FTD.de » Panorama » Vermischtes » Out of Office » Anarchisten zu Aktionären
Merken   Drucken   19.08.2012, 10:00 Schriftgröße: AAA

Freistadt Christiania: Anarchisten zu Aktionären

Revolutionäres spielt sich ab in der Freistadt Christiania: Das autonome Viertel in Kopenhagen hat sich seine Freiheit erkauft, die Hausbesetzer wohnen jetzt ganz legal. Vorstand Knud Foldschack soll die Kommune in eine neue Ära führen.

FTD Nehmen wir mal an, ich würde gern nach Christiania ziehen. Hand aufs Herz: Hätte ich eine Chance?

Knud Foldschack Natürlich!

Bitte ehrlich sein.

Ich bin ehrlich. Zugegeben, von den 14 Bezirken in Christiania sind ein paar wenige geschlossene Gesellschaft. Aber in den allermeisten kann sich jeder um eine Wohnung bewerben. Dann stellt man sich dem örtlichen Gremium vor, erzählt, wer man ist, woher man kommt und was man machen will. Und wenn man sich falsch oder ungerecht behandelt fühlt, kann man sich beim Fonds beschweren. Der ist dann verpflichtet, die Sache den staatlichen Instanzen vorzulegen.

Früher lief das mal anders. Nach dem Motto: Wer niemanden kennt, kommt auch nicht rein.

Tendenziell stimmt das auch. Es hat sich in letzter Zeit aber eine Menge getan in Christiania.

Knud Foldschack, Vorstand des Fonds Freistadt Christiania   Knud Foldschack, Vorstand des Fonds Freistadt Christiania

Erzählen Sie mal.

30 Jahre lang existierte Christiania in friedlicher Koexistenz mit dem Staat. Die Freistadt war zwar nicht legal, sie wurde aber toleriert. 2001 änderte sich das. Da gab es erstmals eine Regierung, die das Projekt Christiania beenden wollte. 300 neue Wohnungen sollten auf dem Areal gebaut, dafür 200 alte Gebäude abgerissen werden. Am Ende sollten die ganz normalen Marktmechanismen von Angebot und Nachfrage greifen, wie im restlichen Stadtgebiet auch. Und das alles pronto. Ich war da aber anderer Meinung. Wenn man Menschen und deren Lebensweise 30 Jahre lang akzeptiert hat, kann man nicht einfach sagen: Das hört jetzt binnen einem Jahr alles auf. Wir haben uns dann entschlossen, den Kampf aufzunehmen, gerichtlich und über Verhandlungen.

Alle Prozesse gingen verloren.

Leider. Trotzdem gab es für unsere Argumentation Verständnis. Wir konnten uns auch mit unserer Auffassung durchsetzen, dass die Pläne der Regierung nicht im Hauruck umsetzbar sind. Also haben wir uns erst einmal hingesetzt und abgeklärt, was schlecht ist an Christiania und was gut.

Klingt nach Spiel auf Zeit.

(Grinst.) Irgendwie stimmt das auch. Als wir dann 2011 vor dem Obersten Gericht verloren, war die Regierung nicht nur arbeitsmüde, sondern politisch auch schwach. Und dann war auch noch Finanzkrise, was die Ideologie in den Hintergrund und die Ökonomie in den Vordergrund treten ließ.

Wie soll ich das verstehen?

Christiania war für den Staat eine ziemlich teure Angelegenheit. Die Kosten für die Verwaltung des Geländes waren exorbitant hoch. Ganz zu schweigen von der Instandsetzung der Bausubstanz, die auf den Staat zugekommen wäre, hätte er seine ursprünglichen Pläne umgesetzt. Eine dreistellige Millionensumme. Und um sich dieser Kosten zu entledigen, kam der Staat mit einem Verkaufsangebot. Wir einigten uns schnell auf 85,4 Mio. Kronen.

Ist das nicht ein unglaublich schlechter Deal für den Staat? 150 Euro für den Quadratmeter in absoluter Toplage?

Nein. Wenn man näher hinschaut, hat sich der Staat mit diesem Geschäft einen Gefallen getan, weil er sich aller Verantwortung entledigt hat. Der Fonds Freistadt Christiania wird zum Verwalter. Wir erben alle Probleme, die es in dieser Siedlung gibt, und der Staat spart pro Jahr einen zweistelligen Millionenbetrag. Außerdem gibt es im Vertrag eine Klausel, die besagt, dass Überschüsse, die in Zukunft möglicherweise erwirtschaftet werden, an den Staat zurückfließen.

