Wahnwitz oder Meisterwerk? Vielleicht beides. Leos Carax schickt den Zuschauer auf eine ästhetisch virtuose surreale Irrfahrt durch Paris. Sein Protagonist Monsieur Oscar (grandios Denis Lavant) wird in einer weißen Stretchlimousine von Termin zu Termin chauffiert. Hier im Wagen verwandelt er sich für seine Auftritte als skrupelloser Killer, bettelnde Greisin oder kühler Geschäftsmann. Er wechselt Milieus wie Masken, lauert als monströser Kobold hinter einem Grabstein, verschlingt Blumen, verschleppt ein Model (Eva Mendes) um wenig später in einem Palais den sterbenden sanften Onkel zu mimen. Manches erinnert an Kafka, E.T.A. Hoffmann, aber auch "Godzilla". Während Kylie Minogue "Who were we" singt, kreiert Carax ein kaum entwirrbares mysteriöses Geflecht aus Beziehungen und Botschaften. Kameras wurden unsichtbar. Menschen und Maschinen enden als Sklaven einer virtuellen Welt. Inszenierung statt gelebter Erfahrung. Wirklichkeit getarnt als Film im Film. Grotesk, poetisch, visionär, Ekelerregend und ergreifend. Es geht um das Schicksal des Kinos - die Krise sind hier die Betrachter. Wenn sie verschwinden, wird das Schauspiel zur Realität.
Anna Grillet
| Holy Motors |
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| Frankreich/Deutschland 2012 |
| Länge 115 Min. |
| Regie: Leos Carax |
| Darsteller:Denis Lavant, Edith Scob, Kylie Minogue, Eva Mendes, Michel Piccoli |
| FTD-Bewertung: 5 von 5 Punkten |
"Buena Vista Social Club" als Jazzromanze in Technicolor: In Havanna 1948 lieben und leiden der Pianist Chico Valdés und die schöne Sängerin Rita Martínez. Bald werben New York und Hollywood um die Gunst der jungen Künstler. Es ist die Geburtsstunde großer Musiklegenden wie Charlie Parker und Tito Puente. In Chico & Rita, einem preiswürdig handgemachten Zeichentrickfilm, lassen die spanischen Zeichner und Regisseure die Glanzstunden des kubanischen Jazz wiederaufleben. Die historische Kulisse schwelgt in Staubtürkis, die Figuren tragen holzschnittartige Gesichter und die Handlung folgt behäbig dem klassischen Melodram. Viel Retro bei wenig technischer Finesse ist hier Programm und nur zum Teil dem schmalen Budget geschuldet. Jazz lebt vom Provisorischen. Daran hält sich die Ästhetik dieser schlichten und doch grandiosen Produktion. Altmodische Geschichte, wunderbarer Soundtrack, ein Fest für Jazz- und Arthouse-Fans.
Katrin Kothes
| Chico & Rita |
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| Span./GB 2010 |
| Länge 94 Min. |
| Regie: Tono Errando, Fernando Trueba, Javier Mariscal |
| FTD-Bewertung: 5 von 5 Punkten |
Woody Allen auf den Spuren seines großen Vorbilds Federico Fellini: Genau wie einst bei "Stardust Memories" murren die US-Kritiker - das italienische Publikum ist begeistert. Alles dreht sich um Kulturbetrieb, Medienzirkus, Ruhm, Talent und Liebe. Anspielungen auf "Achteinhalb" und "Dolce Vita" fehlen nicht. Die Gesellschaft war schon damals marode, aber die Schönheit der ewigen Stadt ist unvergänglich. Allen selbst spielt in dem amüsant absurden Episodenfilm den erfolglosen Opernregisseur und Ruheständler Jerry. Als der quengelige Großstadtneurotiker entdeckt, dass sein zukünftiger Schwager (von Beruf Bestatter) unter der Dusche singt wie ein Startenor, sieht er seine Chance für ein glamouröses Comeback. Problem: Der Mann kann nur unter der Dusche singen. Derweil wird Leopoldo Pisanello (Roberto Benigni), ein törichter Kleinbürger, völlig grundlos zur Celebrity und ebenso grundlos wieder ein Niemand. Beides verwirrt ihn völlig.
Anna Grillet
| To Rome with Love |
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| USA/Italien 2012 |
| Länge 110 Min. |
| Regie: Woody Allen |
| Darsteller: Alec Baldwin, Roberto Benigni |
| FTD-Bewertung: 4 von 5 Punkten |
Von der Treuhand sind in erster Linie Wirtschaftskriminalität und der Missbrauch von Subventionsgeldern in Erinnerung geblieben. Als sie gegründet wurde, sollte sie bei einer Wiedervereinigung der DDR mit der BRD die Privatisierung von volkseigenen Betrieben und die Förderung der Wettbewerbsfähigkeit sichern. Das Resultat jedoch war ernüchternd: Etwa zweieinhalb Millionen Arbeitsplätze gingen verloren, die Verschuldung stieg auf 256 Mrd. D-Mark. Weder wurde dieser Skandal vollständig aufgeklärt, noch wurden die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen. Bei der Produktion dieses Dokumentarfilms kam es zum Streit zwischen der Produktionsfirma und den beteiligten TV-Sendern. Der Regisseur ließ sogar seinen Namen streichen. Trotzdem: Goldrausch - Die Geschichte der Treuhand ist ein spannend erzählter Film. Vermuten lässt sich jedoch, dass die Endfassung nicht ganz so radikal ist, wie sie ursprünglich geplant war.
FTD
| Goldrausch - Die Geschichte der Treuhand |
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| Deutschland 2012 |
| Länge 94 Min. |
| FTD-Bewertung: 4 von 5 Punkten |