In der Mitte von Marienthal steht keine Kirche. In der Mitte von Marienthal steht eine Fabrik. Wer sich einst in der Siedlung zwischen flachen Feldern südlich von Wien niederließ, der tat es wegen des Betriebs im Herzen des Ortes. Die Fabrik, sie gab Arbeit, Geld und Sicherheit. Sie gab den Takt vor im Leben der Leute. Bis zum Winter 1930, da packte die Weltwirtschaftskrise auch die Textilfabrik Marienthal. Und als drinnen der letzte Webstuhl anhielt, hielt auch das Leben im Örtchen an. Fast jeder im Dorf verlor die Arbeit. 1200 Menschen, 383 Familien, 80 Prozent der Einwohner.
Was macht das mit einem Ort? Was macht das mit den Menschen?
Drei Jahre nach dem Bankrott erschienen die Antworten auf diese Fragen in einer sozialwissenschaftlichen Studie: "Die Arbeitslosen von Marienthal", ein schmaler Aufsatz bloß, aber bedeutend genug, politische Ideen zu erschüttern und die Denkweise über Arbeitslose für immer zu prägen.
Bis heute gilt die Untersuchung als Klassiker der empirischen Sozialforschung, als Standardwerk, voller über viele Jahrzehnte unumstößlicher Erkenntnisse. Wie anders sie ausfielen als das, was viele in Marienthal zu finden glaubten!
Denn ein Dorf, das beinahe geschlossen sein Einkommen verliert - das war gerade Anfang der 30er-Jahre eine hochpolitische Angelegenheit. Die Menschen in Marienthal würden aufstehen und kämpfen, vermuteten viele. Immerhin besaß das Dorf eine starke Arbeiterbewegung. Und die Arbeiter hatten nun Zeit: Sie würden sich radikalisieren, sich auflehnen gegen ein System, das seine Schwächen gerade aufs Schrecklichste offenbarte. Ja, es wurde für möglich gehalten, dass in Marienthal die Revolutionsführer von morgen zu finden sind. Der Aufstand der Armen - eine alte sozialistische Idee.
1931 macht ein Team der Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle Wien Marienthal zum Thema, um die tatsächlichen Auswirkungen zu untersuchen. Beteiligt sind die Sozialpsychologin Marie Jahoda, der Soziologe Paul Lazarsfeld, die Psychologin Lotte Schenk-Danzinger und der Jurist Hans Zeisel. Es ist eine junge Mannschaft, im Durchschnitt sind die Wissenschaftler 27 - und sie sind beseelt von sozialdemokratischen Ideen.
Als die Forscher in Marienthal ankommen, hallen durch die leeren Höfe noch die Hammerschläge der Liquidationsarbeiten an der Fabrik. Totenglocken für eine Arbeitergemeinschaft.
Bis heute kann sich Leopold Kopecky an die glücklichen Zeiten erinnern, als die Webstühle im Werk noch ratterten. Er ist 89 Jahre alt, einer der letzten Zeugen. Noch immer lebt er nahe der ehemaligen Arbeiterkolonie. Als die Fabrik schloss, war er sieben Jahre alt. "Das Leben hier, die Fabrik, das war himmlisch", ruft Kopecky sehr laut in seine stille Wohnung hinein. "Dieses kleine Nest war ein kultureller Mittelpunkt!" Turnen, Ringen, Fußball, Gesang oder Zeichnen - Marienthal hatte für fast alles einen Verein. Es gab einen Park, den die Fabrik eingerichtet hatte. Einen Montessori-Kinderhort, ein Fabrikspital mit Badeanlage, ein Arbeiterheim, Tanz- und Theatersäle. Das Leben war gesellig.
Wie die Dorfbewohner nach der Schließung des Werks leben, wollen die Wiener Wissenschaftler heimlich beobachten. Sie wagen eine neue Methode: Eine Mischung aus Empirie und Sozialreportage. Heimlich stoppen sie die Zeit, die die Marienthaler brauchen, um die Dorfstraße entlangzugehen. Sie besuchen die Familien und befragen sie, alles unter dem Vorwand von Wohlfahrtsaktionen, Kleiderspenden zum Beispiel. Sie besorgen sich Daten aus Schulen und von Ärzten. Sie beobachten, rechnen, protokollieren.
Aber das Wesentliche ist auf den ersten Blick zu erkennen. Das Leben steht still in Marienthal, hier wird sich niemand zu einer Revolution erheben. Hier, wo Zeit plötzlich so reichlich vorhanden ist, weiß keiner etwas mit ihr anzufangen. "Zeit erweist sich als tragisches Geschenk. Nichts muss mehr schnell gehen, die Menschen haben verlernt, sich zu beeilen. Das Nichtstun wird zur häufigsten Zeitverwendung", heißt es in der Studie.
