Der zivile Ungehorsam beginnt mit landesüblicher Verspätung. Knapp eine Stunde nach dem vereinbarten Termin trifft sich der Bautrupp auf der Avenida Inglaterra. "Die Straße ist neun Meter breit. Rechts und links zwacken wir je 1,20 Meter für den Radweg ab, auf einer Länge von drei Kilometern. Alles klar?"
Alles klar. Rund 30 Leute machen sich an die Arbeit, sie werkeln, pinseln, diskutieren. Riesige Schablonen mit Fahrradsymbolen werden verteilt, Farbeimer und selbst gebastelte Straßenschilder. Technologisches Prunkstück ist ein abenteuerliches Gefährt, ein mit Kompressor und Sprühpistole versehenes Lastenrad. Im schweißtreibenden Dreimannbetrieb lässt sich damit eine annähernd gerade Linie auf die Fahrbahn sprühen.
"Diese Aktion ist absolut illegal", sagt Jesús Soto. Die Kolonne, die auf dem Asphalt Guadalajaras schwitzt, ist Teil eines wahnwitzigen Graswurzel-Projekts: In Mexikos zweitgrößter Stadt zieht seit Januar eine Truppe engagierter Einwohner auf eigene Faust Radwege. Quer durchs urbane Chaos hindurch, umbraust vom Straßenverkehr und am helllichten Tag. Und natürlich streng nach internationaler Baunorm, mit Schildern und allem. "Bürgerliche Radwege" nennen sie das. Der 26-jährige Soto, hauptberuflich Philosoph und Experte für digitale Netzwerke, fungiert als Pressechef der Gruppe. "Ich beteilige mich, weil unsere Behörden unfähig sind. Damit stellen wir sie an den Pranger."
17.000 Menschen kommen jährlich auf Mexikos Straßen um - das sind mehr Todesopfer, als der Drogenkrieg fordert. Vor allem die Armen trifft es, die sich zu Fuß oder per Rad bewegen. Denn mexikanische Städte sind nur für Autos gebaut: In Guadalajara gibt es 4000 Kilometer Straßen, aber nur 35 Kilometer Radwege. Das U-Bahnnetz ist viel zu klein für die Vier-Millionen-Metropole, eine Straßenbahn gibt es nicht, und die Busse sind quälend langsam. "Unsere Städte sind ein Spiegel von Mexikos Ungleichheit", sagt Soto. Und seine Gruppe will das zumindest ein bisschen ändern.
Gepinselt werden die Radwege für die sozial Schwachen. Aber die, die sie bauen, gehören zu Mexikos zunehmend selbstbewusster Mittelschicht. Viele von ihnen haben Auslandserfahrung. In Kanada oder in Europa haben sie erlebt, dass nicht nur arme Schlucker Rad fahren. Daheim aber sehen sie sich mit einer "Mentalität der Dritten Welt" konfrontiert, sagt Felipe Madrigal, ein Sanitäter, der den Verkehrspolizisten gibt. "Wenn du ein Auto hast, bist du wer. Wenn nicht, bist du nichts wert."
Mit respektgebietender Miene lenkt der 36-Jährige den Verkehr um seine Freunde, die gerade die neue Geschwindigkeitsbeschränkung verhängen. In metergroßen Ziffern steht jetzt Tempo 30 auf der Straße. Geduldig erklärt er den Autofahrern den Zweck des Ganzen. Die Polizeistreife, die nach einer Stunde eintrudelt und sich die Aktion anschaut, ist völlig ratlos: Die Beamten beschließen, nichts gesehen zu haben, und brausen davon.
Am frühen Abend ist der Radweg fertig, jedenfalls auf einer Seite der Straße. Dann gibt der Farbkompressor den Geist auf. Das macht aber nichts - denn der politische Erfolg stellt sich unerwartet schnell ein. Per Rad erscheint Diego Monraz, seines Zeichens kein Geringerer als der Verkehrsminister Guadalajaras und des umliegenden Bundesstaats Jalisco. Nach längerem Hin und Her verspricht Monraz, den Radweg offiziell anzuerkennen. Nur mit der Tempobegrenzung ist er nicht glücklich. "Können wir uns nicht wenigstens auf 40 Kilometer pro Stunde einigen?", fragt der Minister. Die Radwegbauer sind sich einig: Keine Chance. 30 bleibt 30.