Es gibt zwei Sorten Menschen: Die einen schmeißen ihren Joghurt weg, sobald der sein Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht. Die anderen essen den Joghurt auch dann noch, wenn er seit zwei Wochen abgelaufen ist - und lecken sogar den Deckel ab. Die Deckellecker halten die Vorsichtigen für Propagandaopfer der Lebensmittelindustrie; die Vorsichtigen schauen den Kühnen kopfschüttelnd beim Durchfallkriegen zu.
Insgeheim wissen aber auch die Vorsichtigen: Joghurt vergammelt nicht schlagartig mit dem Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums, in Fachkreisen MHD genannt. Nahrung bloß wegen ein paar aufgedruckter Ziffern wegzuschmeißen geht eigentlich gar nicht - erst recht nicht in Zeiten, da Lebensmittel teurer sind denn je. Weltweit sind die Preise für Agrarrohstoffe drastisch gestiegen; die Lage hat sich zwar gerade etwas entspannt, von Normalisierung kann aber keine Rede sein. Wer würde da guten Gewissens Cornflakes in die Tonne werfen, bloß weil sie einen Monat abgelaufen sind? Und wenn sich in Indien keiner mehr Milch oder Eier leisten kann - ist man dann nicht moralisch verpflichtet, auch mal welkere Lebensmittel zu verspeisen?
Um mir im Dienst der Welthungerhilfe nicht den Magen zu verderben, muss ich nur eines wissen: Was kann man essen, ohne krank zu werden? Ich begebe mich also auf eine Expedition durch meinen Kühlschrank. Als Deckellecker bin ich durch eine harte Schule gegangen - meine Eltern essen gelegentlich Joghurts, die zwei Monate abgelaufen sind. So was prägt.
Als ich die Milch gekauft habe, war sie offiziell noch drei Tage gut. Das ist jetzt sechs Tage her. Ich rieche am Karton, bin nicht angewidert, kippe einen Schluck in meinen Kaffee. Der färbt sich blond, sonst passiert nichts. Keine Flocken, keine Schlieren. Diese Milch eignet sich auch noch für mein Müsli, selbst wenn sie etwas säuerlicher schmeckt als am ersten Tag. Bei Milch bin ich hart im Nehmen. Deshalb muss ich in meiner WG gelegentlich als Vorkoster herhalten.
Was das MHD offiziell bedeutet, weiß Marcus Girnau vom Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde: Wenn etwas abgelaufen sei, sagt er, brauche man es deswegen nicht wegzuwerfen. Nur Nährwert oder Geschmack könnten beeinträchtigt sein, damit müsse man rechnen. Welches Datum auf die Verpackung gedruckt wird, entscheidet der Hersteller übrigens ganz allein: Es gibt keine Richtlinien dafür, wie lange ein Liter Milch haltbar ist. Wann ihr Produkt vergammelt, finden die Produzenten mit Versuchsreihen heraus, sogenannten Shelf-Life-Tests.
Aber selbst, wenn man richtig saure Milch in der Tüte hat, kann man diese theoretisch noch trinken: Ungenießbar sei nicht dasselbe wie gesundheitsschädlich, sagt Walter Hammes, Lebensmitteltechnologe von der Uni Hohenheim. Milch wird sauer, weil Milchsäurebakterien den Milchzucker fressen und so eine saure Umgebung schaffen, die andere Keime abschreckt. Deshalb sei saure Milch im Zweifel sogar gesünder als pasteurisierte. Die nämlich ist fast steril, also beinahe frei auch von Milchsäurebakterien. Und dann kann theoretisch jeder kommen und keimen.
Teil 2: Hauptsache, gut durch: Fleisch