FTD Ihr nächster Testflug soll am 10. November stattfinden - viel Zeit zur Vorbereitung bleibt da nicht mehr. Wo steht der Puls?
Kristian von Bengtson Na ja, das wird nur ein kleiner Test sein, mit einer 150-Kilo-Rakete. Wir wollen schauen, wie der Antrieb funktioniert und vor allem, wie gut wir die Rakete steuern können. Das ist mehr Peters Teilbereich. Ich bin für die Raumkapsel zuständig und deshalb ganz gelassen.
Peter Madsen Unsere Triebwerke funktionieren inzwischen so zuverlässig - da habe ich keine Angst, dass die Rakete am Boden bleibt. Bei uns geht es jetzt darum, diese Triebwerke per Autopilot zu steuern. Solange wir das nicht schaffen, wird es keinen Start mit unserer Zwei-Tonnen-Rakete geben. Deshalb ist der Test nicht nur spannend, er ist essenziell. Ich kaue deshalb derzeit nicht nur Nägel, ich beiße an meiner ganzen Hand.
Ihr letzter Test ging ja gründlich daneben.
von Bengtson Das sehe ich nicht so. Gut, der Fallschirm öffnete sich nicht, weil die Rakete nicht hoch genug kam. Die Kapsel knallte ungebremst auf die Wasseroberfläche. Da dachte ich erst: Mist, jetzt ist die hin. Aber zum Glück hatte sie nur eine Delle. Außerdem zeigten uns die Daten, dass die Systeme im Prinzip funktionieren. Der Test war also eigentlich ein Erfolg.
Sie bauen mit Heimwerkermethoden an einer bemannten Raumkapsel, am Ende möchten Sie sich selber ins All schießen. Bei allem Respekt: Sind Sie eigentlich verrückt?
von Bengtson Die Frage hören wir oft. Und irgendwie können wir sie auch verstehen, obwohl wir sie klar verneinen. Wir können ja gar nicht verhindern, dass sich die Öffentlichkeit manchmal über uns lustig macht. Wie vor zwei Jahren, als die Rakete am Boden blieb, weil der Föhn ausgefallen war. Der sollte eigentlich ein Sauerstoffventil eisfrei halten. Die Fachwelt nimmt uns inzwischen aber sehr ernst.
Die Fachwelt hält es für möglich, dass Sie Dänemark zur Raumfahrtnation machen?
Madsen Nicht nur die. Ein Kollege aus Deutschland arbeitet für eine Firma, die Satelliten baut. Der sagte mir einmal: Wenn euch das erste Mal ein Testflug ins All geglückt ist, mit Steuerung der Triebwerke und unversehrter Rückkehr der Raumkapsel - dann steht am nächsten Tag die CIA in Kopenhagen auf der Matte und sagt der dänischen Regierung: Pfeift mal eure Jungs da zurück.
von Bengtson Dein Kollege schaut zu viele Agentenfilme.
Wie finanzieren Sie denn eigentlich Ihr Projekt?
von Bengtson Es gibt seit zwei Jahren einen Förderverein mit ungefähr 700 Mitgliedern. Über ihn bekommen wir derzeit etwa 135.000 Euro im Jahr. Dazu helfen uns etwa 50 Unternehmen mit Material und Maschinen. Und dann muss man eben auch einfallsreich sein. Gestern habe ich unser Projekt auf einer öffentlichen Fundraising-Seite ins Internet gestellt. Binnen acht Stunden hatten wir 3000 Dollar beisammen. Da draußen gibt es also eine Menge Geld. Und alles fließt direkt in das Projekt. Unsere 40 Helfer bekommen keinen Lohn, wir auch nicht. Alles basiert auf ehrenamtlicher Tätigkeit.
Nur 135.000 Euro? Jeder Prototyp eines Hörgeräts kostet mehr.
von Bengtson Stimmt schon. Unser Jahresbudget legt die Nasa jede Woche in die Kaffeekasse ihrer Mitarbeiter. Aber genau das macht unser Projekt so faszinierend. Die Leute staunen darüber, dass Raumfahrt so primitiv und billig sein kann.
Madsen Wir halten alles so einfach wie möglich. Schauen Sie sich nur den Druckmesser in der Raumkapsel an: ein ganz simples analoges Manometer. Wir könnten da jetzt auch ein digitales Display einbauen und einen Computerchip zur Steuerung. Das ist dann aber extrem anfällig. Unser Leitspruch lautet deshalb: So viel Mechanik wie möglich, so wenig Elektronik wie nötig.
Wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen, in privater Regie einen Menschen ins All zu schießen?
von Bengtson Ich habe vorher für die Nasa gearbeitet. Als mein Vertrag dort ausgelaufen war, ging ich mit meiner Familie zurück nach Dänemark. Und da stand ich dann, als Spezialist für die bemannte Raumfahrt. Eine Sackgasse.
Wieso Sackgasse?
von Bengtson Weil Ingenieure für bemannte Raumkapseln hierzulande nicht mal eben per Zeitungsannonce gesucht werden. In Europa ist der Markt gleich null. Noch nicht mal die Esa hat derzeit bemannte Raumfahrtprojekte. Ich musste mich also selbstständig machen, um weiter auf meinem Gebiet arbeiten zu können. Und als ich dann von Peter in der Zeitung las, der gerade sein letztes U-Boot gebaut hatte, dessen eigentliche Leidenschaft aber der Bau von Raketenmotoren war - da habe ich ihn kontaktiert.
Madsen Wir haben dann recht schnell herausgefunden, dass wir das gemeinsam angehen wollen.
Herr Madsen, wie kommt man denn vom U-Boot-Bau zur Raketentechnik?
