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Merken   Drucken   20.07.2012, 18:42 Schriftgröße: AAA

Unternehmer-Biografie: Vom Wurstbaron zum Bio-Bauern

Er war der König der Fleischwurst: Karl Ludwig Schweisfurth machte aus dem Familienbetrieb Herta die Speerspitze der Metzgerindustrie. Bis er alles verkaufte und einen Biohof aufbaute. Ein Gespräch über Fehler, Träume und Schlammbäder.

FTD Herr Schweisfurth, in den 1980er-Jahren hat keiner erwartet, dass Bio einmal boomen würde. Trotzdem haben Sie ein hochprofitables Unternehmen mit 750 Mio. Euro Jahresumsatz aufgegeben, um einen Biobauernhof zu gründen.

Karl Ludwig Schweisfurth Sie haben ja recht: Die Fleischwarenfabrik #Herta#, die "Wenn's um die Wurst geht"-Herta, war damals ein Riese. Die Nummer eins in Europa, Produktionsstandorte überall in der Welt, in Brasilien und Äthiopien, über 5000 Mitarbeiter. Die Herrmannsdorfer Landwerkstätten hingegen waren ein unternehmerisches Wagnis. Ich konnte nicht sicher sein, dass das irgendwann wirtschaftlich sein würde. Aber Unternehmer wissen: Wer etwas unternimmt, kann auch scheitern. Das Risiko hatte ich einkalkuliert. Nur Unterlasser scheitern nicht.

Aber was hat Sie auf die Ökoschiene gebracht? Ein Erweckungserlebnis?

Nein, gar nicht. Als ich so um die 50 war und auf dem Höhepunkt meines unternehmerischen Lebens stand, schlichen sich ganz langsam erste Zweifel ein an dem, was ich tue. Meine Kinder haben dabei sehr geholfen, als sie nach dem Abitur zu überlegen anfingen, was sie aus ihrem Leben machen wollten.

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Und was wollten sie?

Nicht das, was ihr Vater machte. Wir hatten oft sehr heftige Diskussionen, und die Kinder haben mir kritische Fragen gestellt, Grundsatzfragen. Sie haben zum Beispiel gesagt: "Was soll denn das, Vater? Immer mehr und immer schneller, noch eine Fabrik und noch eine - wozu überhaupt?"

Klassische Antwort: "Damit ihr ein gutes Leben habt."

Ja, aber mir dämmerte, dass diese verdammten Blagen mir eigentlich nur einen Spiegel vorhielten. Als sie mich fragten: "Vater, wie lebst du denn eigentlich?", habe ich angefangen, genauer hinzuschauen. Auch dahin, wo die vielen Tiere eigentlich herkamen, die ich in meinen Fabriken jeden Tag geschlachtet habe. Damals, vor 30 Jahren, fing das mit der intensiven Tierhaltung gerade erst an, aber als ich gesehen habe, was das bedeutet, habe ich einen solchen Schrecken bekommen, dass ich gesagt habe, wir machen etwas falsch.

Was haben Sie da erlebt?

Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Stall, in dem standen 5000 Schweine auf Spaltenböden. Es war dunkel, intensivster Ammoniakgestank. Und der Bauer sagte zu mir: "Kein lautes Wort und bloß nicht die Türe knallen lassen, sonst fallen hier gleich ein paar Schweine tot um." Der Stresspegel dieser Tiere ist permanent so hoch, dass sie bei einem kleinen Schrecken einen Herzschlag kriegen können. Da hatte ich zum ersten Mal das untrügliche Gefühl, dass ich etwas verkehrt mache.

Haben Sie sich mit Ihrer Kehrtwende Feinde in der Branche gemacht? Der Bundesverband der Deutschen Fleischwarenindustrie wollte sich nicht über Sie äußern.

Ach ja, die sagen nichts? (Lacht.) Dabei war ich zehn Jahre Präsident von diesem Verein. Als ich Herta verkaufte, wusste ich, dass alle aus meinem Umfeld den Kopf schütteln und sagen würden: Der Mann ist verrückt, ein romantischer Träumer! Der spinnt! Aber das war mir völlig egal.

