Es ist ein langer, emotionaler Abschied. Erst war die 100-Watt-Birne von uns gegangen, später die mit 75, dann die mit 60 Watt. Und vom 1. September an sind auf Anweisung aus Brüssel Herstellung und Vertrieb herkömmlicher Glühlampen mit mehr als zehn Watt verboten. EU-weit, aus Umweltgründen.
Nun geht es darum, das Kulturgut zu bewahren. Viele Menschen empört das Leuchtmitteldiktat, seit vor drei Jahren die Ökodesignrichtlinie 2005/32/EG in Kraft trat. Hamsterkäufe in Baumärkten zeugen vom Trennungsschmerz. Bürger, Künstler, Aktivisten versuchen seither verzweifelt, die Glühbirne in die Energiesparlampenzeit zu retten.
Einer der Hamsterkäufer war der Designer Lutz Jahnke. Für ihn ist das Ende der Glühbirne ein Politikum. "Die Glühbirne ist seit 200 Jahren das Symbol einer guten Idee", sagt Jahnke. "Eine Energiesparlampe steht für eine faule Sache." Hochgradig giftig sei die, Herstellung und Entsorgung viel umweltschädlicher als bei einer herkömmlichen Lampe.
Das sahen andere genauso. Der Ingenieur Siegfried Rotthäuser rief die Elektrische Widerstandsgenossenschaft ins Leben, deren Erfindung, der Heatball, es zunächst schaffte, die EU-Richtlinie zu umgehen. Derzeit jedoch darf er nicht mehr verkauft werden. Tatsächlich wollte ja niemand wirklich mit einem Produkt, das aussieht wie eine Glühbirne und auch ganz so aufgebaut ist, seine Wohnung beheizen. "Den Tod einer Lichtkultur" wollte Rotthäuser verhindern. Nach wie vor kämpft er vor Gericht gegen das Verbot seiner leuchtenden Miniöfen.
Auch Birnenstreiter Jahnke hat Ärger mit der Justiz. Vor gut zwei Jahren kam ihm die Idee zum kleinsten Birnendenkmal der Welt. Im Anschluss an eine Protestaktion gegen die EU-Vorgaben hatte er an die Teilnehmer eine 60-Watt-Glühlampe in einer Dose verschenkt. "Ich bin einfach zur Metzgerei nebenan gegangen und habe angefangen, meinen Bestand Glühbirnen einzudosen." Darauf wurde der Metermorphosen-Verlag aufmerksam und beschloss, die Kunst in der Konserve unter dem Namen Kultur-Reserve zu verkaufen. 12.000 Birnen à 6,90 Euro wurden geordert. In Jahnkes Augen 12.000 Unterstützer seiner Ideologie: "Die Glühbirne ist ein Mahnmal für unsere Vernunft. Es ist unsere Pflicht, Fragen zu stellen." Im April allerdings stand das Eichamt vor seiner Tür und stellte Fragen. Seitdem gilt ein Verkaufsstopp. "Das Recht auf Kunst ist im Grundgesetz fest verankert", klagt er. Ein Anwalt hat sich des Falls angenommen.
Die Bedeutung der Glühlampe für die Kunst hat die EU unterschätzt. Dabei geht es nicht nur um moderne Beharrungskräfte wie Jahnke. Manche legendären Installationen sind ohne die Leuchtmittel undenkbar. Laszlo Moholy-Nagys Licht-Raum-Modulator von 1930 etwa. Durch den Schein von 140 Glühlampen erzeugt er ein abstraktes Schattentheater. Natürlich musste und muss mal eine Birne ausgewechselt werden. Das Einsetzen von Energiesparlampen aber käme einer künstlerischen Vergewaltigung gleich. Weltberühmt auch die Capri-Batterie von Joseph Beuys, eine gelbe Glühbirne, die in einer Zitrone steckt und leuchtet. Das Objekt wurde sogar in Serie hergestellt. Die Künstlerin Susi Gelb hat versucht, es neu zu interpretieren, und mit einer Energiesparleuchte nachgebaut. Das zeigt, wie absurd die Folgen der Richtlinie für die Kunst sind.
Mancher hat sich mit den neuen Verhältnissen zwar arrangiert. Der Lichtkünstler Walter Dückino aus Oer-Erkenschwick verfremdet Alltagsgegenstände mit Glühlampen, ein Kaktus trägt sie statt Stacheln, auf dem Obstteller liegt anstelle einer normalen eine Glühbirne neben Apfel und Trauben. Er beschäftigt sich seit acht Jahren mit alternativen Lichtquellen, hat das Lampe-in-der-Lampe-System erfunden und patentiert. Das Glühbirnenglas umschließt keinen Leuchtfaden, sondern eine Halogenlampe, die durch ein Loch eingesetzt wird. Dückino bietet Besitzern früherer Werke nun an, alte Birnen auszutauschen und seine Objekte auf den neusten EU-konformen Stand zu bringen.
In der Mehrzahl aber beklagen Künstler die zu Ende gehende Ära. So zeigen die Werke der Britin Hattie Hollins bislang, was man aus einem Karbonglühfaden machen kann. Im Atelier ihrer Firma Mimime in London entwirft sie kunstvoll geschwungene, golden glimmende Objekte in Glaskolben. "Meine Glühbirnen erinnern an die gute alte Zeit und erschaffen doch etwas kunstvolles Innovatives", sagt sie. Angsichts des dräuenden Datums wird sie melancholisch: "Bisher fielen meine Glühbirnen in die Kategorie, die bis September 2012 noch verkauft werden durften. Ich dachte immer, ich habe noch Zeit, aber jetzt ist sie wohl abgelaufen." Hollins feilt an einem Weg, ihrer Lampen grüner zu machen. "Aber es gibt auch Bemühungen, dass meine Glühbirnen demnächst als Speziallampen vielleicht doch weiter verkauft werden dürfen."
Widerstandskämpfer Jahnke hat noch einen lebenslangen Glühbirnenvorrat. Er wolle niemals eine Energiesparlampe benutzen, sagt er. Wer auch nicht vom Hergebrachten lassen kann: Bei Versandhändlern wie Amazon gibt es selbst 100-Watt-Birnen in großen Mengen zu kaufen. Bis die Lager leer sind.