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Merken   Drucken   15.05.2012, 19:10 Schriftgröße: AAA

Filmfestival: Veteranentreff in Cannes

Die Experimentierfreude ist dahin. Kaum dass wieder viel Geld fürs Filmemachen da ist, gerät das Festival von Cannes zum Stelldichein europäischer und amerikanischer Regie-Altmeister.
von Berlin

Mit dem Filmfestival in Cannes ist es wie im richtigen Leben. Alle verlangen neue Impulse, Generationswechsel und dass der Blick mal die Ecken verlässt, in denen er sich so wohlfühlt. Kommt es dann jedoch hart auf hart, greift auch der Lobpreisende der Neuerungslust zum Bewährten.

Als in den vergangenen Jahren die Lieferanten von Qualitätsfilmen aus Amerika und Europa wegen Finanz- und Schaffenskrise in Verzug gerieten, lobte Festivaldirektor Thierry Frémaux sich und seine Mannschaft noch für die Entdeckerfreude: Wie man Debütanten ins Programm geholt, die Grenzen des traditionellen Erzählkinos gesprengt und vor zwei Jahren gar dem esoterisch-magischen Zottelgeisterfilm "Uncle Boonmee" aus Thailand die Goldene Palme überreicht hatte!

Kaum aber fließt das Geld wieder mehr durch die klassischen Kanäle, da hat Frémaux sein Programm auch wieder mit der -vermeintlich oder tatsächlich - verlässlichen Ware aus vertrauten Quellen gefüllt. Wenn am Mittwoch zum 65. Mal das wichtigste Filmfest der Welt an der Côte d'Azur startet, verspricht das Programm ein Treffen der Altmeister und Festivalveteranen. Der Wettbewerb versammelt Namen des unabhängigen europäischen und amerikanischen Regiekinos in einer solchen Fülle, dass man fast schon an eine Renaissance jener Filmklasse glauben mag, die Cannes groß gemacht hat und die oft totgesagt wurde: Filme, die intelligent genug für Jurys, aber nicht zu abgedreht für das Publikum sind.

Kassengift Die größten Flops der Kinogeschichte

Den Anfang macht Wes Anderson ("The Royal Tenenbaums", "Darjeeling Limited") mit seinem neuen Film "Moonrise Kingdom". Was von dessen Geschichte bekannt ist, könnte programmatisch sein für ein Festival, das nach drei Jahren Finanzkrisendiskurs einen Ausweg sucht: Die mit Bruce Willis, Bill Murray und Harvey Keitel besetzte Komödie ist die Geschichte zweier Zwölfjähriger, die sich verlieben und aus der Welt der Erwachsenen in eine der Fantasie zu entkommen suchen.

An den folgenden Tagen laufen US-Produktionen wie die Verfilmung von Jack Kerouacs Hippieklassiker "On the Road" durch Walter Salles ("Die Reise des jungen Che"). Oder zwei Thriller: "Killing Them Softly" von Andrew Dominik ("The Assassination of Jesse James"), in dem Brad Pitt einem Pokerraub nachgeht, und "The Paperboy", ein mit Stars wie Matthew McConaughey, Zac Efron und Nicole Kidman gespicktes Justizdrama um falsche Verdächtigungen. "Das amerikanische Kino hat seine Kraft zurück", freut sich Frémaux, der fast ein Drittel seines Wettbewerbs mit Produktionen von dort gefüllt hat. 2011 gab es mit "The Tree of Life" nur einen richtigen Film aus den USA - der prompt gewann.

Ein Altmeister des US-Kinos immerhin verspricht die Krise auf die Leinwand zu bringen. Und damit besondere Spannung: David Cronenberg hat für "Cosmopolis" den gleichnamigen Don-DeLillo-Roman mit Robert Pattinson verfilmt. Ein milliardenschwerer Fondsmanager irrt darin einen Tag in seiner Stretchlimousine durch Manhattan. Eigentlich auf dem Weg zu einem Friseurtermin, erlebt er Finanzkollaps und persönlichen Zusammenbruch.

Schließlich haben auch die "Abonnierten" Filme fertig, jene Regisseure, die in Cannes gehätschelt werden und schon Preise mitgenommen haben: Der Österreicher Michael Haneke, zum sechsten Mal dabei, hat seinen neuen Film "Amour" hauptsächlich in Frankreich produziert, mit Jean-Louis Trintignant und Isabelle Huppert. Dazu der Brite Ken Loach, der Ägypter Abbas Kiarostami, der Däne Thomas Vinterberg oder der rumänische Festivalgewinner von 2007, Cristian Mungiu. Außer Konkurrenz dürfen Bernardo Bertolucci und Philip Kaufman neue Werke zeigen, ebenso Deutschlands Regiestar Fatih Akin seinen neuen Dokumentarfilm.

Klar, dass bei der ehrwürdigen Versammlung für Debütanten kein Platz war, ebenso wenig übrigens wie für Frauen auf dem Regiestuhl. Aus Südostasien kommen gerade zwei Filme, aus Lateinamerika einer. Immerhin war diesmal auch kein Platz für Hollywood-Verirrungen wie einst "Kung Fu Panda". Das Programm verspricht so zwar weniger Risiko, aber auch weniger Überraschungen. Allerdings müssen selbst die Altmeister erst mal liefern.

Frémaux glaubt an die Macht ihrer Bilder. Er freue sich über jeden, der kommt. Selbst über jene Reichen und Prominenten, die ihre Jacht kaum verlassen, geschweige denn, um einen Kinosaal zu betreten. Gelockt würden auch die durch die Kraft des Films.

  • FTD.de, 15.05.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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