FTD.de » Panorama » Vermischtes » Out of Office » Die Bilder des Bösen
Merken   Drucken   22.04.2012, 19:01 Schriftgröße: AAA

Out of Office: Die Bilder des Bösen

Niemand verteufelt Barack Obama so schön wie Jon McNaughton: Der christliche Propagandamaler ist der neue Lieblingskünstler von Amerikas radikalen Rechten.
© Bild: 2012 www.mcnaughtonart.com
Niemand verteufelt Barack Obama so schön wie Jon McNaughton: Der christliche Propagandamaler ist der neue Lieblingskünstler von Amerikas radikalen Rechten.
von Kathinka Burkhardt, Hamburg

Lichterloh brennt das Pergament in der erhobenen Hand eines finster dreinblickenden Barack Obama. Mit der linken zeigt der Präsident bedeutungsschwanger auf das Dokument, dem er soeben den Garaus macht: die Verfassung der USA. "One Nation under Socialism" heißt das Gemälde, auf dem der Präsident die Grundwerte seiner Nation vernichtet. Und für rund 200 Dollar kann es sich jeder echte Patriot in sein Wohnzimmer hängen.

Willkommen in der Welt von Jon McNaughton, dem neuen Lieblingskünstler der amerikanischen Rechten. Seit mehr als 25 Jahren pinselt der Mann aus dem Bundesstaat Utah mit Vorliebe Religionskitsch: pastellfarbene Werke, auf denen ein lichtumspielter Jesus vom Himmel herabsteigt, mal umringt von Kindern, einer Armee von Engeln oder Soldaten aller Epochen. Werke wie "Loving Savior" oder "He Loves Me too" brachten McNaughton bisher kaum Ruhm und Geld, zu kitschig die Motive, zu bonbonfarben das Oeuvre. Seitdem er aber sein patriotisches Gedankengut auf die Leinwand bringt, haben ihn radikale Republikaner für sich entdeckt.

Der einflussreiche konservative Blogger Matt Drudge ist ebenso bekennender McNaughton-Fan wie die populären Foxnews-Moderatoren Glenn Beck und Sean Hannity. "Noch nie hat mich Kunst so berührt", schwärmte Hannity im Radio und lud McNaughton in seine Sendung ein. Inzwischen hat er - angeblich für eine sechsstellige Summe - eines der drei Originale von "One Nation under Socialism" gekauft, um es progressiven Museen als Leihgabe anzubieten. "Liberale mögen doch kontroverse Kunst", stichelt er. "Ein Marienbild mit Elefantendung, die US-Flagge in der Toilette, ein angepinkeltes Kreuz, all dieses Zeug."

Für seine wachsende Fangemeinde ist McNaughton ein Held im Kampf gegen die verhasste Obama-Regierung. Auf seiner Website liefert er detaillierte Interpretationen zu seinen Monumentalbildern, auf denen allerlei allegorische Figuren für die Kräfte des Guten und Bösen stehen: korrupte Politiker, betrogene Arbeiter, linke Journalisten, stolze Mütter, aufrechte Soldaten - und immer wieder ein diabolischer Obama.

"One Nation under Socialism" von Jon McNaughton   "One Nation under Socialism" von Jon McNaughton

Als der seine Gesundheitsreform durchsetzen konnte, malte McNaughton aus Sorge um die Zukunft Amerikas den "Forgotten Man". Vier Millionen Klicks verzeichnet das Youtube-Video, auf dem McNaughton das Opus erklärt: Der kleine Mann von der Straße, Sinnbild für alle künftigen Generationen, die für Obamas Irrungen die Zeche zahlen müssen, sitzt einsam auf einer Parkbank, umringt von den ehrwürdigen Präsidenten vergangener Zeiten: George Washington, Abraham Lincoln und Thomas Jefferson blicken schockiert auf ihren nichtsnutzigen Nachfolger, der sich mit verschränkten Armen abwendet - und das Verfassungsdokument mit Füßen tritt. Als Bösewichter reüssieren Bill Clinton und Franklin D. Roosevelt, die Obama applaudieren. "Ich hoffe, dass der vergessene Mann aufwacht", sagt McNaughton.

Keinesfalls wolle er Wahlwerbung für die Republikaner betreiben - ihm gehe es lediglich um die Nation und die Hinwendung zu Gott, beteuert der Mormone und Vater von acht Kindern. "Ich favorisiere weder Demokraten noch Republikaner. Beide Parteien sind schuldig." Empört reagiert er auch auf Rassismusvorwürfe: Er könne ja nichts dafür, dass Obama Afroamerikaner ist. Und schließlich seien die "starken Amerikaner" in seinen Werken mitnichten immer weiß: In "One Nation under God" darf immerhin ein schwarzer Soldat zwischen den tugendhaften Präsidenten Ronald Reagan und John F. Kennedy im Lichte Jesu Christi stehen.

So gut McNaughtons Bilder, die als T-Shirt-Druck schon für 15 Dollar zu haben sind, bei Konservativen ankommen, so eindeutig ist das Urteil der Kunstszene. "Propagandakunst mit umwerfend offensichtlichen Botschaften," urteilt der New Yorker Kritiker Jerry Saltz auf der Website des Senders CBS, das Werk sei unoriginell, "ohne eigene Bildkraft, visuell mausetot". Eine Sichtweise, die McNaughton fremd ist. Nie setze sich ein Kritiker mit seinen Inhalten auseinander, wundert er sich im Interview mit Sean Hannity. "Irgendwie geht es immer nur darum, wie die Bilder gemalt sind."

  • Aus der FTD vom 23.04.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
Immobilien-Kompass
Immobilien-Kompass Deutschlands beste Wohnlagen

Preise, Mieten und Prognosen für Deutschlands Metropolen und Regionen mit detaillierten Übersichtskarten

Jetzt eigene Wohnlage prüfen

 
Anstatt FTD.de lese ich künftig ... Zum Ergebnis
Alle Umfragen
In eigener Sache
  • An Kiosks in der ganzen Republik hieß es am letzten Erscheinungstag der FTD: Zeitung vergriffen! Der Hype um die Schlussausgabe trieb merkwürdige Blüten. Der Verlag druckte 30.000 Exemplare nach. Wer keines abbekam - bestellen ist möglich. mehr

  •  
  • blättern
Zwischen Leben und Arbeiten
Work-Life-Balance

Die FTD hat zusammen mit dem GfK Verein die umfassendste bundesweite Studie zum Thema Work-Life-Balance veröffentlicht. Die Ergebnisse und mehr zum Thema finden Sie hier. Die Studie können Sie hier kaufen. mehr

Folgen Sie der FTD auf Twitter
Werden Sie Fan der FTD auf Facebook
  • Sie waren ein Herzstück der Zeitung und pointiert, scharf, teils brillant: Ihre Kolumnen, Leitartikel und Kommentare haben die FTD entscheidend geprägt. Zum letzten Mal: Unsere Kolumnisten sagen, was Sache ist. mehr

  •  
  • blättern
© 1999 - 2013 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Impressum | Datenschutz | Nutzungsbasierte Online Werbung | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

Geldanlage | Altersvorsorge | Versicherung | Steuern | Arbeitsmarkt | Energiewende | Ökostrom | Auto | Quiz | IQ-Test | Allgemeinwissen | Solitär | Markensammler