Weite Teil der Textilfabrik werden nach der Schließung abgerissen, der Rest zerbröselt von selbst. Der Park verwildert, in der Bücherei leiht kaum mehr jemand etwas aus, der Kinderhort schließt, Vereine lösen sich auf. Selbst die Ringer sind bald zu schwach für Kämpfe. Zum Taktgeber des wirtschaftlichen Lebens wird der 14-tägige Auszahlungstermin der Arbeitslosenhilfe. Die Autoren finden ein Dorf in Auflösung. "Der Eindruck, den wir gewinnen, ist der einer abgestumpften Gleichmäßigkeit", schreiben sie: "Hier leben Menschen, die sich daran gewöhnt haben, weniger zu besitzen, weniger zu tun und weniger zu erwarten."
Die Wissenschaftler sortieren das Elend in Kategorien ein. "Resignation" nennen sie eine davon: Es ist ein gleichmütiges, erwartungsloses Dahinleben, in dem Pläne für die Zukunft keine Rolle mehr spielen. Als "ungebrochen" bezeichnen sie Familien, in denen der Haushalt noch gepflegt wird, wo es noch Hoffnungen für die Zukunft gibt. Von "Gebrochenen", sprechen die Forscher, wo vor lauter Verzweiflung niemand mehr nach Arbeit sucht. Und auf der letzten Stufe wird nicht einmal mehr der Haushalt geführt. Mit "apathischer Indolenz" lässt diese Gruppe den Dingen ihren Lauf. Das Leben wird zum tatenlosen Zusehen. Die Arbeitslosenunterstützung wird häufig irrational für sinnlose Dinge ausgegeben.
Die Ergebnisse der Studie werden zur herben Enttäuschung für die politische Linke. Die Sozialisten wissen jetzt: Auf Arbeitslose als Revolutionäre können sie nicht bauen. Die Hoffnung auf einen Aufstand der Armen, sie liegt in Marienthal begraben. "Seit der Studie wurden Arbeitslose endgültig als Ausgesteuerte betrachtet", sagt Reinhard Müller vom Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich, "als unpolitische, nicht radikalisierbare Gruppe, die sich leicht verwalten lässt."
Die Erkenntnisse der Studie erreichten die Welt allerdings erst spät. Nach 1933 wurde sie zunächst nicht wieder aufgelegt. Ihre Verfasser - fast alle mit jüdischem Hintergrund - mussten aus Österreich fliehen. Erst Anfang der 70er-Jahre erlebte die Studie mit einer englischen Übersetzung ihren Durchbruch und wurde international bekannt. Auch Künstler haben sich den Marienthalern immer wieder gewidmet. Es gibt Dutzende Filme, Theaterstücke und Dokumentationen. "Da ist etwas an dieser Studie, das einen nicht loslässt", sagt Müller. Es mag die Poesie des Titels sein, die eindringliche Sprache, mit der die damals erst 25-Jährige Hauptautorin Jahoda das Elend beschreibt.
Heute gibt es Marienthal zumindest formal nicht mehr. Verwaltet wird es von der Nachbargemeinde Gramatneusiedl, einem kleinen Dorf entlang einer ereignislosen Straße, die in die ehemalige Arbeiterkolonie übergeht. Viele der schlichten einstöckigen Häuser sind heute renoviert und bewohnt. Aus ihrer Mitte ragt wie ein erhobener Zeigefinger ein einzelner Schornstein: der letzte Rest der Fabrik. Heute herrscht darin wieder Leben. Das Werk, das nun Acrylglas herstellt, gehört Evonik Para-Chemie.
Vorstand Martin Petschnig hält die Erinnerung an die frühen Zeiten wach. "Ich denke, etwas Arbeiterkultur kann nicht schaden", sagt er. Gemeinsam mit Müller und weiteren Leuten setzt er sich für die Erinnerung an die Studie ein. Vergangenen Herbst hat im Ort ein Museum eröffnet, immer wieder finden Veranstaltungen zum Thema statt. "Das Interesse war nie größer", sagt Müller.
Vielleicht, weil auch ein bestimmtes Unbehagen nie größer war. Diese Ahnung, dass die Welt ein Ort ist, in dessen Mittelpunkt Fabriken stehen, die den Takt unseres Lebens vorgeben. Dieses Unbehagen, was uns droht, wenn drinnen die Maschinen anhalten.