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Merken   Drucken   22.06.2012, 17:30 Schriftgröße: AAA

Schweizer Unternehmer: Der Fantasiestaat des Daniel Model  

Premium Der Schweizer Unternehmer Daniel Model verzweifelt an seiner Heimat. Also macht er, was kaum einem wütenden Bürger einfiele: Er ruft sein eigenes Fantasiereich aus, samt Regierungssitz und Währung.
von Müllheim

Ah, da kommt das Volk. Die Bürgerin öffnet die Tür und schaut ins Gehämmer. Es geht voran, sagt sie zum Präsidenten. Er nickt. Weit hebt sich die Kuppel in den Himmel, die Säulen sandweiß, vor den Toren drohen Wasserspeier und Stuckfratzen, Engel und Teufel. Der Modelhof, Sitz des Staates Avalon, in Müllheim im Thurgau. Die letzten Arbeiten schaut sich der Präsident an. Noch diesen Monat kann er den Regierungssitz eröffnen.

Natürlich hat er das gesamte Volk eingeladen. Also nicht nur Stepanka Strähl, die Besucherin auf der Baustelle, sondern auch ihren Mann Urs, den Bauherrn. Sie führen eine Bildhauerschule gegenüber. Doch seit die beiden Bürger von Avalon sind, bleiben die Schüler weg. "Wir wissen noch nicht, wie es weitergeht", sagt Stepanka Strähl. Und der Präsident schaut ein wenig schuldbewusst.

Den Schweizern ist Avalon nicht geheuer. Und erst recht nicht sein Oberhaupt: Daniel Model, Chef der Model AG, Konzern für Verpackungen, 3000 Mitarbeiter in Deutschland, Tschechien und der Schweiz, 600 Mio. Franken Umsatz im Jahr. Ein respektierter Unternehmer. Bis er seinem Land den Krieg erklärte. "Was ich mache, ist eine Sezession."

Seinen eigenen Staat hat Model gegründet, mit eigener Währung und Flagge. Und nichts ist mehr, wie es war. "Ich wusste, dass die Tat Konsequenzen haben wird. Aber ich wusste nicht, welche."

Alles beginnt vor sechs Jahren, an einem Tag im März. Die Gemeindepräsidenten des Thurgau treffen sich zur Generalversammlung, eine große Sache, die einen Rahmen verdient, Speis und Trank und eine Rede. Wie wäre es mit Daniel Model?

Verpackungsmillionär Daniel Model   Verpackungsmillionär Daniel Model

Und so denkt der nach, über sein Land und sich. Der Unternehmer ist gut, sagt er sich, er setzt auf Vertrauen und Leistung. Der Staat dagegen gründet auf Misstrauen, entmündigt den Bürger, verhätschelt ihn. Er ist ein Feind. Nein, Model will das nicht mehr hinnehmen, die Zwänge, TÜV, Hundeverordnung, Bauvorschriften. Das geht ihm gegen den Strich, dem Libertär, Anhänger von Friedrich August von Hayek, der vor allem eines forderte: Der Staat soll sich raushalten.

Das ist auch die Botschaft in Models Rede. "Am Schluss hab ich gesagt: ‚Und als Konsequenz rufe ich meinen eigenen Staat aus.‘ Der Regierungsrat war perplex. Er ist aufgestanden, hat gestottert. Ich sagte: ‚Lieber Herr Regierungsrat, ich weiß, warum Sie zögern: Sie und ich leben nicht mehr im gleichen Staat.‘ Er hatte die Hand ausgestreckt und zog sie zurück. Da wurde mir klar: Mein Staat ist Realität geworden."

Der Unternehmer hat sich außerhalb der Gesellschaft gestellt. Ausgerechnet Model. Spross einer 140 Jahre alten Dynastie, Verpackungshersteller. Er hat eine Eliteuni besucht, den Doktor in Ökonomie gemacht, als Berater gearbeitet. Ein Zahlenkopf, Stratege. Er expandiert als einer der ersten seiner Branche in den Ostblock. Eine Entscheidung, die seine Firma rettet, später, als der Franken allzu hart wird. Ruf und Geschäft - vortrefflich: keine Schulden, 86 Prozent Eigenkapitalquote. Ewig hätte es so gehen können. Wäre da nicht seine andere Seite.

Im Laufe der Jahre findet Model mehr und mehr Gefallen an Verrücktheiten. Er beginnt, Autorennen zu fahren. Und entdeckt die Kraft der Farben. So trägt er am Montag eine lila Hose. "Denn der Tag ist mit Violett assoziiert. Das ist kein esoterischer Kitsch. Das ist klar." Und weil das so ist, wird er am Dienstag Rot tragen. Und es werden rote Firmenwagen unterwegs sein. Zwei Welten sind verschmolzen: die AG und seine Anschauung.

"Wie soll dein Staat heißen?", fragt ihn die Tochter damals nach seiner Proklamation. Model schaut auf das Buch in ihrer Hand: "Die Nebel von Avalon". Sie gehen zum Brockhaus. "Und das war der Hammer: Avalon heißt, aus der keltischen Mythologie, Apfelgarten. Und der Thurgau ist bekannt für seine Apfelkultur. Ich habe eine Hühnerhaut bekommen."

Kleine Tochter, Apfelgarten, Gänsehaut? Rosamunde Pilcher wäre beeindruckt. So mancher Schweizer Linke ist es weniger. Avalon? Da stecke mehr dahinter, schimpfen sie. Avalon sei nicht nur die Insel des König Artus. Es stünde bei den Neonazis für das "vierte Reich".

