Radfahren versteht der Modehörige als Statement - und nicht etwa als Mittel zum Zweck. Sein Single-Speed-Rennrad ist daher ein klarliniges Kunstwerk. Und auch der Fahrer kann und will selbst im Hochsommer weder auf Schlumpfmütze noch Seidenschal verzichten. In der Klangblase seiner XXL-Kopfhörer bleibt er unerreichbar für entgegenkommende Mitradler, die höflich infrage stellen, ob die intensive Nutzung des mobilen Endgeräts ein zweckmäßiger Zeitvertreib am Lenker ist. Man ist eben always on für die kreativen Kurznachrichten der Hipsterfreunde. Beliebter Tweet: "OMG, beste Notaufnahme EVER!!!"
Wer Glück hat und sehr angestrengt gegen das Licht der aufgehenden Sonne anblinzelt, der erkennt diesen possierlichen Gesellen noch rechtzeitig am kurz hinter ihm lustig schwankenden Prinzessin-Lillifee- oder Käpt'n-Sharky-Wimpel. Rechtzeitig heißt: Bevor man den unsicher dahinwackelnden Zweiradzwerg überrollt, der unter den Augen des stolzen Vaters seinen ersten Ausritt wagt. Gern in Gegenrichtung und niemals, niemals auf dem Gehweg - mein Kind fährt mit den Großen. Oder in die Großen rein.
Von Autofahrern kennt man das Phänomen: Eine schwere Form des sensomotorischen Verfalls macht es dem Betroffenen unmöglich, Richtungswechsel anzuzeigen oder andere Verkehrsteilnehmer wahrzunehmen. Da der Autist anhand äußerlicher Merkmale praktisch nicht zu erkennen ist, bleibt dem um seine Unversehrtheit besorgten Radfahrer nur äußerste Bremsfreude an allen Wegmarken, die ein abruptes 90-Grad-Manöver auslösen können: Ampeln, Einfahrten, Kneipen oder spannende Plakate am Wegesrand.
Es mag am Retro-Hollandrad liegen, das der Gatte zum Saisonbeginn aus dem Keller getragen hat: ein tonnenschweres Gefährt mit der Manövrierfähigkeit eines Panzerkreuzers. Vielleicht ist es aber auch die Sorge, das wallende Sommerkleid könnte sich in den Speichen verhaspeln, die diese Verkehrsteilnehmerin zur verkrampften Schlingerschleichfahrt in der Mitte jedes noch so breiten Fahrradwegs zwingt. Da die Angstpatientin auf Klingeln ebenso panisch-empört reagiert wie auf unangekündigte Überholmanöver, empfiehlt sich ein weiträumiges Umfahren der flatternden Gefahrenzone.
Vor lauter Begeisterung über das sabbelnde Gottesgeschenk auf dem Kindersitz vergisst Mama nicht nur Latte-macchiato-Dates, sondern auch die Tatsache, dass sie sich im Straßenverkehr bewegt. Gedankenverloren schlingert sie auf der linken Straßenseite dahin, singt Rolf-Zuckowski-Songs, tätschelt den Zögling und kramt derweil nach einer Bioreiswaffel. Vor der Kita angekommen, ist es für den Macchiato leider zu spät. Ersatzweise darf's aber auch gern ein Rudeltratsch mit den Entenpapas sein - natürlich auf dem Radweg, wo Platz ist.
Ob johlende Teenagerclique oder schnatternde Touristenherde: Größere Mengen alarmierend roter Leihfahrräder, die einem Fischschwarm gleich über den Asphalt schlängeln, bedeuten Gefahr. Zaghaft in die Welt geklingelte Überholwünsche gehen leicht im kollektiven Gequake unter oder lösen hektische Schwänzelmanöver aus, die sich bis zur Stampede aufschaukeln können. Besondere Vorsicht ist geboten, wenn ein Kiosk naht: Nur in seltenen Glücksfällen warnt der Lockruf "Ey, schnell mal abbiegen, hier gibt's das letzte Bier vorm Kiez", bevor die Fahrradlenker kollektiv herumgerissen werden. Aber auch auf freier Strecke ist jederzeit mit praktizierter Orientierungslosigkeit zu rechnen: "Alle rechts - äh, ich meine links. Da um die Ecke, da muss das Museum sein. Wirklich."