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Merken   Drucken   07.12.2012, 10:46 Schriftgröße: AAA

Am großen Tisch der FTD: Hamburger Tafel

Jeden Morgen um 10 Uhr traf sich die FTD-Redaktion im "Politbüro" zur großen Konferenz. Hier wurden die Ideen und Geschichten für den nächsten Tag geboren, hier begannen und endeten Karrieren. Lesen Sie erstmals, wie es dabei wirklich zuging.
© Bild: 2012 FTD.de/Christian Charisius
Interview Jeden Morgen um 10 Uhr traf sich die FTD-Redaktion im "Politbüro" zur großen Konferenz. Hier wurden die Ideen und Geschichten für den nächsten Tag geboren, hier begannen und endeten Karrieren. Lesen Sie erstmals, wie es dabei wirklich zuging.
von und Matthias Oden, Hamburg

Morgens, 10.02 Uhr, im "Politbüro", dem Konferenzraum der FTD. Die Redakteure trudeln zur großen Konferenz ein. Die meisten setzen sich an den Furnierholztisch mit den Mikrofonen, ein paar lümmeln sich auf die schwarzen Ledersofas vor dem Fenster, einige stehen. Lachsrosa Zeitungspapier raschelt. Über die Flachbildfernseher an der Wand sind die Standorte Berlin und Frankfurt zugeschaltet, auch dort sammeln sich Redakteure, wer genau, ist nicht zu erkennen. In Frankfurt spielt jemand an der Kamera herum und richtet sie auf den Sexshop gegenüber. Die Büros in München und Düsseldorf sind per Telefon zugeschaltet (bei Heimo Fischer in Stuttgart ist die Mailbox angesprungen).

Stefan Weigel (stellvertr. Chefredakteur): Guten Morgen, Kollegen. Wir sollten beginnen. Den Chefredakteur habe ich zwar heute schon gesehen, aber Capital wird belichtet. Wer hat denn Blattkritik? (nestelt an der Liste vor ihm) Matthias Oden - ist der zufällig da?

Stimme aus dem Off: Der ist doch für Capital auf Recherche.

Weigel (verdreht die Augen: Prima. Hat sonst jemand heute schon was gelesen?

Björn Maatz, der Multimediaredakteur, updatet auf dem Handy seinen Facebook-Status, Jörn Paterak aus dem Unternehmensressort checkt seine Mails. In Frankfurt winken Redakteure in die Kamera, die endlich auch mit Ton eingewählt werden wollen.

Weigel (nimmt einen Kugelschreiber und legt ihn sich über die Brille): Wunderbar. Keiner?

Tim Bartz (Ressortleiter Finanzen, Frankfurt): Also, ich fand die Zeitung heute ja ganz gut. Aber warum haben wir nicht die Geschichte über den Schäuble mitgenommen?

Andreas Theyssen (Ressortleiter POlitik, Berlin: Kam zu spät.

Bartz: Finde ich ein bisschen peinlich, die anderen haben alle was zu Schäuble.

Theyssen: Weiß auch nicht, warum die das jetzt noch mal hochziehen. Und außerdem wollte ich das in meiner nächsten Kolumne aufgreifen.

Bartz: Und auf der Seite 1? Finde ich schon ein bisschen peinlich, die anderen ...

Philipp Jaklin (Seite-1-Chef): Also nein, wir hatten von Anfang gesagt, dass wir das bei den Berlinern im Politikressort sehen. Außerdem waren wir gestern nur zu zweit ...

Cosima Jäckel (Chefin vom Dienst): ... und sowieso drei Minuten über Zeit.

Theyssen: Das mit dem Schäuble haben wir sowieso vor drei Wochen schon mal in einer Meldung auf Seite 11 gehabt. (knurrend) Und da gehört's auch hin.

Weigel (nickt, der Stift wackelt): Stimmt, die anderen werden den auch nur auf den Titel gehoben haben, weil die eben nicht unseren Scoop über die Neuordnung des osteuropäischen Saftmarktes hatten. Kennt einer diesen Schäuble?