Madsen Diese beiden Dinge sind sich ähnlicher, als man denkt. Wir bauen unsere Raketen unglaublich simpel, als riesige Behälter, aus denen wir den Treibstoff mit hohem Druck in die Triebwerke pressen. So ähnlich wie bei einer Spraydose. Ein U-Boot ist im Grunde nichts anderes als ein Druckbehälter, aus dem man Wasser presst, um die Tiefe regulieren zu können.
Sie arbeiten jetzt seit vier Jahren zusammen. Wie oft geraten Sie sich in die Haare?
von Bengtson Peter und ich sind sehr verschieden, wir diskutieren viel. Auf der anderen Seite ist es gut, dass wir uns klar unsere Meinung sagen, sonst kämen wir nicht weiter. Außerdem waren Peter und ich keine Freunde, als wir mit dem Projekt anfingen. Das erspart einem viele Unannehmlichkeiten und macht harte Entscheidungen leichter. Inzwischen kennen wir uns beide so gut, dass wir genau wissen, welche Knöpfe wir beim anderen drücken müssen - oder eben lieber nicht drücken.
Madsen In technischen Fragen müssen wir uns oft auch gar nicht einig sein, weil unsere Aufgaben klar voneinander abgegrenzt sind. Kristian kümmert sich um das Raumschiff und die Kapsel; ich kümmere mich um den Antrieb. Wir interessieren uns auch gar nicht so besonders für den Bereich des anderen. Da kommen wir uns also kaum in die Quere. Probleme gibt es nur, wenn jemand mit irgendeinem Anliegen von außen an uns herantritt.
Zum Beispiel?
Madsen Wir hatten unsere schwerste Krise, als uns ein Fernsehsender fragte, ob wir nicht ein monatliches Magazin mit denen machen wollen. Da konnten wir uns nicht einigen. Ich fand das eine Superidee, Kristian dagegen fand sie schrecklich. Regelmäßig ein Kamerateam hier zu haben, das einem über die Schulter schaut - furchtbar!
von Bengtson Die Vorstellung von Kameras, die uns hier dauernd im Hangar filmen, war mir ein Graus. Auch viele unserer Helfer haben gesagt: Wenn die Fernsehmenschen hier sind, bleiben wir weg.
Madsen Wir haben denen schließlich abgesagt.
Dieser Hobbycharakter scheint Ihnen ja ganz wichtig zu sein. Was passiert, wenn der erste Start funktioniert? Kommen dann nicht Investoren und wollen professionelle Strukturen sehen?
von Bengtson Glaube ich nicht. Das wäre sonst schon längst geschehen.
Madsen Einer solchen Entwicklung gilt es natürlich entgegenzuwirken. Wir wollen keinen Profit. Wir arbeiten nicht hart, um Dinge zu bekommen, die wir gerne hätten. Wir arbeiten hart, um das zu tun, was wir gerne tun wollen.
Wer von Ihnen wird denn eigentlich als Erster ins All fliegen?
Madsen Ich. Weiß auch nicht, was mich da geritten hat.
von Bengtson Eine gute Wahl.
Madsen Kann ich mir vorstellen, dass dir das gefällt. Der erste Flug wird ja ziemlich langweilig sein: Einmal rauf und dann wieder runter. Vom Start bis zur Landung wird das nicht viel länger als 15 Minuten dauern. Ziemlich ärgerlich.
von Bengtson (Grinst.) Ich freue mich dann schon auf die LEO-Mission.
LEO? Was ist das?
von Bengtson Low Earth Orbit. Ein paar Runden lang aus der Erdumlaufbahn auf den Planeten heruntergucken. Das wird unglaublich.
Und wann wird es so weit sein? Wann geht Herr Madsen in die Luft?
Madsen Das können wir nicht genau sagen. Wir haben vielleicht die Hälfte des Weges geschafft. Die Erfahrung auch aus der professionellen Raumfahrt zeigt aber, dass plötzlich alles ganz schnell gehen kann, wenn erst mal ein bestimmter Punkt der Entwicklung erreicht ist.
sMal ernsthaft, haben Sie eine gute Lebensversicherung abgeschlossen? Ihr Testament gemacht? Sie könnten ja draufgehen.
Madsen Nicht anders als jeder andere Mensch auch. Natürlich gibt es keine Garantie, dass der erste Flug funktioniert. Aber das Risiko ist überschaubar. Die Sicherheit ist etwa vergleichbar mit jener, die amerikanische und sowjetische Astronauten in den 60er-Jahren hatten. Da ging es zum Teil noch viel wilder zu. Das Wettrennen im Kalten Krieg ließ die Nasa wahnwitzige Risiken eingehen. Da fanden Missionen statt, ohne dass es vorher einen Test gegeben hätte. Meiner Meinung nach war das der einzig richtige Weg. Denn selbst wenn ein Start fünfmal geglückt ist, hat man keine Garantie, dass auch beim sechsten Mal nichts passiert.
von Bengtson Und wir lassen immerhin unseren Crashtest-Dummy hier mitfliegen. Wir haben ihn Randy getauft.
Wie ich sehe, hat sich Randy beim letzten Flug den Unterschenkel gebrochen.
Madsen Das wäre zu verschmerzen.
von Bengtson Ich glaube, dass das tatsächliche Risiko noch nicht richtig bei uns durchgesickert ist. Das Ausmaß der Gefahr. Das passiert wohl erst, wenn es wirklich ernst wird. Ein halbes Jahr vor dem eigentlichen Start mit Peter vielleicht. Oder erst am Tag selbst. Wenn wirklich allen klar wird, dass Peter jetzt auf dieser Rakete sitzt - dann geht uns sicher allen die Muffe. Madsen Wir sind niemandem aus unserem Team böse, der dann aussteigt. Interview: Elmar Jung