Einen Kuchen mit eingebackener Feile hat noch niemand geschickt. Dafür reichlich Kothäufchen - glücklicherweise nur gezeichnete. Manche Menschen malten detailverliebt sogar noch ein paar schwirrende Fliegen auf ihre Fäkalskizzen, bevor sie diese an Milliardenbetrüger Bernard Madoff schickten.
Die Kotzeichner sandten ihre Bildchen nicht direkt an Madoffs Gefängniszelle in Butner, North Carolina, wo der ehemalige Investor und Börsenmakler nun einsitzt: Sie schickten sie elektronisch an Madoffmail.com, ein Projekt von drei kreativen New Yorkern. Die sammeln auf ihrer Internetseite Briefe, Zeichnungen und Collagen, die ihnen Menschen aus der ganzen Welt zusenden, um die Post dann gebündelt an Madoff zu schicken - alle sechs Monate eine neue Lieferung.
Theoretisch müssten Aaron Adler, Mike Long und Fritz Simon 300 Pakete mit ausgedruckten E-Mails und Originalzeichnungen schnüren - Madoff wurde zu 150 Jahren Haft verurteilt, nachdem er mit seinen Schneeball-Betrügereien einen Schaden von mindestens 65 Mrd. $ angerichtet hatte. Für die erste Postlieferung zumindest ist schon gesorgt - geradezu überwältigt seien sie von der unerwarteten Resonanz, sagt Mitinitiator Aaron Adler: "Seit der vergangenen Woche ist MadoffMail.com online - in den ersten fünf Tagen besuchten uns schon 20.000 Menschen aus 101 Ländern."
Ihre Botschaften sind vielfältig: Ein schlichtes "Du bist ein wirklich böser Mann!" findet sich in der Sammlung ebenso wie Bekehrungsversuche von Menschen, die Madoff vom jüdischen Glauben abbringen und für das Christentum interessieren wollen: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als nur durch mich", zitiert ein frommer Briefeschreiber den Bibelvers Joh. 14,6. "Wer den Namen des Herrn anruft, der wird errettet - ja, Herr Madoff, das schließt auch Sie ein!"
Neben Briefen schicken viele Menschen auch Kunstwerke: Einen gekritzelten Galgen oder ein Madoff-Gesicht, versehen mit dem Originalschriftzug des Michael-Jackson-Albums "Bad". "Wir wollen den Leuten helfen, die Geschichte kreativ zu verarbeiten", sagt Aaron Adler. Geld wollten er und seine Mitstreiter dabei nicht verdienen, sie seien lediglich fasziniert, wie stark die Menschen auf den Fall Madoff reagieren. "Den Einsendungen nach zu urteilen sind viele wirklich sehr erbost. Dabei schreiben nur selten Menschen, die tatsächlich ihr Geld durch Madoff verloren haben. Die meisten sind nicht finanziell betroffen, sondern emotional."
Manche Schreiber bemühen sich bei aller Erschütterung um gepflegten Parlierton und psychologische Tiefe: "An welchem Punkt wich der letzte Rest von Integrität und Menschlichkeit aus Ihrem Bewusstsein?", erkundigt sich ein "Mann, der hart arbeitet". Gelegentlich schimmert bildungsbürgerliche Empörung durch: "Ihr Fall zeigt, dass die Gelehrte Hannah Arendt recht hatte: Das Böse ist wirklich banal!" Doch es geht auch drastischer: "Danke, dass du uns in die Scheiße geritten hast! Genau das haben wir gebraucht, Schwanzgesicht." Ein anderer Schreiber erwägt gar, sich nach Madoffs Tod auf dessen Grab erleichtern zu wollen (und zwar jeden Monat einmal).
"Die Menschen scheinen im Fall Madoff instinktiv auf die Themen Gier, Exzess und Betrug zu reagieren", sagt Adler. Es sei verblüffend, wie unterschiedlich dabei die Reaktionen ausfielen: "Einige Menschen sind sehr verständnisvoll." Es sei doch nur die Gier seiner Opfer gewesen, die ihn zu seinem Betrug getrieben habe - diese Raffzähne hätten einfach nur bekommen, was sie verdienten, schreiben vereinzelte Madoff-Sympathisanten.
Schließlich gibt es da noch Frauen wie Melissa. Sie schreibt an "dear Bernie", sie wolle ihm mit ihrem Brief "etwas Gesellschaft" in seiner grauen Zelle leisten, und schickt ein Foto von sich mit, im Urlaub, mit einem Tucan auf der Schulter. Und sie stellt dem weithin verhassten Verbrecher eine Frage, die Madoff bei all den endlosen Verhören und Befragungen vermutlich noch nicht gehört hat: "Was sind eigentlich Ihre Lieblingshobbys?"