Auftritt Steffen Klusmann (Chefredakteur), gestresst. Er setzt sich neben Weigel und reicht ihm den Stift, der auf dem Stuhl lag. Weigel steckt ihn sich zu dem anderen an die Brille.

Klusmann: Morgen, Kollegen, seid ihr schon durch? Ich finde, wir haben ein ganz ordentliches Blatt gemacht. Den Unternehmensaufmacher fand ich gut, wirklich intelligent gedreht.

Stimme aus dem Off: Da sind im zweiten Absatz aber Millionen und Milliarden verwechselt ...

Klusmann (stutzt): Kollegen, da müssen wir echt ein bisschen aufpassen. Ich mein, das kann doch nicht wahr sein! (schaut mit hochgezogenen Brauen und Kinderfresseraugen in die Runde) Dann können wir's auch gleich lassen. Wenn wir nicht mal das hinkriegen, dann fahren wir das Teil hier gegen die Wand, das garantier ich euch! Wir machen das jetzt seit zehn Jahren ...

Jäckel: ... seit zwölf ...

Klusmann (energisch, aber leise): ... und bei so'nem Scheiß, da nimmt uns da draußen bald keiner mehr ernst.

Automatische Mailboxansage von Heimo Fischer: Sie haben die maximale Speicherkapazität der Mailbox erreicht. Vielen Dank für Ihren Anruf.

Klusmann (wieder ruhig, zu seinem Stellvertreter Sven Clausen): Sven, hast du noch was?

Clausen: Tolle Haniel-Geschichte, starkes News-Stück zu Steinbrück. Und wirklich exzellente Commerzbank-Sause.

Klusmann: Okay, Kollegen, das war's. (Redakteure ab, Blattplaner bleiben) Weiter mit den Themen von morgen.

Dirk Benninghoff (Online-Chef) (donnernd): Und von heute.

Weigel steckt sich einen Stift ins Haar.

Benninghoff (donnernd): Aaaalso, die neuen BIP-Zahlen haben wir schon fett auf der Site, damit waren wir früher als alle anderen. Ein Onlinekommentar zu Opel geht gleich online. Und wir basteln an einer Bilderserie zu Basel III und Solvency II. Und Berlin, könnt ihr uns dann heute was zum Schäuble machen? Schnell, bitte?

Theyssen: Ich habe heute nur einen Redakteur, der Rest recherchiert für Capital. Kann das nicht einer in Hamburg machen?

Klusmann: Was ist denn mit Claus Hecking? Der kann das doch. (beantwortet parallel Verlagsanfragen auf dem Blackberry) So, weiter: Was machen wir morgen auf der Agenda-Seite?

Theyssen: Kann mal jemand sein Handy wegpacken? Es rauscht in der Leitung.

Claus Gorgs (Ressortleiter Agenda): Auf der Agenda haben wir eine Reportage vom Amazonas. Wir waren vier Wochen auf einem Dampfer. Auf dem will die größte Bank Brasiliens ...

Klusmann (aufguckend, zweifelnd): Habt ihr noch was anderes?

Gorgs: Also, die größte Bank, die will ...

Klusmann: Was ist denn mit dem Comeback der Autoindustrie in Amerika? Wollte Matthias Ruch nicht was dazu machen?

Gorgs: Das hat er neulich schon für die Unternehmer geschrieben. Vielleicht warten wir die 15-Uhr-Konferenz ab und entscheiden dann. (leise zum Nebenmann) Dann ist es eh zu spät.

Klusmann: Okay, Unternehmensressort?

Paterak (legt sein Smartphone weg, liest ausgedruckte Zettel vor): Wir machen ein Stück über Oracle, die haben Zahlen vorgelegt, wir kriegen dazu was aus San Francisco, dann was zu Opel, ein Feature zum neuen Maskottchen von RWE und die Capital-Geschichte zum Aufstieg von Karl-Theodor zu Guttenberg bei Kyocera, steht alles in der Newslist.

