Unser Kolumnist spießt Absurdes und Skurriles aus dem Alltag auf.
Noch immer liegen in meiner Straße die Scherben der Bierflaschen der 1.-Mai-Feierlichkeiten. Ich glaube, die Stadtreinigung wird sie auch nicht mehr wegkehren.
So wie sie auch schon die alten Weihnachtsbäume nicht mehr wegräumt, sondern sich darauf verlässt, dass sich schon ein paar Chaoten finden, die sie am 1. Mai anzünden.
Die Chaoten kamen, haben Scherben hinterlassen, nun ist es an mir, das Glas klein zu treten, bis es sich mit dem übrigen Staub verbindet. Es ist das Prinzip der selbstreinigenden Straße. In der "Welt" habe ich ein Interview mit einem Extremismusforscher gelesen. Der sagt, das Feindbild der autonomen Linken habe sich verändert. Sie würden immer weniger die soziale Revolution propagieren, sondern gegen die Gentrifizierung der Innenstädte mobilisieren. Yuppies ergäben einfach die glaubhafteren Feindbilder.
Ich wohne selbst in einem sanierten Altbau in Kreuzberg und finde das keine nette Aussicht. Ich soll ein besseres Feindbild sein als ein Polizist mit Helm und Schlagstock? Die soziale Revolution gegen mich? Warum immer gegen mich? Wie soll ich mich dagegen wehren? Demnächst werde ich auf meinem frisch bepflanzten Balkon stehen und den anrückenden Pöbel mit den Rote-Bete-Knollen aus meiner Biokiste bewerfen. Ich hoffe, der Vorrat reicht. Jetzt schrieb mir die Stadt, meine Straße sei Sanierungsgebiet. Man wolle den Wohnwert steigern und deswegen den Straßenbelag erneuern. An den Kosten möchte man mich beteiligen. Ich soll also dafür zahlen, dass noch mehr Yuppies kommen, die noch mehr Revolutionäre anziehen, die noch mehr Scherben für mich hinterlassen. Ich brauche wohl neue Schuhe.