Seit Kurzem schwärmen sie wieder aus und verderben vielen Amerikanern die gesunden Vorsätze fürs neue Jahr. Ordentlich frisiert, adrett gekleidet und das Gesicht voller Lächeln, klingeln die Girl Scouts an Türen quer durchs Land und preisen grellfarbene Schachteln voller Kekse an. Es ist "Kekszeit" in den USA, und jedes Jahr kommen Hunderte Millionen durch den Verkauf von Thin Mints oder Shortbread zusammen, Geld, mit dem die Pfadfinderinnen Lager, Kurse und soziales Engagement finanzieren. Doch im selbst ausgerufenen "Jahr des Mädchens", in dem Jahr, in dem die Girl Scouts ihr 100-jähriges Bestehen feiern, steht die Truppe moralisch im Abseits: Landesweit gibt es Boykottforderungen gegen den Kekskauf, wird politisch Stimmung gemacht gegen die Girl Scouts. Denn nicht jedem passt, was die Organisation unter "Mädchen" versteht.
Seit Bobby Montoya aus Colorado im vergangenen Oktober bei den Girl Scouts eintreten wollte, ist die religiöse Rechte in Aufruhr: Die Siebenjährige ist ein Transgender-Kind, ein Mädchen im Körper eines Jungen. "Ich glaube, er wurde in den falschen Körper geboren. Keiner wüsste, dass er ein Junge ist, es sei denn, sie zögen ihm die Hose runter", sagte seine Mutter dem TV-Sender ABC. Zuerst wurde Bobby unter Verweis auf die "Körperteile eines Jungen" abgelehnt. Später nahmen die Girl Scouts Colorado ihre Entscheidung zurück: "Wenn ein Kind sich als Mädchen sieht und seine Eltern es als Mädchen präsentieren, nehmen wir es als Mädchen auf." Und damit nahm das Drama seinen Lauf.
"Extrem verstörend" sei das, eine "beinah gefährliche Situation" für die Mädchen, ereiferte sich eine Mutter in Louisiana, wo sich drei Pfadfinderinnentrupps an einer christlichen Schule aus Protest auflösten. Und jüngst hat ein Youtube-Video die Stimmung erneut angeheizt: Eine 14-Jährige namens Taylor ruft darin dazu auf, "dieses Jahr keine Girl-Scout-Kekse zu kaufen". Die Organisation schere sich mehr "um die Wünsche einer Handvoll Leute als um meine Sicherheit und die Sicherheit meiner Freundinnen und Scout-Schwestern".
Taylor spricht im Namen der Honest Girl Scouts, einer Gruppierung christlicher Pfadfinderinnen, die der Dachorganisation Girl Scouts of the USA (GSUSA) unter anderem vorwirft, sich für die Rechte von Lesben, Schwulen und Transsexuellen einzusetzen.
Vergangene Woche kam dann ein Radiospot des Family Research Council (FRC) hinzu, Vorkämpfern gegen Abtreibung, Scheidung und Pornografie. Wenig subtil ruft er dazu auf, sich von den Girl Scouts abzuwenden. "Sie haben entschieden, Jungen aufzunehmen, die sich wie Mädchen anziehen." Das solle aber niemanden überraschen, "schließlich beschäftigt die Organisation einen Crossdresser" an herausgehobener Position. Der so Geschmähte ist Josh Ackley, Pressesprecher von GSUSA und einst Sänger der "Homopunkband" Dead Betties. Die größte Furcht des FRC: dass Geld aus dem Keksverkauf womöglich eingesetzt wird, um "sexuelle Vielfalt" zu fördern. Die Boykottaufrufe zielen auf die wichtigste Einnahmequelle der Pfadfinderinnen; 760 Mio. Dollar haben sie in der Kekszeit 2011 umgesetzt.
Zielsetzung, Entscheidungsfindung, Umgang mit Geld, Umgang mit Menschen und Wirtschaftsethik".Noch scheint die versuchte Politisierung nicht ganz zu verfangen. In zahlreichen Reaktionen auf das Youtube-Boykottvideo werfen aktive wie einstige Girl Scouts Taylor vor, sie verrate die Ideale der Organisation zugunsten ihrer politischen Ansichten. So sagt der Transgender-Pornostar Buck Angel, einst selbst ein Girl Scout: "Ich wurde als Mädchen geboren, aber meine Familie und Freunde, sogar die Girl Scouts haben gewusst, dass ich ein kleiner Junge bin. Es geht nur um Liebe und Respekt und darum zu lernen, ein guter Mensch zu sein." Und eine Studentin verspricht, sie werde doppelt so viele Kekse kaufen wie sonst. "Das kann ich mir von meinem Budget zwar nicht leisten. Aber ich werde zwei Wochen Ramen-Nudeln essen, damit ein Transgender-Mädchen mit ins Camp kann."