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Merken   Drucken   09.11.2008, 19:27 Schriftgröße: AAA

Out of Office: Wall-Street-Banker üben das wirkliche Leben

Eier braten, U-Bahn fahren? Schier unlösbare Unterfangen, wenn man diese Dinge nicht gewohnt ist. Ein satirischer Kurzfilm zeigt im Internet, wie arbeitslose Banker durch ihren neuen Wall-Street-freien Alltag stolpern.
von Sebastian Moll (New York)

Zuerst suchte er Trost im Schnaps und trank drei Tage lang. Dann riss er sich zusammen, stand wieder jeden Tag um halb sechs Uhr auf und zog seinen Anzug an. Ein Büro, in das er gehen musste, hatte er zwar nicht mehr. Doch die Routine, sich den Schlips zu binden, gebe ihm wenigstens etwas Gewohntes, an dem er sich festhalten könne. "Ich stehe nicht mehr für Lehman auf, ich stehe einfach nur auf. Und wenn ich aufstehe, ziehe ich einen Anzug an, so ist das nun mal."

Von seinem leidvollen Leben als Ex-Lehman-Angestellter erzählt der traurige Banker in einem Kurzfilm, der im Internet kursiert und viel Anteilnahme für den Betroffenen auslöst - weil sein Schicksal exemplarisch für die vielen Menschen steht, die durch die Finanzkrise ihren Job verloren haben. Dabei ist die Figur des geschassten Bankers komplett erfunden. Das Filmchen ist ein Parodiedokumentarfilm, ein sogenanntes Mockumentary.

Gedreht haben es die Brooklyner Underground-Filmemacher Jonathan Emmerling, Charles Divak und Dan Shafer. Ihre Firma Untucked Films drehte bereits einige Mockumentary-Kurzfilme, die auf Youtube laufen - zum Privatvergnügen. Ihr Geld verdienen sie mit Werbespots und Musikvideos. Dan Shafer spielt selbst die Rolle des Neuarbeitslosen. Er kennt viele Wall-Street-Banker und lebt mit einigen von ihnen in einer WG. Vermutlich hat er sich von seinen Mitbewohnern die Marotten abgeschaut, die der Film parodiert.

So ist das Leben abseits der Wall Street für den Mockumentary-Helden völlig verwirrend. Er muss sich am Morgen selbst Eier braten, was kläglich misslingt. Er muss seine Wohnung selbst putzen und kriecht dazu mit einer Flusenrolle für Anzüge auf dem Teppich herum. Er versucht, nach zehn Jahren in Limousinen und Taxis erstmals mit der U-Bahn zu fahren - und ist sehr erstaunt, als er dort nicht einfach mit seiner American-Express-Karte hineinkommt. Trotzdem versucht er, sich sein neues Leben schönzureden. Es erfülle ihn mit einem gewissen Stolz, sagt er, dass er nun zum "Salz der Erde" gehöre. Er hätte sogar richtiggehend Lust, in einer echten Fabrik zu arbeiten. Zu versuchen, sich mit dem Taschengeld von ein paar Hunderttausend Dollar im Jahr durchzuschlagen, stelle er sich regelrecht romantisch vor. Zu guter Letzt wird er dann aber doch noch nostalgisch: "Ich bin mit leeren Taschen an den Kasinotisch gegangen und gehe mit leeren Taschen wieder weg", seufzt er. "Aber, Mann, habe ich dazwischen einen Lauf gehabt."

Die Reaktionen der Betroffenen sind gespalten. Die einen erkennen sich im tragischen Filmbanker wieder und geben in ihren Kommentaren im Internet freimütig zu, sich auch noch nie selbst etwas gekocht zu haben und nicht zu wissen, wo man in New York Lebensmittel einkauft. Andere echte Ex-Banker finden den Film zwar lustig, erkennen sich selbst darin aber nicht wieder, weil Broker dort als klischeehaft arrogant dargestellt würden. Außerdem sei es keineswegs lustig, arbeitslos zu sein, sondern nervenzerreißend und deprimierend.

Dabei behandeln die Filmemacher ihren Helden durchaus herzlich: Am Ende hat man Mitleid mit seiner komischen Unbeholfenheit. "Es wäre einfach gewesen, die Karikatur eines widerlichen Börsianers zu zeichnen", sagt Jonathan Emmerling. "Ich hätte es nicht fertiggebracht, meine Wall-Street-Freunde als irgendwie schlechte Menschen hinzustellen", sagt Dan Shafer. Und das Ergebnis wäre bestimmt auch nicht so lustig geworden.

  • Aus der FTD vom 10.11.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland
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