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Merken   Drucken   28.10.2008, 18:31 Schriftgröße: AAA

Out of Office: Geprügelt, nicht gerührt

"Ein Quantum Trost" ist der altmodischste Bond-Film, der jemals in die Kinos kam. Er ist brutal, zynisch - und trotzdem unterhaltsam. Am Mittwochabend findet in London die Weltpremiere statt.
von Willy Theobald

Berstende Glasfassaden sacken splitternd in sich zusammen, Eisenträger krachen durch dicke Wände - sogar Betonmauern lösen sich dröhnend in Staub auf, wenn James Bond seine Gegner um den halben Erdball prügelt. Und dieses Mal macht er sie alle platt. Ob in dunklen Verliesen und staubigen Wüsten, auf stürmischen Meeren und bolivianischen Bergmassiven, in engen italienischen Straßen oder im verschneiten Russland: 007 ist auf einem persönlichen Rachefeldzug und schlägt in Rambo-Manier alles kurz und klein, was sich ihm in den Weg stellt.

"Ein Quantum Trost" ist der altmodischste Bond-Film, der jemals in die Kinos kam. Keine Kernspaltungsexzesse, keine Hightechorgien, keine Superwaffen und noch nicht einmal ein klitzekleiner Ausflug ins Weltall. Heiß umkämpfter Mittelpunkt dieses rasant-brutalen Actionabenteuers irgendwo zwischen "Casablanca" und "Terminator XII" ist - man glaubt es kaum - Wasser. Und die wichtigste Triebfeder der Bond'schen Mission ist mindestens so alt wie die Bibel: Rache!

Auge um Auge, Zahn um Zahn - Daniel Craig agiert in seinem zweiten ...   Auge um Auge, Zahn um Zahn - Daniel Craig agiert in seinem zweiten 007-Einsatz noch böser

Auge um Auge, Zahn um Zahn prügelt der MI6-Geheimagent seinen Widersachern aus den ungläubig staunenden Gesichtern. Doch das ist meist nur der Einstieg: Daniel Craig agiert in seinem zweiten 007-Einsatz noch böser, noch verschlagener und noch verbitterter als in seinem Debüt. Da ihm am Ende von "Casino Royale" das fast angetraute Eheweib Vesper gemeuchelt wurde, hat der Agent seiner Majestät einen Riesenhals: Deshalb ist er fest entschlossen, seine Lizenz zum Töten bis zum Anschlag auszureizen.

Anlässe findet er an jeder Ecke: Vesper wurde von einer ebenso geheimen wie schändlichen Organisation erpresst, die sich unter dem Deckmantel des Umweltschutzes sämtliche auf der Erde befindlichen Wasservorräte unter den Nagel reißen will. Um trotz schwerer Trauer nicht auf das obligatorische Bond-Girl zu verzichten, verbindet sich der leidgeprüfte Agent mit einer durch die Unterwelt vagabundierenden wohlproportionierten Halbrussin. Mit ihr zieht er den Rest des Filmes gegen den Wassermogul Dominic Greene zu Felde.

James Bond versucht, seine Verfolger im Steinbruch von Carrera mit ...   James Bond versucht, seine Verfolger im Steinbruch von Carrera mit dem Aston Martin abzuhängen

Dabei startet er im sonnigen Italien um passend zum Pferderennen von Siena jede Menge PS-starker Autos zu zerdeppern. Den Panamakanal bereist er in einem uralten Fischerkahn, der konkurrierende Schnellboote rasant hinter sich lässt und reihenweise Luxusjachten demoliert. In Mexiko besteigt er ein noch älteres Transportflugzeug (eine DC-3 von 1939), um den Ureinwohnern zu zeigen, was ein Looping ist, und im Vorüberfliegen noch einen schwerbewaffneten Kampfjet und zwei Helikopter in irgendwelchen Bergtälern zu versenken.

Bei den Bregenzer Festspielen haut und schießt er während einer "Tosca"-Aufführung die Seebühne samt Restaurant und Garderobentrakt zu Klump. Dazwischen legt er immer wieder einen Zwischenstopp in London ein, um seiner schwer genervten Vorgesetzten M (Judi Dench) zu erläutern, warum er schon wieder nur Schutt, Asche und Leichen hinter sich gelassen hat.

Ein Bond, der spuckt kratzt und beißt

Wichtigster Trumpf dieses vorweihnachtlichen Prügelmärchens ist Brutalität. Versetzten charmante Bond-Vorgänger von Sean Connery über Roger Moore bis Pierce Brosnan ihren Gegnern meist nur elegante Nasenstüber oder piesackten sie mit unauffälligen Handfeuerwaffen, randaliert sich Craig durch den kompletten Film. Dabei bevorzugt er gemein-gefährliches Kickboxen und schreckt auch vor Spucken, Kratzen und Beißen nicht zurück.

007 Agent James Bond: Mittlerweile ist die ganze Welt korrupt   007 Agent James Bond: Mittlerweile ist die ganze Welt korrupt

Das wirkt alles sehr nah und wird durch eine herrlich durchgeknallte Bilddramaturgie fast auf Comicniveau gebracht. Zwischen den über weite Strecken wohltuend langen Einstellungen wirken die Kampfszenen, als hätte jemand die Kamera in den Schleudergang einer Waschmaschine gepackt. Dabei erkennt der Zuschauer zwar nicht mehr, wo oben, unten, rechts oder links ist - hat aber bald das Gefühl, als könne er sich jeden Moment von der Leinwand herunter eine Maulschelle einfangen. Hut ab!

Neu für einen Bond-Film ist auch, dass mittlerweile die ganze Welt korrupt, geldgierig oder irgendwie nichtsnutzig ist. Wurde der Erdball in früheren Produktionen noch in den guten Westen und den bösen Osten aufgeteilt, besteht mittlerweile sogar der amerikanische Geheimdienst aus amoralischen Beelzebuben, die auf jeden Anstand pfeifen, Wie schön: Endlich sind die Produzenten Barbara Broccoli und Michael G. Wilson im dritten Jahrtausend angekommen. Erheblichen Anteil an den fiesen Akzenten hat der deutsch-schweizerische Regisseur Marc Foster: Er kämpfte um finsterste Details fast so verbissen wie Bond.

Aber: Ende gut, alles gut! Nachdem Bond im malerisch verschneiten Russland den Mörder Vespers dingfest gemacht hat und alle anderen Kontrahenten durch Kollateralschäden dahingerafft wurden, ist auch seine - teilweise am Rande des Nervenzusammenbruchs stehende - Vorgesetzte M wieder im seelischen Gleichgewicht.

  • Aus der FTD vom 29.10.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland
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