Die Hausbesetzer haben Christiania also ganz legal gekauft. Aber woher nehmen diese Leute umgerechnet 11,5 Mio. Euro?

Der Fonds hat die Summe über staatliche Garantien erhalten.

Sie haben parallel sogenannte Volksaktien ausgegeben. Wozu eigentlich, wenn das Geld schon da ist?

Für uns war es wichtig, auch die Bevölkerung um Unterstützung zu bitten. Inzwischen haben wir Aktien im Wert von 15 Mio. Kronen verkauft, umgerechnet etwa 2 Mio. Euro. Wir rechnen damit, dass wir innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre auf diesem Weg die komplette Kaufsumme beisammenhaben.


Vom Besetzer zum Besitzer
Anarchos Christiania entstand 1971, als eine Gruppe Jugendlicher die stillgelegte Kaserne im Kopenhagener Stadtteil Christianshavn besetzte und das 36 Hektar große Gelände zur "Freistadt Christiania" ausrief. Die kollektivistische und anarchistische Siedlung ist seitdem fester Bestandteil des Kopenhagener Stadtbilds. Heute leben etwa 1000 Menschen in der Freistadt. Am 26. September 2011, dem 40. Jahrestag Christianias, wurde der "Fonds Freistadt Christiania" gegründet mit dem Ziel, die Kommune in die Legalität zu führen.
Anwalt Knud Foldschack, 60, wollte eigentlich gar nicht Jurist werden - nur weil sein Notendurchschnitt zu schlecht für ein Pädagogikstudium war, entschied er sich für diese Laufbahn. Seit 2005 arbeitet er als Anwalt für die Aussteigersiedlung. Seit 2011 sitzt er auch im Vorstand des Fonds Freistadt Christiania, der das Areal vom dänischen Staat kaufte. Sein erfolgreicher Einsatz für den Erhalt der Kommune machte ihn nicht nur zu einer Ikone der Alternativen, sondern 2012 auch zum Kopenhagener des Jahres.

Wie zufrieden sind Christianias Bewohner denn mit dieser Lösung?

Die Freude überwiegt. Fast alle Menschen, mit denen ich spreche, sind sehr zufrieden, weil sie endlich ihre Ruhe haben. Natürlich gibt es immer Nörgler, die am Hergebrachten festhalten wollen. 40 Jahre war Christiania ein anarchistisches System. Man zahlte keine Mehrwertsteuer, hielt sich nicht an Bau- oder Umweltgesetze. Diese isolierte Gemeinschaft wurde nun durch ein Experiment ersetzt, das sich im gesetzlichen Rahmen bewegt. Für Christiania sind das ähnlich große Umwälzungen wie die Einführung der Marktwirtschaft in den ehemaligen Ostblockländern. Ziemlich spannend, wie ich finde.

Ihre Leute haben immerhin 40 Jahre lang mit Händen und Füßen für ihre Freiheit gekämpft und sie am Ende doch nur gekauft. Für Menschen mit einem, sagen wir mal, alternativen Lebensentwurf muss das doch ein schrecklicher Vorgang sein.

Die ehemaligen Revoluzzer von damals müssen eben bereit sein umzudenken. Sonst werden sie konservativ. Es ist immer einfacher, gegen etwas zu sein, als dafür, weil Zustimmung immer auch verpflichtet.

Klimagipfel Krawall in Kopenhagener Hippie-Hochburg

Geht durch die neue Rechtsform nicht die Dynamik verloren, die dieses Ungewisse und Anarchistische mit sich brachten?

Im Gegenteil. Wenn wir ehrlich sind, ist Christiania eine alte Dame, die in den vergangenen 40 Jahren viel von ihrer Jugend verloren hat. Viele Dinge liegen brach. Die revolutionären Kräfte, diese Energie, sie sind schon lange verschwunden. Christiania brauchte ein Umdenken. Denn diese Unsicherheit, die viele so verklären, hat die Siedlung gelähmt und Passivität gefördert. Der Überlebenskampf Christianias war in der Vergangenheit sehr destruktiv. Jetzt können wir endlich wieder gestalten.

Besteht denn nicht die Gefahr einer schleichenden Gentrifizierung?

Ich glaube, Christiania wird stark genug sein, die neuen Einflüsse von außen, die zweifelsohne kommen werden, für sich zu nutzen. Außerdem haben wir uns ganz bewusst für einen Fonds als Organisationsform entschieden und eben nicht für einen Verein oder eine Aktiengesellschaft. Die Statuten des Fonds können nicht geändert werden und sind so formuliert, dass auch in 100 Jahren mit Grund und Boden in Christiania kein Geld zu verdienen ist. Immobilienspekulation ausgeschlossen.

