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Merken   Drucken   02.01.2012, 18:11 Schriftgröße: AAA

Out of Office: AAAstreine Idee

Ratingagenturen sind umstritten - zu teuer, zu mächtig, zu unfähig. Ein Österreicher hat ihnen nun den Kampf angesagt: Auf seiner Website darf jedermann die Kreditwürdigkeit von Ländern bewerten. Mit überraschenden Ergebnissen.
von Stephan Knieps, Hamburg

Wenn es nach Dorian Credé geht, ist die Alleinherrschaft der drei großen Ratingagenturen demnächst beendet. Durch eine vierte Instanz, die die Kreditwürdigkeit von Staaten und Unternehmen prüft: jedermann.

Credé ist Gründer der Plattform Wikirating, und wie die Vorbilder Wikipedia, Wikileaks oder das Guttenplag-Wiki setzt der 37-jährige Österreicher ganz auf die Intelligenz der Masse. Wie die Ratingagenturen vergeben User Bonitätsnoten an Länder und Unternehmen, von "AAA" (höchste Bonität) bis "D" (zahlungsunfähig). Den größten Unterschied zwischen seinem Projekt und den Agenturen sieht der Diplom-Mathematiker dabei vor allem in der Glaubwürdigkeit der Abstimmung: "Wikirating ist die erste freie, transparente und unabhängige Plattform für Credit-Rankings."

Schilder mit den Ratings der drei führenden Ratingagenturen   Schilder mit den Ratings der drei führenden Ratingagenturen

Triebfeder für das Projekt war Credés Wut auf die Ratingagenturen. "Ich habe mich seit Jahren hobbymäßig mit Finanzmärkten beschäftigt", sagt er. Dabei habe er ein Missverhältnis festgestellt zwischen dem Erfolg und dem Einfluss der Ratingagenturen. "Mit den Beispielen Island und Lehman Brothers haben die Ratingagenturen für mich erheblich an Glaubwürdigkeit verloren." Trotz ihres Versagens aber teilen sich die großen drei etwa 90 Prozent des Marktes untereinander auf, Wettbewerber sind nicht in Sicht. Forderungen nach einer europäischen Ratingagentur als Gegengewicht sind zwar jüngst wieder lauter geworden. Passiert ist allerdings noch nichts. Credé wollte das ändern: "Im Frühjahr 2010 habe ich mich dann gefragt, ob es eigentlich ein Open-Source-Projekt für Ratings gibt. Gab es nicht - da hab ich einfach selbst eines gegründet." Zusammen mit einem Freund investierte er über 1000 Stunden Freizeit, opferte vier Wochen Urlaub; hauptberuflich arbeitet er für eine Finanzsoftware-Firma in Zürich. Im Oktober 2011 ging Wikirating.com online, mittlerweile haben mehr als 2100 User mitgemacht.

Derzeit wird nach zwei Methoden bewertet. Per Abstimmung, bei der jeder nur einmal ein Land bewerten dürfe, um Manipulationen vorzubeugen. Und nach dem sogenannten Sovereign Wikirating Index (SWI), einem Rechenmodell von Credé persönlich. "Ich habe mir vorgestellt, ich bin eine Bank und habe ein paar Milliarden", sagt er. "Wie würde ich jetzt ein Land bewerten?" Credé stellte eine Reihe von Faktoren auf, die ihm für seine Überlegung aussagekräftig erschienen: Gesamtverschuldung, Zahlungsbilanz zwischen Import und Export, Wirtschaftswachstum, Inflation und Arbeitslosenquote. "Daten, die jeder abrufen kann." Anschließend gewichtete er jedes Kriterium und goss alles in ein Rechenmodell. Die Formel dafür entwickelte er selbst. "Das ist keine Hexerei: Addition, Subtraktion und Multiplikation. Alles ganz transparent", sagt er. Die entsprechende Excel-Tabelle hat er auf der Seite zum Download bereitgestellt.

Teil 2: "Es gibt überproportional viele Einsen mit Sternchen"

  • Aus der FTD vom 03.01.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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