FTD.de » Panorama » Vermischtes » Out of Office » Sinnlos im Weltraum
Merken   Drucken   05.08.2012, 17:44 Schriftgröße: AAA

Film "Prometheus": Sinnlos im Weltraum

Mit dem Science-Fiction-Film "Prometheus" will Regisseur Ridley Scott an den "Alien"-Mythos anschließen, den er einst selbst begründete. Er scheitert grandios.
© Bild: 2012 FTD.de/fotofinder
Mit dem Science-Fiction-Film "Prometheus" will Regisseur Ridley Scott an den "Alien"-Mythos anschließen, den er einst selbst begründete. Er scheitert grandios.
von Matthias Oden, Hamburg

Versagen ist auch immer eine Frage der Perspektive. Insofern könnte Ridley Scotts "Prometheus" als passabler Science-Fiction-Film gelten - wenn denn die Messlatte weit genug heruntergesetzt wird: tolle Effekte, und am Ende explodiert ein Raumschiff.

Nun ist Scott aber kein Regisseur für Durchschnittsware, und sein neuester Film sollte auch nichts anderes werden als die Neuauflage eines Meisterstücks: Mit "Alien" schaffte er vor mehr als 30 Jahren den internationalen Durchbruch und legte den Grundstein für die vielleicht intelligenteste Horrorsaga, die Hollywood je geschaffen hat. "Prometheus" sollte eine Blockbuster-Rückkehr zu diesen Anfängen sein. Und aus dieser Perspektive ist der Film, der am Donnerstag in Deutschland anläuft, nichts Geringeres als ein Debakel.

Als "Alien" 1979 in die Kinos kam, erlebten die Zuschauer eine düstere Lehrstunde in Furcht, in deren Zentrum ein so noch nicht gesehenes Duell stand: der Kampf Ellen Ripleys, der ersten Actionheldin der Geschichte, nicht gegen das außerirdisch personifizierte Böse, sondern gegen das perfekte Raubtier, gegen eine Kreatur, die sich dem abgedroschenen Gut-Böse-Schema entzog. Und auch wenn nicht alle der folgenden drei "Alien"-Filme Meilensteine waren, bot die Serie doch stets mehr als simplen Schrecken: Sie war immer auch eine hochgradig allegorische Auseinandersetzung mit sexuellen Ängsten, mit Geburt und Tod, mit Vergewaltigung und Mutterschaft - drastisch, intensiv, tiefgründig.

"Prometheus" ist nichts davon.

Der Film will die Frage beantworten, woher die Alien-Biester kamen. Im Jahr 2093 erreicht ein Team von Wissenschaftlern den Mond LV-223, um die Ursprünge der Menschheit zu erkunden: In frühgeschichtlichen Kulturen auf der ganzen Welt fanden sie Hinweise auf den Himmelskörper, und so liegt die Vermutung nahe, dass jemand von dort einst menschliches Leben auf die Erde pflanzte. Ihr Raumschiff heißt folgerichtig "Prometheus" - nach dem Titanen, der den Griechen als Kulturschöpfer galt und der von den Göttern verdammt wurde, weil er den Menschen das Feuer brachte.

Tatsächlich wird die Gruppe auf LV-223 fündig: äonenalte Hallen und Gänge, ein gigantischer Steinkopf mit menschlichen Gesichtszügen, Kanopen gefüllt mit Glibber, der als Urschleim durchgehen könnte. Dieser Urschleim entpuppt sich als hochmutagene Schlonze, die alles Leben, mit dem sie in Berührung kommt, einer Hochgeschwindigkeitsevolution unterzieht - mit erwartbar ungesundem Ergebnis. Und als dann noch die vorbeischauen, die den Schleim, die Menschheit und den ganzen Rest erschaffen haben, wird klar: Die Suche nach dem Anfang kann recht schnell das Ende bedeuten. Natürlich das der ganzen Welt.