Was wird mit dem Haschischhandel in Christiania passieren, der von Rockerbanden kontrolliert wird? Im Gegensatz zu den ganzen Drogentouristen empfinden die allermeisten Bewohner den ja als störend.

Mit Staatsgewalt wird das nicht zu lösen sein. Es geht nur über die Bewohner, die sagen müssen, dass sie sich damit nicht mehr abfinden werden. Durch die neue Rechtsform und die damit verbundene Sicherheit werden diese Bewohner so sehr gestärkt, dass sie sich in Zukunft diese Haltung eher werden leisten können. Das ist meine Hoffnung. Vor einigen Wochen hat ein Dealer einem Touristen die Kamera abgenommen, weil er auf der Pusher Street Fotos gemacht hat. Der wurde inzwischen aus Christiania geworfen. Vor einem Jahr wäre das noch undenkbar gewesen. Es tut sich also schon was. Und dann würde natürlich die Legalisierung von Haschisch auch sehr helfen.

Sie sind seit sieben Jahren Christianias Anwalt, als Mitglied des Vorstands leiten Sie die Geschicke der Freistadt. Wie sind Sie eigentlich zu dem Job gekommen?

Unsere Kanzlei hat sich schon immer mit etwas abseitigen Fällen beschäftigt, die kleinen Leute vertreten. Da war es fast schon folgerichtig, dass auch der Fall Christiania auf meinem Schreibtisch landete.

Da spielt wohl auch eine gehörige Portion innere Überzeugung eine Rolle.

Auf jeden Fall. Ich glaube an das, was ich tue. Ich glaube an Christiania.

Wie geht es weiter?

Das nächste halbe Jahr werde ich damit beschäftigt sein, rechtliche Dinge zu regeln: Versicherungen, Mietverträge, Baugenehmigungen, staatliche Zuschüsse und, und, und. Eine wichtige Phase, weil wir hier zeigen müssen, dass das Ganze auch funktioniert.

Und dann?

Wir wollen Christiania zum Selbstversorger mit erneuerbarer Energie machen. Ob ich allerdings noch persönlich an dieser Umsetzung beteiligt sein werde, weiß ich nicht. Auf lange Sicht werde ich mich wohl aus dem Vorstand des Fonds verabschieden, weil man sonst irgendwann zum Bremsklotz wird. Will sich Christiania auch in Zukunft erneuern, müssen irgendwann auch im Vorstand neue Leute her. Grundsätzlich bin ich mir aber sicher, dass das Energieprojekt umgesetzt wird. Denn die Geschichte hat gezeigt: Wenn sich Christiania etwas vornimmt, dann wird das auch durchgezogen. Ich jedenfalls gehe tausendmal lieber mit Christiania eine mündliche Vereinbarung ein als mit einem Politiker.

Interview: Elmar Jung

  • FTD.de, 19.08.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
Immobilien-Kompass
Immobilien-Kompass Deutschlands beste Wohnlagen

Preise, Mieten und Prognosen für Deutschlands Metropolen und Regionen mit detaillierten Übersichtskarten

Jetzt eigene Wohnlage prüfen

 
Anstatt FTD.de lese ich künftig ... Zum Ergebnis
Alle Umfragen
In eigener Sache
  • An Kiosks in der ganzen Republik hieß es am letzten Erscheinungstag der FTD: Zeitung vergriffen! Der Hype um die Schlussausgabe trieb merkwürdige Blüten. Der Verlag druckte 30.000 Exemplare nach. Wer keines abbekam - bestellen ist möglich. mehr

  •  
  • blättern
Zwischen Leben und Arbeiten
Work-Life-Balance

Die FTD hat zusammen mit dem GfK Verein die umfassendste bundesweite Studie zum Thema Work-Life-Balance veröffentlicht. Die Ergebnisse und mehr zum Thema finden Sie hier. Die Studie können Sie hier kaufen. mehr

Folgen Sie der FTD auf Twitter
Werden Sie Fan der FTD auf Facebook
  • Sie waren ein Herzstück der Zeitung und pointiert, scharf, teils brillant: Ihre Kolumnen, Leitartikel und Kommentare haben die FTD entscheidend geprägt. Zum letzten Mal: Unsere Kolumnisten sagen, was Sache ist. mehr

  •  
  • blättern
© 1999 - 2013 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Impressum | Datenschutz | Nutzungsbasierte Online Werbung | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

Geldanlage | Altersvorsorge | Versicherung | Steuern | Arbeitsmarkt | Energiewende | Ökostrom | Auto | Quiz | IQ-Test | Allgemeinwissen | Solitär | Markensammler