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Merken   Drucken   29.07.2012, 18:30 Schriftgröße: AAA

Professionelle Ansteher: Lückenbüßer-Dienst der falschen Schlangen

US-Lobbyisten ist ihre Zeit zu kostbar, um sie mit dem Warten vor politischen Anhörungen zu verschwenden. Also beschäftigen sie professionelle Ansteher.
von Louise Brown, Hamburg

Im Winter sehen sie von Ferne wie Obdachlose aus, wie sie da im Morgengrauen in dicken Jacken und Mützen vor dem Kapitol lungern. Um drei Uhr beginnt für manche der Tag, die meisten kommen um fünf, später gehen sie noch an die Uni oder auf Kurierfahrten. Ihre Arbeit ist saisonal, beschränkt auf die Zeit, wenn in Washington der US-Kongress zusammentritt, häufig nur drei Tage die Woche. Die Aufgabe der mehrheitlich jungen Männer: anstehen und warten, dass drinnen die Anhörungen endlich beginnen.

In Washington verdienen solche professionellen "Linestander" 20 Dollar die Stunde damit, anderen einen Platz frei zu halten. Diese anderen sind meist Lobbyisten oder Anwälte, denen ihre Zeit kostbar ist. Sie wollen im Kapitol bei der Gesetzgebung mitsprechen, ohne das nervige Vorspiel aber, den Kampf um die Plätze. Eine halbe Stunde vor der Anhörung holen die Linestander Schilder heraus mit den Namen der Lobbyisten oder Anwälte, die sie gebucht haben. Und wenn die ankommen, rücken sie ins Glied.

Die Nachfrage nach Anstehern ist so groß, dass spezielle Serviceanbieter entstanden sind. Vor fünf Jahren hat Mike Miller, Vizechef der Kurierfirma Washington Express, eine Linestanding-Abteilung gegründet. 20 Profis hat er in seinem "Stall". Zu den Hauptkunden zählen Washingtons zahllose Anwaltskanzleien: "Über die Jahre haben immer mehr gefragt, ob unsere Kuriere sich nicht für sie in die Schlange stellen könnten." Miller konkurriert etwa mit Linestanding.com, ebenfalls Ausgründung eines Kurierdiensts. Wegen neuer Sicherheitsregeln nach dem 11. September und der Ausbreitung der E-Mail gab es für die Lieferanten weniger zu tun: "Uns wurde klar, dass wir einen anderen Weg finden mussten, um Geld zu verdienen", sagt Linestanding.com-Gründer John Winslow. "Also haben wir daran gearbeitet, dass Linestanding eine legitime Tätigkeit wird." Heute schickt er um die 1000 Leute im Jahr vors Kapitol.

Das Kapitol in Washington   Das Kapitol in Washington

Die Nachfrage ist enorm. "Die Räume für die Anhörungen sind oft klein, dazu scheinen unsere Kunden einen Nutzen daran zu sehen, in Kontakt mit Leuten zu stehen, die in diese Verfahren involviert sind", sagt Miller. Für die Anhörungen im Obersten Gericht zur Gesundheitsreform mussten sich seine Leute schon 48 Stunden vorher anstellen. Auch bei den Anhörungen zur Toyota-Pannenserie gab es reges Interesse. Obwohl viele dieser Runden längst im Internet gezeigt werden, reicht für die Lobbyisten die virtuelle Präsenz nicht aus. "Es geht darum, gesehen zu werden und die subtilen Zeichen mitzubekommen, wer etwa mit wem flüstert", sagt Gary Hymel, ehemaliger Cheflobbyist bei Hill & Knowlton, einer der ältesten amerikanischen PR-Firmen. "Und durch Augenkontakt bestätigt man, dass man als Lobbyist wirklich interessiert ist."

Längst nicht alle finden die Praxis legitim: Die demokratische Senatorin Claire McCaskill hat vor einigen Jahren erfolglos versucht, Linestanding zu verbieten, weil es aussähe, als wolle man sich Zugang zu den Volksvertretern im Kapitol erkaufen: "Wir müssen sicherstellen, dass dieser Ort für die Leute, denen er gehört, zugänglich ist - die Bürger dieses Landes, nicht die Lobbyisten." Autor Parag Khanna, lange für die Denkfabrik Brookings Institution tätig, nennt den Trend "ein trauriges Beispiel dafür, wie Einkommensunterschiede durch die reichen Lobbyisten ausgenutzt werden, um ihre Ziele zu erreichen". Washingtons Anwälte können 750 Dollar die Stunde verdienen, Linestander bei Washington Express zu buchen kostet nur 40 Dollar. Den Platz für Zahlungskräftigere frei halten - ein Stück Demokratie.

Aber es ist eben auch ein Job. Der keine Expertise erfordert, nur Stilbewusstsein. "Die Kanzleien sind schließlich sehr angebotsfokussiert" , sagt Miller. Soll heißen: Linestander haben sich ordentlich anzuziehen und zu benehmen. Laute Musik ist verboten. Auf dem Gehweg dürfen sie sitzen, bis die Polizei sie aufscheucht. "Einige lesen oder hören Musik, andere spielen auf ihren Mobiltelefonen herum", sagt Eric Hopkins, seit den 90er-Jahren im Anstehgeschäft. "Morgens um drei versuche ich manchmal zu schlafen. Die meiste Zeit aber unterhalten wir uns. Für eine ungelernte Arbeit zieht der Job einige erstaunlich intelligente Leute an."

Und wie fühlt es sich an, den Platz frei zu halten für jemanden, der frisch geduscht und satt eine halbe Stunde vor der Anhörung auftaucht? "Unterwürfig", sagt Hopkins. "Aber es ist wie jeder andere Dienstleistungsjob - man will seine Arbeit gut machen und die Bezahlung maximieren."

Inzwischen harren Linestander auch bei Kinopremieren aus, so beim letzten "Harry Potter"-Teil. Traditionsreich und mythenumrankt aber ist das Phänomen vor allem in der Politik. Man erzählt sich von Linestandern, die durch unterirdische Tunnel ins Kapitol vorgedrungen seien, Firmen sollen College-Leichtathleten beauftragt haben, in die Anhörungsräume zu sprinten, andere sollen Obdachlose rekrutiert haben. Und schon gibt es selbstständige Linestander, die ihrer Macht bewusst die Preise nach oben treiben.

Dem sozialen Miteinander in der Schlange hat die harte Konkurrenz bislang nicht geschadet, Ordnung ist den Beteiligten heilig: "Wenn man sich etwas zu essen holen oder auf Toilette muss, wird der Platz frei gehalten", sagt Hopkins. "Dramatisch wird es eher dann, wenn es Zeit für die Anhörung wird." Da könne es Rangeleien geben, überholt aber werde nicht. Um zehn Uhr gehen die Linestander spätestens nach Hause. "Für mich gibt es dann nur zwei Dinge: einen Stuhl und einen Kaffee", sagt Hopkins.

  • Aus der FTD vom 30.07.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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