novartis jährlich mit solchen Opioiden, bis 2016 sollen es laut den Beratern von Frost & Sullivan 15,3 Mrd. Dollar sein. 1996 waren rund 18.000 Amerikaner wegen Schmerzmittelabhängigkeit in Behandlung. 2008 knapp 80.000. "Überdosen an verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln haben epidemische Ausmaße erreicht und töten inzwischen mehr Amerikaner als Heroin und Kokain zusammen", heißt es in einem Bericht der Gesundheitsbehörde CDC. 15.000 Menschen sind den Mitteln allein 2008 zum Opfer gefallen. Vor allem unter 18- bis 25-Jährigen, sagt Svec, seien die Pillen gefragt, deren chemische Zusammensetzung und Wirkung stark an Heroin erinnern. Auf dem Schwarzmarkt werden bis zu 25 Dollar pro Stück gezahlt.
Leidtragende der Tablettenschwemme sind Apotheker wie Svec, die Hüter der kostbaren Rauschstoffe. Zählte die Anti-Drogen-Behörde DEA 2010 noch 688 Überfälle Schmerzmittelsüchtiger auf Apotheken, waren es in den ersten vier Monaten 2011 allein 663. Neuere Zahlen gibt es nicht. Aber ein Blick in die Medien genügt:
Vergangene Woche überfiel ein 24-Jähriger in New Mexico eine Filiale der Apothekenkette Walgreens und flüchtete mit 200 Tabletten Oxycontin.
Im September überfiel ein Paar in Maine eine Apotheke bei Wal-Mart und forderte in einer Notiz die Herausgabe von Schmerzmitteln.
An Silvester 2011 starb in Seaford, fünf Minuten von Svecs Apotheke, ein Feuerwehrmann. Versehentlich erschossen von einem Polizisten im Ruhestand, der in Charlie's Family Pharmacy war, als er Zeuge eines Raubüberfalls wurde. Ein halbes Jahr vorher tötete ein 33-Jähriger in der Haven-Drugs-Apotheke im 50 Kilometer entfernten Medford vier Menschen. Ziel beider Räuber: Schmerzmittel.
Dreimal hat Svec in den vergangenen Monaten Kunden festnehmen lassen, weil sie sich weigerten, den Laden ohne die Pillen zu verlassen.
Fast wöchentlich gibt es irgendwo im Land ähnliche Meldungen.
Die Schreckensgeschichte begann Mitte der 90er-Jahre. Oxycontin, ein Mittel, das stärker und effektiver sein sollte als alles bisher Dagewesene, versprach den Amerikanern eine Welt ohne Schmerzen. Mit teuren Marketingkampagnen überzeugte der Hersteller Purdue Pharmaceuticals Ärzte, Oxy gegen Rückenschmerzen, Arthritis und Verstauchungen einzusetzen. Bis dahin kamen Opioide fast ausschließlich zur Behandlung von Krebspatienten oder in der Palliativmedizin zur Anwendung, für den Gebrauch gab es strenge Auflagen.
Das sollte sich ändern. "Es ging so weit, dass Ärzte beschuldigt wurden, sie ließen Patienten unnötig leiden, weil sie zu konservativ und ängstlich beim Einsatz von Medikamenten seien", erinnert sich Andrew Kolodny, Psychiater aus New York und Präsident der Organisation Physicians for Responsible Opioid Prescribing (Prop). "Purdue hat dafür gesorgt, dass Ärzte heute ein gutes Gewissen beim Verschreiben von Schmerzmitteln haben."
Bedenken, dass die Tabletten abhängig machen, räumte die Firma aus, schließlich würden die Wirkstoffe über zwölf Stunden ausgeschüttet. Da hatten die Ersten längst gemerkt, dass Oxy zerkleinert, gekaut oder gespritzt sofort wirkt. Die Marketingausgaben stiegen binnen sechs Jahren von rund 9 auf 30 Mio. Dollar, der Umsatz explodierte im selben Zeitraum von 45 Mio. auf knapp 1,4 Mrd. Dollar - und Ärzte stellten statt 316.000 plötzlich sieben Millionen Rezepte aus. "Sie haben die Mittel verschrieben, ohne darüber nachzudenken, ob das die richtige Methode ist", sagt Joanne Hoffman Beechko, Vorsitzende der Apothekervereinigung von Long Island.
