Einen ganzen Tag lang haben die russischen Soldaten das Material malträtiert. Mit Vorschlaghämmern, Pistolen, Panzerabwehrwaffen, Kalaschnikows. "Und jetzt schauen Sie mal", sagt Karl Alizade und wendet die schwere Metallplatte, "da ist noch nicht mal eine Beule."
Der Kleinunternehmer aus New Jersey ist derzeit ein gefragter Mann. Von ihm lassen sich die Reichen gepanzerte Schutzräume bauen, sein Unternehmen City Safe stattet Apartments auf New Yorks Upper West Side ebenso aus wie Villen in Bel Air. Noch nie sei es so gut gelaufen wie in den letzten zwei Jahren, sagt er: Naturkatastrophen, Konflikte, Terror, Finanzkrise schürten die Ängste seiner Kunden vor dem Kollaps. Auf 20 bis 1000 Prozent schätzen Experten das Wachstum der Bunkerbranche.
Das Geschäft, glaubt Alizade, blüht auch dank des Weltuntergangs, den die Maya angeblich für den 21.12.2012 vorausgesagt haben. Man müsse aber kein Esoterik-Spinner sein, um Angst zu haben: "Da draußen geht einiges vor sich, niemand weiß genau, was und warum. Deshalb sollte man besser vorbereitet sein." Und 90 Prozent seiner Neukunden kämen aus dem Regierungsumfeld: "Die Regierung hat immer einen etwas besseren Überblick über das, was auf der Welt passiert."
Nirgendwo ist die Lust am Untergang so groß wie in den USA - und nirgendwo glauben die Menschen bereitwilliger, dass die Regierung ihre Finger im Spiel hat. "Amerikaner sind dem Staat gegenüber grundsätzlich skeptisch und deshalb offener für Verschwörungstheorien", sagt Stephen O'Leary, Professor für religiöse Kommunikation an der University of Southern California und Autor des Buches "Arguing the Apocalypse". Dazu komme die bedeutende Rolle der Religion in der Gesellschaft, auch Hollywood schüre mit Filmen wie "2012" und "The Road" die Angst.
Amerika bereitet sich auf den Ernstfall vor. Der Fernsehsender National Geographic Channel hat dem Phänomen eine Serie gewidmet; gerade läuft das Casting für die zweite Staffel von "Doomsday Preppers", einer Reality-Show über Familien und Einzelgänger, die für den Untergang proben: Sie unterkellern ihre Grundstücke, verwandeln Swimmingpools in Gewächshäuser, horten Waffen und Proviant, stellen Fluchtwagen bereit.
Hunderte von Bunkeranbietern sind in den letzten Jahren aus dem Boden geschossen, sagt Brian Camden, Chef von Hardened Structures aus Virginia. Ihm soll es recht sein: Die meisten sind Vermittler, die ihre Aufträge gegen Provision durchreichen. Ernstzunehmende Bunkerbauer gebe es vielleicht drei oder vier. Seine Firma konstruiert Bunker aller Größen, vom Sechs-Personen-Keller für die Familie bis zur Anlage auf mehreren Tausend Quadratmetern für Regierungen in Europa oder dem Mittleren Osten. Die Zahl der Anfragen habe sich in nur 24 Monaten verdreifacht, sagt er.
Bei City Safe kostet ein vollständig ausgestatteter Schutzraum mindestens 200.000 Dollar. Nach oben gibt es, je nach Ausstattung, keine Grenze. Besichtigen kann man nur das Grundmodell, drei mal sechs Meter, zusammengebaut aus den russenerprobten Panzerplatten. Sämtliche Extras fehlen bei dem Exponat - Geheimhaltung ist alles im Geschäft mit der Sicherheit. Wenn sein Team einen Schutzraum in einer Stadtwohnung installiere, bekomme kein Nachbar etwas mit, verspricht Karl Alizade.
