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Merken   Drucken   11.11.2012, 16:54 Schriftgröße: AAA

Stickeraktionen in Unternehmen: Dem Chef eins kleben

Wie viele ITler ist ein Abteilungsleiter wert? In den Niederlanden starten Firmen Sticker-Tauschaktionen - aber nicht mit Fußballbildchen, sondern mit Fotos vom Buchhaltungskollegen, dem Chef oder der hübschen Kollegin aus dem Marketing. Idee dahinter: Die Belegschaft soll sich besser kennenlernen.
© Bild: 2012 Bloomberg/ADRIAN MOSER
Wie viele ITler ist ein Abteilungsleiter wert? In den Niederlanden starten Firmen Sticker-Tauschaktionen - aber nicht mit Fußballbildchen, sondern mit Fotos vom Buchhaltungskollegen, dem Chef oder der hübschen Kollegin aus dem Marketing. Idee dahinter: Die Belegschaft soll sich besser kennenlernen.
von Helene Pawlitzki, Hamburg

Wie viele ITler ist ein Abteilungsleiter wert? Eine Frage, auf die der Betriebsratsvorsitzende empört schnaubt - und dann widerwillig drei Aufkleber mit IT-Kollegen rüberschiebt. Sticker sammeln ist ein hartes Geschäft. Wer sich von Sentimentalitäten leiten lässt, kriegt sein Album nie voll. Das gilt auch, wenn einem von den Aufklebern nicht die Herren Schweinsteiger oder Gomez entgegengrinsen - sondern der nervige Typ aus der Buchhaltung, die hübsche Kollegin aus dem Marketing oder der Firmenchef in seiner lächelnden Pracht.

Klebebildchensammelwahn im Büro statt auf dem Schulhof - diese Idee will die niederländische Eventagentur Ambiance Evenementen nach Deutschland importieren. Seit drei Jahren bietet sie in den Niederlanden Stickeraktionen in kleiner Auflage an, für Sportvereine, Schulen und Unternehmen. "Es macht Spaß, Sticker mit Leuten zu sammeln, die man persönlich kennt", sagt Geschäftsführer Theo Tankink. "Und ein volles Album ist so etwas wie ein historisches Zeugnis: ,So sah unser Team 2012 aus.‘" In den Niederlanden seien die bisher 800 Aktionen ein großer Erfolg gewesen, in Deutschland gebe es keinen Anbieter für lokale Märkte. "Da haben wir uns gefragt: Warum nicht?"

Durch Sammeln und Tauschen lernten Mitarbeiter einander besser kennen, glaubt Menno Jongepier, Wirtschaftsanalyst beim niederländischen Infrastrukturkonzern Delta. Er hat die Sammelleidenschaft in seine Firma gebracht, als dort im Frühjahr eine neue Abteilung entstand. Jeder Mitarbeiter bekam ein Album, ein paar Aufkleber mit dem eigenen Konterfei - und eine klare Ansage: Sammeln! Fortan sprachen die Kollegen sich in Meetings und der Mittagspause auf die Aufkleber an und tauschten sie aus. Denn wer sein Album als Erster gefüllt hatte, erhielt einen Gratishandyvertrag.

"Die neue Abteilung war auf zwei Gebäude verteilt", sagt Jongepier, manche Kollegen hätten sich nur dem Namen nach gekannt. "Aber um Sticker zu tauschen, mussten sie rübergehen und sich mal persönlich treffen. So kamen sie ins Gespräch."

Den ersten Kunden in Deutschland hat Ambiance bereits gefunden, allerdings noch kein Unternehmen, sondern einen Fußballverein. Beim Fünftligisten VfL Rhede wollte man mal wie die Großen die Spielergesichter auf Stickern bewundern. Mit dem lokalen Rewe-Supermarkt als Sponsor konnte der VfL Rhede vor zwei Wochen jedem Aktiven ein Album schenken - hergestellt von Ambiance. Eine von 84.000 Stickertüten mit je vier Bildern kriegen Sammler jetzt pro 10-Euro-Einkauf bei Rewe. "Das hat das Wirgefühl im Verein unheimlich gestärkt. Für die Jungs ist das eine Riesensache", sagt Vereinsgeschäftsführer Wolfgang Giebken. Auch der Sponsor ist zufrieden. Die Aktion koste zwar ein Viertel seines Jahreswerbeetats, sagt Marktleiter Christoph Steverding. Aber "das Ganze bringt auf jeden Fall etwas in Sachen Imagegewinn".

Die großen Stickerhersteller sehen lokal ausgerichtete Anbieter wie Ambiance nicht als Konkurrenz. "In puncto Auflagenzahlen müssen wir uns in anderen Größenordnungen bewegen", sagt Panini-Geschäftsführer Frank Zomerdijk. Auch bei Panini können Kunden zwar eine Stickerkollektion in kleiner Stückzahl in Auftrag geben, 150 Alben mit 150 Sätzen Aufklebern kosten hier etwa 2500 Euro. Allerdings ist man festgelegt auf bestimmte Designs, die nicht zu jedem Unternehmen passen.

Wer individuelles Layout und flexible Stückzahlen will, muss dafür deutlich mehr bezahlen. Eine Aktion wie die in Rhede koste ungefähr so viel "wie ein schöner Kleinwagen", sagt Ambiance-Geschäftsführer Tankink. Sein Unternehmen stemmt Layout, Druck und Auslieferung, die Fotos und die persönlichen Angaben kommen vom Kunden.

Kinder tauschen Panini-Bilder   Kinder tauschen Panini-Bilder

"Ich glaube, viele Kollegen hielten die Aktion zunächst für Geldverschwendung", sagt Jongepier von Delta. Aber die Investition habe sich gelohnt: "Die Mitarbeiter haben sich schnell kennengelernt und arbeiten jetzt viel besser zusammen. Wir würden das jederzeit wiederholen."

Vielleicht ja beim nächsten Mal mit erhöhtem Schwierigkeitsgrad. Denn während Panini-Enthusiasten seit Jahren streiten, ob bestimmte Fußballer seltener gedruckt werden als andere, ist man da bei Ambiance ganz offen: Klar, auf Wunsch kann mit den Stickern auch die Unternehmenshierarchie abgebildet werden. Abteilungsleiter etwa wären dann rar. Und Vorstände, für die müsste man schon 22 Sachbearbeiter eintauschen.

  • Aus der FTD vom 12.11.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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