Beim 31. Mal hat sich Jeff Johnson in einen Zombie verwandelt. Die Augen pupillenlos, mit stachelschweinartigen Borsten auf Kopf und Rücken, tropft dem Untoten etwas Sabber das Kinn herunter. Inmitten einer grün-braunen Sumpflandschaft hält er mit leerem Blick nach Opfern Ausschau. Auf dem nächsten Bild ist er schon wieder verschwunden. "Ich habe wenig Einfluss, in wen oder was ich mich verwandele", sagt er. "Das kriege ich meist erst ein paar Tage vorher gesagt."
Johnson, 30 Jahre, schwarze Igelfrisur, Ziegenbart, amerikanische Durchschnittsfigur, lebt in Leavenworth im wenig aufregenden US-Bundesstaat Kansas und arbeitet in einem nicht weiter bemerkenswerten Elektrofachladen am Highway. Um die Rechnungen zu bezahlen, wie er sagt. Das ist der normale Jeff Johnson.
Der andere sucht sehnlichst nach Ruhm fernab der drögen Realität. Dieser Jeff Johnson tritt als Statist in Comicheften auf. Er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, möglichst oft als Zeichenbeiwerk aufzutauchen und sich so einen Namen in der Comicindustrie zu erarbeiten. 34-mal hat das bislang geklappt. "Es ist schon fein, in einen Comicbuchladen zu gehen und ein Heft mitzunehmen, wo dein Gesicht drin ist", sagt Johnson. Fan der illustrierten Werke ist er seit Kindertagen. Mit zwölf kaufte ihm sein Vater das erste "Superman"-Heft. "Von da an ging es steil nach oben." Seine Sammlung schätzt er auf 7000 Comics.
Vor sechs Jahren kam der Punkt in Johnsons Fan-Dasein, an dem bloßes Zusammentragen nicht mehr genügte - er wollte Teil seiner Lieblingshefte werden. Die Idee kam ihm anlässlich des Kostümwettbewerbs eines Männermagazins. Dem Gewinner winkte eine Gastrolle in einer "X-Men"-Ausgabe - allerdings musste man vorher ein Foto von sich im Schurkenkostüm einreichen. "Die Idee war cool, nur verkleiden wollte ich mich nicht", erinnert sich Johnson. Also bastelte er unter www.drawmein.com eine Website, auf der er sich öffentlich als Statist anbot.
Auf der nächsten Comicmesse verteilte Johnson fleißig Flyer von sich und seiner Homepage, sprach viele Künstler an, kassierte nur Absagen. Erst beim Nachfassen ließ sich Ryan Ottley, der Zeichner des Comics "The Invincible", erweichen - auf gutes Zureden seiner Frau hin. Er schuf einen Kinokartenkäufer nach Johnsons Vorbild. "Am liebsten treffe ich die Künstler persönlich auf Comic Conventions", sagt er. "Aber die Reisekosten schießen schnell in die Höhe, sodass ich inzwischen viele einfach per E-Mail anschreibe."
Seine Website nutzt Johnson bis heute, um Auftritte zu dokumentieren und für sich zu werben. "Mal habe ich regelrecht einen Lauf, dann kommen im Wochentakt Comics mit mir heraus", sagt er. "Dann gibt es mal wieder Phasen, wo monatelang nichts los ist. Man muss Geduld mitbringen."
Als Vorlage dienen den Zeichnern Alltagsfotos von Johnson. Außer als Zombie ("Swamp Thing") ist er schon als Wachmann ("Blue Beetle"), Baseballfan ("Supergirl", inklusive Dialogzeile!), böser Küchenchef ("Savage Proof") oder Zeitungsreporter ("The Astounding Wolf-Man") aufgetaucht. Geld erhält er für seine Auftritte nicht. Erkaufen würde er sie umgekehrt aber auch nie. "Die Zeichner müssen den Spaß schon freiwillig mitmachen - oder eben nicht."
In der Branche genießt Johnson inzwischen durchaus einige Bekanntheit: "Ein und derselbe Typ in so vielen Comics - das spricht sich rum", sagt Cartoonist J. K. Woodward, der Johnson in "Fallen Angel - Return of the Son" verewigt hat. Sein Kollege Jerry Gaylord schätzt an dem Statisten vor allem eins: "Er ist ziemlich einfach zu zeichnen. Ich glaube, sein Ziegenbärtchen hat wirklich etwas Künstlerisches." Den pflegt er fast täglich mit der Schermaschine. "Mein Äußeres ist wie eine Marke", sagt Johnson. "Ich darf keine zu großen Veränderungen vornehmen, sonst erkennt mich keiner mehr."
Johnsons Doppelleben hat auf seine Familie abgefärbt. Ehefrau Rachael ist in zwei Comicbuchreihen mit ihm im Bild, darunter in der Südstaaten-Vampirschmonzette "True Blood". "Das erste Mal war es die Idee einer Zeichnerin, das zweite Mal hab ich sie damit überrascht", sagt Johnson.
Eines Tages will er aufhören. "Vielleicht wenn ich 50 bin - oder wenn ich vorher meinen eigenen Comic veröffentliche." Die Disziplin dazu aber habe er nicht, Deadlines einhalten könne er nur schwer. Also geht er weiter in den Elektromarkt.