Mal nichts hören von den Euro-Erschütterungen. Mal eine Auszeit haben von Meldungen zur globalen Wirtschaftskrise und den anderen Konfliktherden, die einen täglich in den Nachrichten einholen. Auf dem Lido in Venedig funktionierte das während der 69. Internationalen Filmfestspiele problemlos. Nur ein paar der 18 Filme im Wettbewerb um den Goldenen Löwen lenkten den Blick auf Wirklichkeit und Auswirkungen der Wirtschaftskrise.
Einer davon aber hat letztlich vielleicht auch deshalb den Goldenen Löwen gewonnen: "Pieta" von Kim Ki-duk. Der Südkoreaner erzählt die Geschichte eines skrupellosen Geldeintreibers, der säumige Schuldner zu Krüppeln schlägt, damit sein Boss die Versicherungszahlungen einstreichen kann. Als eine Frau auftaucht, die sich als seine Mutter ausgibt, entwickelt sich der Film erst zum Mutter-Sohn-Liebesdrama und kippt dann in eine drastische Rachegeschichte. Ein Werk wie ein Überfall, eine kraftvolle Zumutung, aufgeladen mit christlicher Symbolik. "Ich widme meinen Film allen Menschen, die unter der Wirtschaftskrise leiden", sagte Kim bei der Preisverleihung am Samstagabend.
Der diesjährige Wettbewerb musste sich aber auch gar nicht an der aktuellen Weltlage abarbeiten. Die Filme fanden anderswo starke Konflikte, Themen und Geschichten. Olivier Assayas etwa schweifte mit "Après mai" zurück in die frühen 70er-Jahre, um ganz unnostalgisch von einer Adoleszenz zwischen politischem Aktivismus, Künstlerambitionen und der ersten Liebe zu erzählen. Ein zeitgenössisches Gegenstück dazu kam vom Indiefilmer Harmony Korine. Der inszenierte mit "Spring Breakers" ein Jugendbild als Fetischbilderrausch mit den hysterisch bejubelten Teenstars Vanessa Hudgens und Selena Gomez in den Hauptrollen.
Auffällig viele Wettbewerbsbeiträge behandelten wie "Pieta" Spiritualität und Religion, Ablenkungsthemen, Zufluchtsthemen ohne Rückbindung an herrschende Krisenzustände - und das nicht selten auf provokante oder kontroverse Weise.
Terrence Malick ("The Tree of Life") entwarf sein skizzenhaftes Leinwandpoem "To the Wonder" mit christlich-reflexivem Unterbau und bekam dafür Buhs und Bravorufe zugleich. Brillante Mendoza tauchte in "Thy Womb" in den exotischen Alltag auf einem philippinischen Inselatoll ab und steuerte beiläufig auf das herzzerreißende Drama eines älteren muslimischen Paares zu. Das israelische Drama "Fill the Void" von Rama Burshtein ermöglichte zwar einen der seltenen Einblick in die abgeschottete Welt orthodoxer Juden. Als Mitglied dieser Gemeinschaft fehlte der jungen Regisseurin aber die Distanz zur kritischen Auseinandersetzung, vor allem mit dem Frauenbild von vorgestern.
Den größten Aufreger lieferte Ulrich Seidl mit dem zweiten Teil seiner Trilogie über Paradiese, die keine sind. Nach "Paradies: Liebe" zeigt "Paradies: Glaube" die großartige Hauptdarstellerin Maria Hofstätter im Alltag einer fanatischen Katholikin, die in ihrer Religion vor allem Verzweiflung finden wird. Grund ist ein teils drastisch ausgetragener Ehe- und Glaubenskleinkrieg mit ihrem überraschend zurückgekehrten Mann, einem querschnittsgelähmten Muslim. Als der geifernde Gatte ein Papstbild von der Wand reißt, gab es im Kino Szenenapplaus. Für die Masturbationsszene mit einem Kruzifix eine Anzeige von einer italienischen Katholikenorganisation - und für den erwartungsgemäß furchtbar unbequemen, doch zugleich sehr finster-humorigen Film verdient den Spezialpreis der Jury.
Auch Paul Thomas Anderson stellte in "The Master" eine strauchelnde Seele auf der Suche nach Halt ins Zentrum: Joaquin Phoenix gibt einen alkohol- und sexkranken Kriegsveteranen, der sich zum Freund und Vertrauten eines Sektenführers entwickelt, mit beeindruckender Präsenz verkörpert von Philip Seymour Hoffman. Im Vorfeld war spekuliert worden, inwiefern der Film Bezüge zu Scientology herstellen würde. "Die Hauptfigur basiert teilweise auf (Sektengründer) L. Ron Hubbard und mein Film weist durchaus einige Ähnlichkeiten zu den Anfängen der Dianetik auf", wand sich der Regisseur von wuchtigen Filmen wie "Magnolia" oder "There Will Be Blood". "Ich weiß allerdings nicht viel über Scientology heutzutage."
Eine kritische Scientology-Dekonstruktion will "The Master" ohnehin weniger sein. Eher ein US-Gesellschaftsbild der frühen 50er, das sich in beeindruckend komponierten 70-Millimeter-Bildern auf die Beziehung zwischen den zwei Männern konzentriert, die Anderson vor allem als Liebesgeschichte bezeichnet. Dafür wurde nicht nur seine Regiearbeit ausgezeichnet, seine herausragenden Schauspieler teilten sich für ihren Ausnahmezweiergipfel auch den Darstellerpreis.
"The Master" mag zwar nicht das große Meisterwerk gewesen sein. Das suchte man in diesem Jahr vergeblich. Doch Alberto Barbera hat nach seiner Rückkehr als Festivalleiter einen dynamischen, nachwirkenden Jahrgang zusammengestellt: mit vielen starken Filmen, die die Wirklichkeit ringsum eine Zeit lang vergessen ließen.