Klusmann: Wer macht die Opel-Geschichte?

Paterak: Will den Hecking fragen. Haben wir eigentlich Anzeigen für morgen?

Jäckel: Keine, ihr habt freie Bahn.

Die Tür fliegt auf, Auftritt Verlagshansel.

Verlagshansel: Oh, Entschuldigung. Ist das hier das Meeting zur Auslotung des Marktpotenzials von digitalen Medien?

Weigel: Das wurde auf nächstes Jahr verschoben. Verlagshansel ab. Auch Berlin und Frankfurt stellen ihre Themen vor. Claus Hecking wird dreimal als Schreiber ins Spiel gebracht. Dann sind die Themen für die Kommentarseiten dran.

Gorgs: Matthias Ruch bietet einen Kommentar über die US-Autobranche an.

Bartz: Haben wir den nicht heute schon im Blatt?

Theyssen (glucksend): Gestern auch schon.

Klusmann: Wir nehmen's mit in die 15-Uhr-Konferenz. Oder hat der Hecking noch was?

Gorgs: Der ist übrigens gerade in Belize.

Klusmann: Ruf den doch mal einer an.

Gorgs: Da ist es jetzt vier Uhr morgens.

Clausen: Wie wäre es denn mal mit einem formidablen Meinungsstück zur konjunkturellen Lage im Euro-Raum? Die haben wir unseren Lesern noch nicht erklärt.

Klusmann: Geil. Wenn wir da eine intelligente These hinkriegen. Was meint ihr, Kollegen?

Thomas Fricke (Chefökonom, Berlin): brummelbrummel Austerität brummel Double Dip brummelbrumbrum [kompliziertes Wort] brummelbrummel brumbrumbrumbrumbrumbrum - und vor allem: die Nachfrageseite.

Aufgeregte Stimme aus Frankfurt: So kann man das wirklich nicht sehen. Nachfrage, Nachfrage, immer nur Nachfrage. Wir müssen endlich ...

Fricke: NeinbrummelbrummelEZBbrummelTenderbrummbrumm, hat mir Draghi bestätigt.

Weigel klemmt sich einen Stift zwischen Oberlippe und Nase.

Clausen: Hecking mailt gerade: Er macht's.

Paterak: Opel?

Clausen: Alles.

Klusmann: Was ist mit Seite 2 und Seite 1? Jenny, hast du einen Kopf des Tages? Guttenberg?

Jenny Genger (Seite-2-Chefin): Nee, der ist als Typ langweilig.

Theyssen: Was ist denn mit Schäuble?

Benninghoff (donnernd): Hah, erst verpennen und jetzt andere machen lassen! Außerdem kann den doch keiner schreiben, denke ich.

Theyssen: Doch, der Hecking.

Klusmann (weiter Verlagsanfragen auf dem Blackberry beantwortend: Okay, Jenny, guck mal, vielleicht ergibt sich ja noch was. Irgendwas aus dem Opel-Komplex?

Paterak: Geht nicht. Was soll ich sonst auf meinen Seiten machen?

Bartz: 'Ne HSV-Geschichte vielleicht?

Benninghoff (donnernd): Pauli! Pauli!

Fricke: BrummelbrummelKeynes.

Bartz: Der ist doch schon tot, oder was?

Theyssen: Da hat doch schon wieder jemand sein Handy auf dem Tisch, es rauscht!

Klusmann: Jenny, wir reden in der 15-Uhr-Konferenz noch mal. Was plant die Seite 1?

Jaklin: Ich hab noch nichts gesehen, was mich anspringt. Opel seh ich nicht als große Nachricht. Vielleicht können wir ja unsere Geschichte über das Saftmonopol weiterspielen.

Bartz: Oder endlich den Schäuble.

Fricke: BrummelSeite1brummelantizyklisch.

Klusmann: Also dann, Kollegen, ans Werk! Bis morgen. (Klusmann ab)

Weigel (den Kopf auf der Tischplatte, die Stifte kullern weg): Ich freu mich

  • Aus der FTD vom 07.12.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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