Ridley Scott nennt "Prometheus" ein "eigenständiges Prequel". Dabei bedient er sich so ungeniert am eigenen Original, dass der Film wenig mehr ist als ein kraftloses Remake. Wo die anderen Filme der Tetralogie die Motive aus "Alien" weiterentwickelten, begnügt sich Scott mit Kopieren. Aus den Alien-Eiern werden die Kanopen, in denen das Verderben lauert - und das hier wie dort ein Infizierter nichts ahnend an Bord schleppt. Hier wie dort bringt der Crew-Androide die Mission in Gefahr, weil sein Auftraggeber ein doppeltes Spiel spielt. Hier wie dort verliert er dafür am Ende buchstäblich seinen Kopf. Und hier wie dort muss die weibliche Hauptrolle in Unterwäsche ums Überleben kämpfen. Wo aber "Alien" mit nervenzerfetzender Spannung aufwartet, bietet "Prometheus" nur vorhersehbare Action.

Und pseudokomplexe Charaktere. David etwa, der von Michael Fassbender immerhin großartig gespielte Androide, hat ein Faible für den Film "Lawrence von Arabien": Er trägt dieselbe Frisur wie Peter O'Tooles Wüstenheld, imitiert dessen leicht blasierten Habitus und spricht gern in Filmzitaten. Wieso das wichtig ist? Drehbuchautor Damon Lindelof kennt die Antwort sicher - er hat nur leider vergessen, sie in den Film zu schreiben.

Mit unwichtigen Details überfrachtete Figuren und im Nichts endende Handlungsstränge waren schon eine Schwäche von Lindelofs Serienerfolg "Lost". In "Prometheus" ist das genauso. Und dass die geheimnisvollen Schöpfer nicht mehr sind als tumbe Schlagtots mit Massenvernichtungswaffen, ist ein uninspirierter Rückfall in jenes Schwarz-Weiß-Muster, das den "Alien"-Filmen stets zu simpel war.

Das Schlimmste aber kommt zum Schluss: In den letzten Sekunden vollendet Scott seinen Brückenschlag und zeigt die Urform jener Kreatur, die "Alien" den Namen gab. Für das Original schuf der Schweizer Surrealist H. R. Giger ein Wesen von bislang unerreichter widerwärtiger Schönheit. Scotts Vieh ist hässlich wie eine Kiste Kröten.

Spätestens da wächst der Wunsch, den Regisseur zu strafen. Indem man ihn an einen Felsen kettet und auf den Adler wartet.

  • Aus der FTD vom 06.08.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
Immobilien-Kompass
Immobilien-Kompass Deutschlands beste Wohnlagen

Preise, Mieten und Prognosen für Deutschlands Metropolen und Regionen mit detaillierten Übersichtskarten

Jetzt eigene Wohnlage prüfen

 
Anstatt FTD.de lese ich künftig ... Zum Ergebnis
Alle Umfragen
In eigener Sache
  • An Kiosks in der ganzen Republik hieß es am letzten Erscheinungstag der FTD: Zeitung vergriffen! Der Hype um die Schlussausgabe trieb merkwürdige Blüten. Der Verlag druckte 30.000 Exemplare nach. Wer keines abbekam - bestellen ist möglich. mehr

  •  
  • blättern
Zwischen Leben und Arbeiten
Work-Life-Balance

Die FTD hat zusammen mit dem GfK Verein die umfassendste bundesweite Studie zum Thema Work-Life-Balance veröffentlicht. Die Ergebnisse und mehr zum Thema finden Sie hier. Die Studie können Sie hier kaufen. mehr

Folgen Sie der FTD auf Twitter
Werden Sie Fan der FTD auf Facebook
  • Sie waren ein Herzstück der Zeitung und pointiert, scharf, teils brillant: Ihre Kolumnen, Leitartikel und Kommentare haben die FTD entscheidend geprägt. Zum letzten Mal: Unsere Kolumnisten sagen, was Sache ist. mehr

  •  
  • blättern
© 1999 - 2013 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Impressum | Datenschutz | Nutzungsbasierte Online Werbung | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

Geldanlage | Altersvorsorge | Versicherung | Steuern | Arbeitsmarkt | Energiewende | Ökostrom | Auto | Quiz | IQ-Test | Allgemeinwissen | Solitär | Markensammler