4.50 Uhr, Campingplatz Thalkirchen, München. Nebelschwaden ziehen über die Wiese. Eine groß gewachsene Gestalt stakst auf den Hacken durchs Gelände, peinlich bedacht, dass an ihren Schuhen keine Grashalme haften bleiben. In der Hand hält sie einen Rollkoffer, flucht leise, warum es noch keine Flüsterräder für die Dinger gibt. Ziehen kann sie ihr Gepäck schlecht, ringsum dringen noch Schlafgeräusche aus Wohnwagen und Campingmobilen, erst um 7 Uhr wird das Tor geöffnet.
Schließlich erreicht Jörg Eschenbach sein Ziel, auf dem Parkplatz steht der Audi A8. Anzug und Schuhe sind sauber geblieben. Eschenbach muss ins Büro. Am Abend wird er zurückkehren und sein Businessoutfit gegen Jogginghose und T-Shirt tauschen. Wie jeden Tag, drei Monate lang. Der Vorstand mit dem Vorzelt.
Im Sommer 2009 ist Eschenbach des Jobs wegen von Stuttgart nach München gezogen, Chef des Bauunternehmens F. Kirchhoff ist er, Millionenaufträge im Straßen- und Flughafenbau. Inzwischen leitet Eschenbach das Inhouse-Consulting bei der Kirchhoff-Mutter Strabag . Damals ist die neue Wohnung des Managers noch nicht fertig, er sucht eine Übergangsbleibe. Kein Hotel. Seit Jahren sei er ständig unterwegs gewesen, sagt Eschenbach. "Aber ich habe eine Hotelphobie." Er hat keine Lust mehr, ordentlich angezogen zum Frühstück erscheinen zu müssen. Und eine möblierte Wohnung mit einem fremden Bett, in dem jemand anderes lag, dessen Rückstände nie so ganz weg sind? Heftig schüttelt Eschenbach den Kopf.
Er will campen, wollte er immer schon einmal ausprobieren. "Es ging mir um den Reiz, wie minimalistisch man leben kann, sich dabei aber trotzdem noch wohlfühlt." Minimalistisch heißt: Mittelklassewohnwagen mit Vollausstattung, Doppelbett, Küchenzeile, Nasszelle. Seine Freunde trauen ihm das Leben auf dem Campingplatz trotzdem nicht zu, Eschenbach denkt: Jetzt erst recht. Er testet seine Grenzen gern aus. Marathon, Triathlon, Hubschrauberschein. Wohnwagen.
Seine neue Herausforderung heißt Thalkirchen. Der einzig citynahe Campingplatz Münchens, kaum mehr als ein großer Parkplatz mit Grünfläche. Das "Reception"-Schild trägt Patina. So wie die Kleidung der Platzwächter. Einer sitzt mit Pferdeschwanz in ausgewaschenem Karohemd und verblichenen Jeans vor der Tür und raucht. Die Zeit scheint stehen geblieben. Einmal im Jahr, zum Oktoberfest, ist richtig was los, dann kommen Italiener zu Zehntausenden. Es ist nicht weit zur Theresienwiese, es ist nicht weit zum Flughafen und zu Eschenbachs Büro. Klare Standortvorteile.
Bei der ersten Begegnung mustern die Platzwächter den Anzugträger vom Bürstenschnitt bis zu den Lederschuhen. Man habe wohl einen Anwalt erwartet, sagt Eschenbach: "Ich vertrete eine Familie, deren Luxuswohnmobil letzte Woche vom Platzhund angepinkelt wurde." Konsternation, als er nach einem Stellplatz fragt.
Im Juni 2009 bezieht er seine neue Adresse. Campingplatz Thalkirchen, Vorzelt Ufergrundstück, 81.379 München. Seine Frau Andrea reist besuchsweise aus dem Feriendomizil in Oberbayern an, wohin sie sich geflüchtet hatte. Sie erschrickt. "Der Platz machte einen postsozialistischen Eindruck auf mich", sagt sie. "Es war alles sehr eng. Null Privatsphäre." An den Uferplätzen sind die Campingmobile so zusammengepfercht, dass das Begaffen der Nachbarn jeden Fernsehkonsum ersetzen kann.
Zu eng für Eschenbach. Er zieht um.
