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Merken   Drucken   25.07.2012, 16:48 Schriftgröße: AAA

Künstlerin Kerstin Schulz: Käuflicher Sex, käufliche Kunst

Hannovers Innenstadt wird mit Preisschildern zugeklebt. Das Ziel: zum Nachdenken über Kommerz anregen. Die Aktionskünstler: alle interessierten Bürger.
© Bild: 2012 DPA/Teresa Dapp
Hannovers Innenstadt wird mit Preisschildern zugeklebt. Das Ziel: zum Nachdenken über Kommerz anregen. Die Aktionskünstler: alle interessierten Bürger.
von Teresa Dapp, Hannover

Alles hat einen Preis - wenigstens in der Innenstadt von Hannover. 59,35 Euro oder nur ein paar Cent, "Sonderpreis" oder "Aus unserer Werbung!"

Seit ein paar Wochen klebt eine Gruppe von Schwarmkünstlern um die Künstlerin Kerstin Schulz zwischen Altstadt und Rotlichtviertel neonfarbene Preisetiketten auf Säulen, Bäume, Bänke und Straßenlaternen. Dreimal wöchentlich treffen sich die Mitmachwilligen und rücken mit Handetikettierern aus. Bis zum 9. September sollen vier Millionen Schildchen verklebt sein, gelingt das, soll die Aktion mit weiteren zwei Millionen fortgesetzt werden.

"Alles dreht sich um Käuflichkeit", sagt Schulz, "um käufliche Kunst und käuflichen Sex". Die Etiketten sind Teil der Kunstaktion Strich-Code, hinter der vier Künstler und eine Journalistin stecken. Zehn Jahre nachdem die damalige rot-grüne Bundesregierung mit dem Prostitutionsgesetz die Arbeitsbedingungen von Prostituierten verbessern wollte und freiwillige Sexarbeit zur legalen Erwerbstätigkeit erklärte, soll Strich-Code das Thema ins öffentliche Bewusstsein rücken, zur Auseinandersetzung mit Wertschätzung, Kunst und Kommerz anregen.

Dafür tauschen das Historische Museum in Hannover und das Rotlichtviertel die Rollen: die Tabledance-Bar Hands off wird für eine Weile zum Museum, ein Teil des Museums wird zum Rotlichtviertel umgestaltet, Lichtskulpturen, Plastiken, Fotografien sind ausgestellt. Zusätzlich soll ein leuchtendes Band aus Etiketten das Museum mit dem Rotlichtbezirk am Steintor verbinden.

Selbsterklärend sind die bunten Flächen aus gelben, orangefarbenen und grünen Etiketten nicht - viele Passanten schauen ratlos. Eine Gruppe bayerischer Touristen vermutet, dass die knalligen Farben Wild fernhalten sollen. Daneben steht ein japanisches Pärchen, fotografiert begeistert und findet, die Säulen sähen jetzt aus wie Blumen. Ein Mann schaut misstrauisch. "Was soll denn das überhaupt? Und wer macht das alles wieder weg?"

Crowd Art, Massenkunst, ist heute vor allem im Internet verbreitet. So entsteht zum Beispiel ein Bild, weil per Mausklick jeder, der will, einen Punkt löschen oder hinzufügen kann. Allerdings hätten Künstler schon in den 60er-Jahren begonnen, mit ihrem Publikum zu arbeiten, sagt die Künstlerin und Kuratorin Manuela Naveau.

Die Österreicherin beschäftigt sich unter anderem mit der Veränderung von Kunst durch den Einfluss neuer Kommunikationstechnologien. Im Internet sei Crowd Art besonders interessant: "Da können auch Leute mitmachen, die nur zufällig darauf stoßen und sonst nicht kunstaffin sind."

Kerstin Schulz will die virtuelle Gruppenkunst wieder in die Öffentlichkeit holen und auch außerhalb des Internets positionieren. 2011 hatte sie in einer Kirche in Braunschweig mit einer wesentlich kleineren Aktion schon einmal den Wert religiöser Räume thematisiert. Doch Schwarmkunst sei als Kunstform immer auch riskant, glaubt sie. "So ein Projekt kann man nur schaffen, wenn wirklich viele Menschen mitmachen."

  • Aus der FTD vom 26.07.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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