Es ist jeden Morgen dasselbe. Vor Christian M. liegen dringende Aufgaben, und trotzdem klickt er sich wahllos durch die Schlagzeilen im Internet. "Bei jeder denke ich: Eigentlich interessiert mich das gar nicht, und trotzdem kann ich es nicht lassen." Später steigert er bei Ebay, dann rufen Freunde an - plötzlich ist es Mittag und der halbe Arbeitstag vorbei. "Vor der Mittagspause packe ich dienstliche Sachen eigentlich nie an", sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter einer Universität. Danach meistens auch nicht. "Nach dem Essen bin ich immer fix und fertig", sagt Christian. Trotz Kaffee und Energydrinks könne er sich auf die Arbeit einfach nicht konzentrieren, grübele dann viel über seine privaten Probleme nach. Zwischen noch mehr Mails, Internetseiten und Gesprächen mit Kollegen verstreicht schließlich auch der Nachmittag.
Man könnte Christian schlicht faul nennen oder die moderne Massenkommunikation als fiesen Zeiträuber verdammen. Doch für Arbeitsmediziner und Gesundheitsökonomen ist Christians Leiden ein typischer Fall von Präsentismus. So nennen sie es, wenn Menschen zur Arbeit gehen, obwohl sie gesundheitlich angeschlagen sind. Sie sind zwar physisch im Büro anwesend, im Geiste jedoch so weit weg, dass effektives Arbeiten fast unmöglich ist. "Schuld sind körperliche oder psychische Leiden, die zwar die Produktivität beeinträchtigen, aber nicht so schlimm sind, dass der Betroffene zu Hause bleibt", sagt Bernhard Badura, Professor an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld. Das kann eine nicht ausreichend kurierte Grippe sein, aber auch ein unbehandeltes psychisches Problem wie bei Christian M.
Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes oder die Solidarität mit den Kollegen treibt die Kranken ins Büro. Doch derart pflichtbewusste Mitarbeiter nutzen ihrem Unternehmen nichts, im Gegenteil: Sie können richtig teuer werden. In Statistiken verursacht dieser "verdeckte Produktivitätsverlust" bis zu 15 Prozent der Personalkosten. Viele Firmen versuchen gegenzusteuern. "Dabei interessiert es sie nicht, woher die Probleme kommen, sie wollen, dass die Mitarbeiter schnell wieder voll da sind", sagt Badura. Ein Unternehmen, das von der wachsenden Aufmerksamkeit für unaufmerksame Angestellte profitiert, ist ICAS, ein Anbieter für externe Sozialleistungen. Seit 2000 kümmert sich die deutsche Tochter der britischen Firma um präsentismusgebeutelte Angestellte. 110 Firmen mit insgesamt 70.000 Angestellten zählen zu ihren Kunden. Ihre Hilfe ist simpel: "Supportcenter" nennt es Chef Stefan Boëthius, eine Art Telefonseelsorge für problemgeplagte Angestellte, Tag und Nacht besetzt von einem Team aus insgesamt 25 Psychologen und Juristen.
"20 Prozent der Mitarbeiter rufen wegen Problemen am Arbeitsplatz an", sagt Boëthius, "den Rest machen private Probleme wie Trennungen, Scheidungen oder finanzielle Sorgen aus." Weil auch ganz praktische Alltagsfragen die Mitarbeiter so belasten, dass sie nicht mehr ans Arbeiten denken können, gibt es neben Ärzten auch Juristen im Team. Die ICAS-Mitarbeiter beraten entweder direkt am Telefon oder vermitteln die Anrufer an andere Therapeuten. Das hilft depressiven Menschen, denen der Antrieb fehlt, diesen Schritt selbst zu gehen. In manchen Unternehmen würden rund zehn Prozent der Mitarbeiter den Dienst in Anspruch nehmen, in anderen seien es weniger als fünf, sagt Boëthius: "In 70 Prozent der Fälle können wir helfen."
Die Universität von Christian M. stellt ihren Mitarbeitern keine Telefonhilfe zur Verfügung. In seinem Fall wäre das jedoch auch vergebens. "Allein dort anzurufen wäre mir schon zu anstrengend", sagt er.