Unser Kolumnist spießt Absurdes und Skurriles aus dem Alltag auf.
Mein Nachbar fuhr in den Urlaub und bat mich, seine Geranien zu gießen. Seltsamerweise tat ich mich schwer. Stets fiel mir erst im Bett ein, dass ich schon wieder die Geranien vergessen hatte. Ich frage mich, ob ich eine innere Abwehr gegen die Geranie habe, ob ich einfach nicht gerne zusammen mit Geranien auf einem Balkon gesehen werde.
Die Geranie empfand ich immer als künstlich und beengt. Ich kenne niemanden, der noch eine Geranie pflegt, außer meinem Nachbarn. Geranien sind für ihre Blütenpracht bekannt. Ich hingegen finde Blumen mit kleinen Blüten attraktiver, natürlicher, authentischer. Menschen wie ich pflegen Lavendel auf dem Balkon. Das sieht so natürlich aus und verbreitet den Duft der Provence.
Alle meine Freunde haben Lavendel auf dem Balkon. Doch die Geranie, so erfuhr ich, ist mitnichten spießig. Sie heißt eigentlich Pelargonie und ist als Heilpflanze im Namibia und Südafrika heimisch. Sie ist also der Albert Schweitzer unter den Pflanzen, während mein Lavendel nur eine europäische Ackerblume ist. Allerdings musste ich im Internet lesen, dass die Geranie weiterhin die beliebteste Balkonpflanze ist, mit weitem Abstand vor der Petunie. Das macht mich nachdenklich.
Zig Millionen Deutsche haben Geranien vor dem Fenster, und ich kenne nur einen einzigen davon. So klein ist meine Welt also. Als mir einfiel, dass ich schon wieder vergessen hatte, die Geranie zu gießen, war es zu spät. Obgleich aus der Wüste kommend, war sie verdorrt. Ich bin dann in das Blumengeschäft in meiner Nachbarschaft gestürzt. Leider führt man dort keine Geranien. Ich kaufte eine Petunie. Ich hoffe, mein Nachbar merkt den Unterschied nicht.