Lichterloh brennt das Pergament in der erhobenen Hand eines finster dreinblickenden Barack Obama. Mit der linken zeigt der Präsident bedeutungsschwanger auf das Dokument, dem er soeben den Garaus macht: die Verfassung der USA. "One Nation under Socialism" heißt das Gemälde, auf dem der Präsident die Grundwerte seiner Nation vernichtet. Und für rund 200 Dollar kann es sich jeder echte Patriot in sein Wohnzimmer hängen.
Willkommen in der Welt von Jon McNaughton, dem neuen Lieblingskünstler der amerikanischen Rechten. Seit mehr als 25 Jahren pinselt der Mann aus dem Bundesstaat Utah mit Vorliebe Religionskitsch: pastellfarbene Werke, auf denen ein lichtumspielter Jesus vom Himmel herabsteigt, mal umringt von Kindern, einer Armee von Engeln oder Soldaten aller Epochen. Werke wie "Loving Savior" oder "He Loves Me too" brachten McNaughton bisher kaum Ruhm und Geld, zu kitschig die Motive, zu bonbonfarben das Oeuvre. Seitdem er aber sein patriotisches Gedankengut auf die Leinwand bringt, haben ihn radikale Republikaner für sich entdeckt.
Der einflussreiche konservative Blogger Matt Drudge ist ebenso bekennender McNaughton-Fan wie die populären Foxnews-Moderatoren Glenn Beck und Sean Hannity. "Noch nie hat mich Kunst so berührt", schwärmte Hannity im Radio und lud McNaughton in seine Sendung ein. Inzwischen hat er - angeblich für eine sechsstellige Summe - eines der drei Originale von "One Nation under Socialism" gekauft, um es progressiven Museen als Leihgabe anzubieten. "Liberale mögen doch kontroverse Kunst", stichelt er. "Ein Marienbild mit Elefantendung, die US-Flagge in der Toilette, ein angepinkeltes Kreuz, all dieses Zeug."
Für seine wachsende Fangemeinde ist McNaughton ein Held im Kampf gegen die verhasste Obama-Regierung. Auf seiner Website liefert er detaillierte Interpretationen zu seinen Monumentalbildern, auf denen allerlei allegorische Figuren für die Kräfte des Guten und Bösen stehen: korrupte Politiker, betrogene Arbeiter, linke Journalisten, stolze Mütter, aufrechte Soldaten - und immer wieder ein diabolischer Obama.
Als der seine Gesundheitsreform durchsetzen konnte, malte McNaughton aus Sorge um die Zukunft Amerikas den "Forgotten Man". Vier Millionen Klicks verzeichnet das Youtube-Video, auf dem McNaughton das Opus erklärt: Der kleine Mann von der Straße, Sinnbild für alle künftigen Generationen, die für Obamas Irrungen die Zeche zahlen müssen, sitzt einsam auf einer Parkbank, umringt von den ehrwürdigen Präsidenten vergangener Zeiten: George Washington, Abraham Lincoln und Thomas Jefferson blicken schockiert auf ihren nichtsnutzigen Nachfolger, der sich mit verschränkten Armen abwendet - und das Verfassungsdokument mit Füßen tritt. Als Bösewichter reüssieren Bill Clinton und Franklin D. Roosevelt, die Obama applaudieren. "Ich hoffe, dass der vergessene Mann aufwacht", sagt McNaughton.
Keinesfalls wolle er Wahlwerbung für die Republikaner betreiben - ihm gehe es lediglich um die Nation und die Hinwendung zu Gott, beteuert der Mormone und Vater von acht Kindern. "Ich favorisiere weder Demokraten noch Republikaner. Beide Parteien sind schuldig." Empört reagiert er auch auf Rassismusvorwürfe: Er könne ja nichts dafür, dass Obama Afroamerikaner ist. Und schließlich seien die "starken Amerikaner" in seinen Werken mitnichten immer weiß: In "One Nation under God" darf immerhin ein schwarzer Soldat zwischen den tugendhaften Präsidenten Ronald Reagan und John F. Kennedy im Lichte Jesu Christi stehen.
So gut McNaughtons Bilder, die als T-Shirt-Druck schon für 15 Dollar zu haben sind, bei Konservativen ankommen, so eindeutig ist das Urteil der Kunstszene. "Propagandakunst mit umwerfend offensichtlichen Botschaften," urteilt der New Yorker Kritiker Jerry Saltz auf der Website des Senders CBS, das Werk sei unoriginell, "ohne eigene Bildkraft, visuell mausetot". Eine Sichtweise, die McNaughton fremd ist. Nie setze sich ein Kritiker mit seinen Inhalten auseinander, wundert er sich im Interview mit Sean Hannity. "Irgendwie geht es immer nur darum, wie die Bilder gemalt sind."