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Merken   Drucken   01.05.2012, 10:00 Schriftgröße: AAA

Beete in Schlaglöchern: Der Guerilla-Gärtner von London

Wenn die Kreativität eines Londoner Gärtners Knospen treibt, erblühen sogar Schlaglöcher. Regelmäßig bepflanzt Steve Wheen die Schandflecke seines Viertels und verwandelt die Betonwüste in einen bunten Garten.
© Bild: 2012 DPA/Sandra Wosky/Bildfunk/DPA
Wenn die Kreativität eines Londoner Gärtners Knospen treibt, erblühen sogar Schlaglöcher. Regelmäßig bepflanzt Steve Wheen die Schandflecke seines Viertels und verwandelt die Betonwüste in einen bunten Garten.
von Sandra Wosky, London

Bewaffnet mit Blumenerde und Pflanzkelle beginnt Steve Wheen seine Sonntage am liebsten mit einem Besuch bei seinem Lieblingsfloristen. Meist hat er dann bereits eine Vorstellung davon, welches Schlagloch er in Angriff nehmen will und welche Szene entstehen soll. Dann staffiert der 33-Jährige in den Schlaglöchern der Londoner Straßen blühende Gärtchen mit Requisiten wie etwa winzigen Schaukelstühlen, Modellautos, Telefonzellen, Gießkannen oder Gummistiefeln aus.

Guerilla Gärtner Wheen: "Ich mag es, die Fantasie der Leute ...   Guerilla Gärtner Wheen: "Ich mag es, die Fantasie der Leute anzuregen"

"Ich mag es, die Fantasie der Leute anzuregen", sagt der gebürtige Australier, der gerne nach Vollendung seiner Miniaturkunstwerke vom Straßenrand aus die Reaktionen der Passanten beobachtet. Die Liebe zur Gärtnerei wurde Wheen, dessen Großvater Blumenzüchter war, in die Wiege gelegt. Im australischen Canberra sei die Gartenarbeit eine Familienangelegenheit, erzählt er. Seit der Kreative mit dem grünen Daumen vor acht Jahren nach London zog, musste er allerdings die Weite des fünften Kontinents mit einer winzigen Zweizimmerwohnung ohne Garten oder Balkon tauschen.

Zwar entspricht London gerade im Frühling so gar nicht dem Klischee von der kühlen, stets in Nebel getauchten Inselhauptstadt. Und eigentlich bietet die Stadt an der Themse mit ihren acht Königlichen Parks vergleichsweise viel Platz für Erholung inmitten satter Farben. "Doch gerade Ostlondon gleicht vielerorts eher einer grauen Betonwüste", meint Wheen, "und so beschloss ich, im Rahmen eines Design-Kurses an der Uni meine Guerilla-Gärtchen zu dokumentieren und einen Blog darüber zu erstellen."

Die Lehrer waren zufrieden mit Idee und Umsetzung, die Benotung fiel entsprechend gut aus. Doch das Ende des Kurses war erst der Anfang seiner Miniaturgärten.

Sich die Hände schmutzig machen und die Welt verschönern

Das Projekt ist seither stets gewachsen und die Reaktionen sind fast durchweg positiv. Unlängst pflanzte Wheen eine Mini-Version eines Wahrzeichens der Stadt, des Riesenrades London Eye, in ein Schlagloch nahe dem Verteidigungsministerium. Prompt näherte sich ein skeptischer Polizist, der sich laut Wheen aber nach genauerem Hinsehen dafür bedankte, dass der Künstler es geschafft habe, ihn mit seiner Straßenkunst aus Narzissen und Efeu zum Lächeln zu bringen.

"Es geht darum rauszugehen, sich die Hände schmutzig zu machen und etwas zu schaffen, was die Gegend, in der man lebt, verschönert", sagt der Hobbygärtner. Aus Sicherheitsgründen gärtnert Wheen, der selbst nicht in London Auto fährt, nie auf stark befahrenen Straßen. "Meistens wähle ich eine ruhige Nebenstraße oder eine Fußgängerzone", sagt er. Doch von Dauer sind die winzigen Gärten trotz geringen Durchgangsverkehrs freilich nicht. Die Pflanzen und zumeist auch die Requisiten lässt Wheen an Ort und Stelle, sie finden aber oft bald einen neuen Besitzer.

Rosige Zukunft für Schlagloch-Guerilla

Bisweilen erhalten die grünen Fleckchen inmitten von Asphalt auch tierischen Besuch von Hund, Katze oder Igel. "Manchmal gehe ich nach einiger Zeit noch einmal hin um zu sehen, ob mein Gärtchen noch existiert", so Wheen. "Und einmal habe ich bemerkt, dass dank der Samen ein Schlagloch im nächsten Jahr von allein wieder erblüht ist."

Die Zukunft der Londoner Schlagloch-Guerilla sieht im wahrsten Sinne rosig aus, denn an Ideen mangelt es Wheen keineswegs. Auch Fans und Gleichgesinnte schicken ihm immer häufiger Vorschläge, wie er Schlaglöcher gestalten könnte. Für dieses Jahr, in dem die Stadt ganz im Zeichen von Olympia steht, plant Werbefachmann Wheen einen Miniaturnachbau des 2012-Olympialogos. "Das wird meine bis dato größte Herausforderung", sagt er, "ich kann es kaum erwarten."

  • dpa, 01.05.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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