Den Wohnwagen rangiert er selbst. Da hat er in seinem Managerleben schon ganz andere Aufgaben bewältigt. Fünf Meter Auto, 1,50 Meter Deichsel, fünf Meter Wohnanhänger. Eschenbach biegt in eines der Gässchen, mit einem lauten Schnalzen springt der Anhänger von der Kupplung und rollt auf das Domizil eines Nachbarn zu. Gemeinsam hechten sie hinterher und stoppen den Wohnwagen. Inzwischen fährt das Auto dank Automatik herrenlos weiter, Eschenbach rennt zurück und hält es an, seine Hände zittern. So macht man sich schnell bekannt.
Anfangs wandelt der Bauingenieur oft über den Platz und überlegt, was es zu optimieren gäbe. Die Berufskrankheit eines ständigen Verbesserers. Das Waschhaus etwa: uringelbe Fliesen, rostige Wasserhähne, Pfützen um die Toiletten. Ein hartgesottener Camper verkraftet das. Eschenbach ist entsetzt. "Ich empfand es auch als äußerst störend, wenn sich ein Waschhausmitbenutzer die Zähne putzte und dabei selbstverständlich seinen Morgenfurz ausblies", notiert er in seinem Buch "Thalkirchen-Report". Warmes Duschwasser gibt es gegen einen Jeton, vier Minuten lang, wem dann wie Eschenbach mal das Kleingeld fehlt, der bleibt seifig. Auch sonst ist nicht alles Gold. Selbst kochen stinkt zu sehr. Eschenbach gönnt sich höchstens einen Salat oder eine Brotzeit im Wohnwagen. "Und vor der Currywurst im Platzrestaurant kann ich nur warnen." Die Hemden für die Parallelwelt bügelt seine Frau am Wochenende.
Gern wäre der Geschäftsmann nur ein Badelatschenträger unter vielen. Doch der Anzug hebt ihn ab. Häufig wird er darauf angesprochen, kaum jemand glaubt dem Sonderling seine Geschichte. "Ich war irgendwie ein Störfaktor, ohne dass ich jemanden wirklich gestört hätte." Tagsüber sitzt er im Büro oder im Flugzeug, am Wochenende ist er bei seiner Frau im Ferienhaus. In Thalkirchen regnet es die meiste Zeit, das Wetter verhindert engere Sozialkontakte. Selten geht es über eine kurze Unterhaltung am Spülbecken hinaus. Ein Ehepaar aus Neuseeland lädt ihn in deren Heimat ein, mit ein paar Schweden grillt er. Die meisten sind hier auf Durchreise, heute München, morgen Neuschwanstein, übermorgen Venedig. Dauercamper gibt es in Thalkirchen nicht. Nur Eschenbach hat eine Ausnahmegenehmigung. Er bleibt meist einsam.
Langweilig wird ihm nicht. Er schreibt Freunden Mails über seine Erlebnisse im Rivercamp, macht Radtouren. Kein Radio, kein Fernseher. Stattdessen schärfen sich die Sinne des heute 57-Jährigen. "Seine Wahrnehmung ist viel differenzierter geworden", sagt seine Frau. "Er hat mich zum Beispiel auf das Vogelgezwitscher aufmerksam gemacht. Es hat ihm gereicht, einfach nur dazusitzen und in sich zu ruhen." Eschenbach merkt, mit wie wenig man auskommen kann, wie überflüssig manche Dinge sind. Gefehlt habe ihm nur seine Frau, sagt er. "Managerkollegen habe ich natürlich nicht getroffen. Die habe ich aber dort auch nicht vermisst."
Stattdessen lernt er ungewohntes Sozialverhalten schätzen. "Mich hat vor allem die Hilfsbereitschaft hier auf dem Campingplatz überrascht", sagt er. "Jeder grüßt jeden. Man versucht, sich zu helfen." Eine Charaktereigenschaft, die im Berufsleben oder im Alltag selten sei. Seinen Kollegen und Geschäftspartnern hat er das Abenteuer verschwiegen. Nicht jeder hätte wohl Verständnis gehabt.
Nach drei Monaten gibt Eschenbach seinen Camper mit Herzschmerz wieder zurück. Wenn er heute einen Wohnwagen auf der Autobahn sieht, muss er lächeln. "Ich würde es jederzeit wieder tun."
| Jörg Eschenbach: Thalkirchen-Report. Drei Monate im Leben eines Managers. Hansanord-Verlag, 19,90 Euro |
| Einmal Eschenbach sein |
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