Ist Model ein Nazi? "Mein Gott, was haben die für eine kranke Vorstellung", ruft er aus. "Aber der Vorwurf ist nun im Internet." Aus dem Skandälchen ist ein Skandal geworden. Die Menschen im Ort tuscheln, die Zeitungen fangen an, sich mit Models Thesen zu beschäftigen, selbst die "NZZ", die ihn entlastend einen Freidenker nennt. Aber der Nazi-Vorwurf ist in der Welt, und er schadet und sorgt weiter für Aufregung. So sehr, dass Model angefangen hat, sich kleinzureden, um Druck aus der Debatte zu lassen. "Ich bin ein bisschen Hofnarr und Spinner", sagt er. "Das schützt das Ganze."

Eine Flagge hat er entworfen, in Lila, darin der Grundriss des Modelhofs. Und Münzen hat er prägen lassen, den Mödeli, mit seinem Kopf darauf. Wenn die Nachwelt sich fragt, wie wohl Obama und Merkel ausgesehen haben, weil Fotos und Daten dann längst zerfallen sind, von Model werden sie es wissen. Jünger hat er sich gemacht. Wie Augustus.

Ob Avalon überdauert, ist weniger sicher. "Ich habe keinen Plan, ich bin der Plan." Ein paar Vorstellungen vom Leben dort hat er dann aber doch: Es ist kein Sozialstaat, der seine Bürger verzärtelt, sagt Model, auch wenn es für Menschen in Not immer "eine warme Suppe" gebe. Die Staatsform: Meritokratie - Bürger wird, wer es verdient. Model entscheidet. "Man hat mir unterstellt, ich sei ein Demokratiefeind", sagt er. "Ich bin im Herzen Demokrat. Aber mit der Demokratie nicht im Reinen: Wir stimmen in der Schweiz ab, ob Angestellte sechs Wochen Ferien wollen. Also, da muss ich mich doch wieder als demokratiefeindlich hergeben!"

Daniel Models Staat Avalon hat einen Regierungssitz, den Modelhof   Daniel Models Staat Avalon hat einen Regierungssitz, den Modelhof

Seiner Firma geht es seit Kurzem nicht gut. Der Franken ist hart, das schadet dem Export. Dazu die Wirtschaftskrise. Model hat letzten Sommer die Wochenstundenzahl in der Firma erhöht und sich damit recht unbeliebt gemacht. Und sein Staatsgetöse verschärft das Ganze nur noch. "Ich bin ein Trampeltier. Ich halte ein Referat, die Leute hören zu, es ist so schön. Und dann am nächsten Tag: So dicke Lettern! Und dann denk ich, mein Gott, was hab ich ... Dann kommen Schuldgefühle auf."

Denn er erschüttert nicht nur die Gemeinde, er erschüttert auch seine Firma. Was ist zuletzt ein Sturm über die Model AG gefegt. "Der Staat ist ein Dieb", hatte Model in der Lokalzeitung gesagt. Leserbriefe ohne Ende! Die Industrie- und Handelskammer habe mit einem Ausschluss aus dem Vorstand gedroht, sagt Model. In der Schule hieß es zu seinen Kindern: "Dein Daddy spinnt." Schließlich rief ein wichtiger Kunde an: "Bei Ihnen bestelle ich nicht mehr." Verunsichert stand der Verkaufsleiter in Models Büro. "Diese Empörung ist ein Virus. Die Nervosität des Mitarbeiters überträgt sich auf Sie. Sie beobachten sich, wie Sie einen Moment nicht denken können. Das ist wie auf Messers Schneide. Gelingt es Ihnen, Ruhe in den Stall zu bringen?" Es gelang ihm, nach einigen Tagen.

Seit Juni aber ist der nächste Aufreger fertig, sein Regierungssitz. Ein Bau mit schwerem Messingtor, Innenhof für 200 Menschen, und in der Bibliothek sollen bald die "100 liberalsten Bücher" stehen. Ein Gebäude für Freigeister, sagt Model. Mit einer Akademie für Denker, die mit Sinn füllen, was bisher Protest und Spinnerei ist. Noch hat Model keine Schritte unternommen, seinen Staat formal zu legitimieren, der Uno oder EU beizutreten. Das wäre auch aussichtslos. Jeder Staat, sagen Völkerrechtler, muss ein Gebiet haben. Und Models Sitz liegt in der Schweiz. Auf der ganzen Welt ist kein Boden mehr frei, eine Staatsgründung schier unmöglich. Und so bewahrt die Schweizer Staatsgewalt Ruhe. Selbst die Lokalpolitiker, die Model anfangs erschreckte, äußern sich lächelnd zu dem Aufsässigen.

Der aber rechnet noch mit Ärger. Die Behörden könnten ihm verbieten, mehr als 20 Leute im Regierungssitz zu beherbergen, da es ein Privatgebäude ist. "Ich werde jedem Gast, der die Zahl 20 übersteigt, eine Urkunde in die Hand drücken: ‚eigene Haftung‘. Und ich könnte mir vorstellen, dass sich weitere Konflikte entzünden", sagt er. "Es könnte Leute geben, die die Behörden unter Druck setzen und sagen: ,Wenn Sie nicht so und so, dann flüchte ich nach Avalon.‘ Ich bringe die arg in die Bredouille, die da draußen mit ihren blöden Regeln. Das hab ich vor. Für den Rest meines Lebens."

Nur eine Sache kann ihn noch stoppen: wenn seine Firma zu zerbrechen droht - wie damals, als er die Schweiz einen Dieb schimpfte. "Da hab ich mir schon überlegt: Wenn ich diesen Sturm nicht in den Griff kriege, muss ich Konsequenzen ziehen. Die Firma ist für mich die höhere Sache."

  • FTD.de, 22.06.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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