Was der breiten Öffentlichkeit erst durch den Spielfilm "Panic Room" bekannt wurde, ist in den reichen Gegenden längst Standard. In Beverly Hills gebe es Tausende solcher Räume, sagt Diane Levine vom Luxus-Makler Sotheby's in New York: "Sie sind zum Statussymbol geworden." Alizade spricht lieber von Lebensversicherung. Schon der Hurrikan Katrina habe schließlich gezeigt, wie schnell die Infrastruktur nach einer Katastrophe zusammenbricht: "Ich will nicht wissen, was ein Erdbeben mitten in Manhattan anrichten könnte." Schon während der Rushhour komme man schließlich kaum aus der Stadt. "Wie wollen Sie es im Notfall rechtzeitig an einen sicheren Ort schaffen?" Dann lieber im Panzerraum warten, bis die Ordnung wiederhergestellt ist.
Ein Komet rast auf die Erde zu. Bedrohlich wummert der Bass. "Was, wenn die Prophezeiungen war sind?", fragt ein Schriftzug. "Die Bibel sagt es. Nostradamus sagt es. Die Maya sagen es." Schnitt. Die Kamera fährt durch eine Lounge mit Sofas, einem großen Fernseher an der Wand. Dann durch schlauchartige Gänge. Man sieht Computer, Badezimmer, Krankenbetten. Aber keine Fenster. Was im Werbefilm der Firma Vivos wie ein Hotel wirkt, ist ein 12.000 Quadratmeter großer Bunker irgendwo in Amerika. Egal, wie die Apokalypse aussehen wird: Hier soll man sie überstehen. Zwischen 25.000 und 35.000 Dollar kostet die Chance auf ein Leben nach dem Ende.
"Man hat mich lange belächelt", sagt Robert Vicino, der mit seiner tiefen Stimme und dem gegerbten Gesicht an den Schauspieler Jeff Bridges erinnert. Doch mit der Wirtschaftskrise habe sich das geändert. Vicino ist Gründer und Chef von Vivos, der nach eigenen Angaben einzigen Firma, die Plätze in unterirdischen Bunkern verkauft. An sechs geheimen US-Standorten könne man schon 6000 Kunden unterbringen.
Auch Europa hat Vicino im Auge, doch dort sei "die kritische Masse" an Interessenten noch nicht erreicht. In Amerika dagegen habe er schon 25.000 Bewerbungen auf den Tisch bekommen. Von Ärzten, Anwälten, Ex-Militärs. "Menschen, die ein gutes Gespür für das haben, was bevorsteht." Nicht jeder bekommt einen Platz. Denn die Zusammensetzung der Bunkergemeinschaftenbewohner, erklärt der Vivos-Chef, sei so wichtig wie der Bau selbst. Mindestens ein Jahr sollen die Bewohner schließlich ausharren können. Gibt es schon genug Ärzte, haben weitere schlechte Karten. Dagegen bekommen alle am Bunkerbau beteiligten Arbeiter einen kostenlosen Platz.
Vicino baut die Bunker nicht neu, sondern kauft und renoviert alte Schutzräume der US-Regierung. Für einen Bau in Indiana habe er nur 100.000 Dollar gezahlt, dann aber über 2 Mio. Dollar investiert, um aus dem kargen Bunker ein "Kreuzfahrtschiff unter der Erde" zu machen. Wegen der großen Nachfrage bietet Vicino nun auch Heimbunker an. Die seien nicht so sicher wie die Großanlagen, dafür entfalle die Angst, im Ernstfall den Weg nicht zu schaffen.
Das Geschäft läuft also bestens. Aber was nützt ihm der Erfolg, wenn die Prophezeiungen wahr werden? Vicino gibt sich gelassen. Auch wenn ein großer Teil der Menschheit ausgelöscht würde - die Erde sei danach sicher noch bewohnbar. "Wir sind jedenfalls auf fast jedes Szenario vorbereitet. Und wir werden unser Bestes tun, um zu überleben." So Gott wolle, würden er und seine Kunden dann die Chance auf eine neue Genesis haben: "Schwarz sehe ich dagegen für die übrigen 6,8 Milliarden Menschen."