Die Branche half, die Medikamente von ihrem Stigma zu befreien. Versicherer erstatteten vermeintlich günstigere Behandlungen mit Schmerzmedikamenten bevorzugt. In Notaufnahmen standen bald auf drei von vier Rezepten Namen wie Oxycontin oder die "Dr. House"-Droge Vicodin. 2010 waren es 257 Millionen Rezepte - und die Dosen hatten sich vervierfacht. "Genug, um jeden Amerikaner einen ganzen Monat lang rund um die Uhr zu versorgen", rechnet die CDC vor.
Als Purdue 2007 zu 634,5 Mio. Dollar Strafe verurteilt wurde, weil man in der Packungsbeilage nicht ausreichend auf das hohe Abhängigkeitspotenzial hingewiesen hatte, war es längst zu spät.
Der Schmerzmittelmissbrauch kostet Versicherer jährlich rund 72,5 Mrd. Dollar. Und einer Studie des California Workers Compensation Institute zufolge bleiben Mitarbeiter, die mit den hoch dosierten Mitteln behandelt werden, dreimal so lange zu Hause wie Kollegen, die niedrigere Dosen erhalten, weil die Mittel müde und antriebslos machen. Wer abhängig ist und die Tabletten absetzt, leidet unter Entzugserscheinungen wie bei Heroin: Angstzustände, Krämpfe, Durchfall. Meist, sagt Kolodny, folgten Depressionen, Schlaflosigkeit, Reizbarkeit.
Svec erinnert sich, wie die Kunden mit den Jahren aus immer entfernteren Gegenden kamen, um Nachschub zu kriegen. Oder bar zahlten, weil so eine Überprüfung der Rezepte schwieriger ist. Irgendwann wurde wenige Meilen entfernt der erste Kollege überfallen. "Da wurde das Problem für mich real." Inzwischen nimmt Svec nur noch Rezepte von Leuten an, die er kennt, meist fragt er beim behandelnden Arzt nach. Aber selbst da könne man nicht mehr sicher sein. In den vergangenen Monaten wurden in New York Dutzende Ärzte festgenommen, weil sie dutzendfach Rezepte für Schmerzmittel ausgestellt hatten.
Viele Apotheker in Long Island haben ganz aufgehört, die Mittel zu verkaufen. Ein neues Problem: Es entstünden Engpässe, die auch diejenigen träfen, die wirklich Medikamente bräuchten, sagt Hoffman Beechko. Sie müssten immer weiter fahren, um ihre Medizin zu bekommen. "Da lässt sich schwer abwägen, ob jemand Apotheken-Shopping betreibt oder tatsächlich Probleme hat, ein dringend benötigtes Medikament zu erhalten." Ein Argument, mit dem Industrieverbände beim US-Kongress intervenierten. Schärfere Regeln für die Schmerzmittelverschreibung scheiterten im Juli im Repräsentantenhaus. In einem neuen Vorstoß wollen Abgeordnete beider Parteien nun wenigstens Abschreckungsmaßnahmen schaffen, etwa Pillen, die man nicht mehr so leicht zerbröseln kann.
Ganz hilflos sind nationale Stellen nicht. Neben Festnahmen ganzer Dealerbanden geht die DEA nun verstärkt gegen Zwischenhändler vor. Die wiederum stoppen Lieferungen an Apotheken, um ihr Haftungsrisiko zu mindern. Eine Taktik, die noch mehr Apotheker der Wut unzufriedener Junkies aussetzen könnte.
Purdue Pharma wiederum hat die Zusammensetzung von Oxycontin geändert. "Allerdings", räumt der Konzern auf Anfrage ein, "gibt es bislang keinen Beweis dafür, dass die neue Zusammensetzung tatsächlich effektiver im Kampf gegen Missbrauch, Überdosierung oder Abhängigkeit ist." Studien dazu laufen.
Die Werbekampagnen auch.