Auf den ersten Blick ist die dunkle Kneipe - versteckt in einer kleinen Ecke im Münchner Stadtteil Schwabing - nichts Besonderes. Schummriges Licht, laute Musik und links in der Ecke ist der Erste schon eingeschlafen. Das trinkfreudige Publikum steht dicht und gedrängt, in die dunklen Wände sind Namen und Liebesschwüre eingeritzt. Vielleicht stammen sie von einem der Besucher oder seinen Eltern - vielleicht aber sogar von seinen Großeltern. Denn schon seit der Nachkriegszeit ist das Lokal Schwabinger 7 eine Institution in Münchens Ausgehviertel und für so manchen die letzte Station einer durchfeierten Nacht.
"Ich liebe es hier - obwohl es so grantlig ist. Ich liebe es", sagt eine Besucherin in einer verregneten Juninacht. In die Partystimmung mischt sich Trauer und Nostalgie, denn Ende des Monats soll das ebenso düstere wie schillernde Kapitel der Münchner Geschichte für immer schließen. Die Kultkneipe Schwabinger 7 steht vor dem Aus. Sie soll abgerissen werden, um Platz zu machen für ein mehrstöckiges Gebäude mit Büros und Luxuswohnungen.
Die Pläne haben eine Protestbewegung ausgelöst, die im teuren München durchaus Seltenheitswert besitzt. Die Initiative "Rettet die Münchner Freiheit" will den Abriss der Kultkneipe verhindern, weil sie um den Charme und die Identität des Viertels fürchtet.
Und damit hat nun auch München eine Diskussion, wie sie in Städten wie Hamburg und Berlin seit Jahren schwelt, und die sich Gentrifizierungsdebatte nennt. Der Kern dieses Streits ist immer wieder derselbe: kultiger aber abgehalfterter Altbau versus stylisher aber seelenloser Neubau. Immer wieder gehen Anwohner für den Erhalt ihres liebgewonnenen Stadtviertels auf die Straße.
Ein Prominenter hat sich an die Spitze der Protestbewegung gestellt: der Komiker Michael Mittermeier. "Die aktuellen Mietpreise in München sind der Wahnsinn", sagt der 45-Jährige, der oft als Gast in die Schwabinger 7 einkehrt. Zwar könne man die Pläne vermutlich nicht mehr komplett ändern, "aber wir wollen zumindest darüber reden". Nach den verschiedenen Aktionen sei er sich sicher, "dass wir gehört werden".
Dass die Preise für Wohnungen in München zu den höchsten in der Republik gehören, steht außer Frage. Gerade für die Mietpreisdebatte aber sei die Schwabinger 7 das falsche Beispiel, meint die Vorsitzende des Münchner Mietervereins, Beatrix Zurek. Schließlich würden keine Wohnungen abgerissen. "Und alles, was neuen Wohnraum bringt, kann ich nur begrüßen - auch wenn es sich hier eher um Wohnungen in höheren Preisklassen handelt", sagt sie. Und: "Die Schwabinger 7 ist kein Kulturdenkmal, sondern eine Nachkriegsbaracke."
Das sieht auch Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) so. "Es geht um eine Saufkneipe in einer ehemaligen Baubaracke", sagte er der "Süddeutschen Zeitung". Trotzdem sei der Protest um die Schwabinger 7 zum Symbol für die Gefahr geworden, dass München zum Luxusghetto zu werden droht, sagt Zurek.
Denn im Gedächtnis der Millionen Touristen, die jedes Jahr in die Stadt kommen, bleiben neben den Biergärten wohl vor allem auch die Luxusboutiquen der Maximilianstraße. In der Innenstadt sind Wohnungen für Normalverdiener kaum bezahlbar, und bislang günstigeren Stadtvierteln wie dem Ex-Arbeiterviertel Giesing droht der soziale Umbau. Jeder Bau von Eigentumswohnungen sei eine Gefahr für die soziale Struktur von Stadtvierteln, sagt Zurek. "Letztendlich führt das dazu, dass die Mieter vertrieben werden."
Den Kämpfern gegen den Abriss der Schwabinger 7 geht es also nicht nur um ihre Barackenkneipe, sondern sie wollen ein Zeichen setzen. Und so ist die Kultkneipe zum Symbol geworden für das alte Schwabing, das irgendwann vor langer Zeit ein Künstlerviertel gewesen ist - und für das alte München jenseits von Oktoberfest und Schickeria.