Sie selbst haben einst die Industrialisierung der Fleischverarbeitung vorangetrieben: Nach einem Praktikum in den Großschlachtereien von Chicago wandelten Sie die kleine Fleischfabrik Ihrer Eltern in eine der modernsten und effektivsten in Deutschland um. Was hat Sie damals an der Massenproduktion so begeistert?

(Denkt lange nach.) Ich war fasziniert von den Union Stock Yards in Chicago, dem damaligen Zentrum der amerikanischen Fleischverarbeitung, von seiner schieren Größe, der Technik und der Organisation. Ich war 25 Jahre alt und fand das einfach toll. Die negativen Seiten habe ich damals einfach nicht wahrgenommen. Ich habe nicht wahrgenommen, wie man mit den Tieren und mit den Menschen in diesen Fabriken umgegangen ist. Dass die Würde von beiden überhaupt keine Rolle gespielt hat, dass die Tiere dort reine Waren waren und die Menschen abgerichtete Sklaven am Fließband.

Bereuen Sie Ihre 28 Jahre bei Herta?

Nein, überhaupt nicht, sie waren für mich als Unternehmer hochinteressant. Ich konnte sehr vieles neu machen - nur eben in anderer Weise als heute. Herta war immer Pionier und Vorreiter, hatte immer die modernsten Maschinen, die erste elektronische Datenverarbeitung, aber auch soziale Komponenten waren überaus wichtig. Das, was heute Corporate Social Responsibility heißt, wurde nicht auf Hochglanzbroschüren gedruckt, sondern gelebt. Ich hielt mich da an meinen Vater, der schon gesagt hatte: "In meinem Unternehmen steht der Mensch im Mittelpunkt." Menschen sind keine Kostenfaktoren, sondern Menschen. Und ohne sie geht im Unternehmen überhaupt nichts. Deshalb habe ich immer dafür gesorgt, dass es meinen Mitarbeitern gut geht.

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Nur nicht den Tieren.

Die Landwirtschaft und die Lebensmittelverarbeitung, die wir uns in den letzten 50 Jahren, in etwa der Zeitspanne meines beruflichen Lebens, eingerichtet haben, war ein Fehler. Fehler zu machen ist keine Schande, aber wenn man sie erkennt, muss man sie korrigieren, sonst versündigt man sich. An etwas festzuhalten, von dem man weiß, dass es falsch ist, ist nicht erlaubt, das darf nicht sein.

Wünschen Sie sich, andere aus der Fleischindustrie würden mitziehen? So ein Clemens Tönnies als einer der größten deutschen Fleischfabrikanten zum Beispiel?

Nein. Ich weiß, dass diese Menschen so eingebunden sind in ihr Leben, dass ihre Weltanschauung eine ganz andere ist. Leute, die heute im System Vieh und Fleisch tätig sind, sind auch überzeugt davon, dass das, was sie tun, gut und richtig ist. Sie sagen: Immer mehr Menschen auf dem Planeten wollen immer mehr Fleisch essen, also müssen wir das so machen. Wir brauchen die intensive Tierhaltung und diese großen, automatisierten Schlachthöfe.

In gewisser Hinsicht haben die ja auch recht: So wie Sie in Herrmannsdorf Wurst, Fleisch und Schinken machen, nämlich handwerklich, könnte man die gewaltige Nachfrage niemals befriedigen.

Natürlich nicht, aber darum geht es mir ja auch gar nicht. Ich will nicht die Gier der Welt nach Fleisch befriedigen. Denn wir müssen uns überlegen, wo die überhaupt herkommt: Der billige Preis des Fleisches ist eine Aufforderung an den Kunden: Iss mehr Fleisch, ist doch so billig! Und woher kommt der niedrige Preis? Aus Ausbeutung und Verschwendung. Das wird in zehn, spätestens zwanzig Jahren zum absoluten Chaos führen. Immer mehr Menschen essen immer mehr Tiere, die wiederum unsere Nahrungsmittel essen, und gemeinsam fressen wir den Planeten leer. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

Momentan sind Autoren wie Jonathan Safran Foer und Karen Duve populär, die aus genau diesen Gründen Fleischverzicht predigen. Haben die recht?

Es gibt drei Möglichkeiten, mit diesem Dilemma umzugehen: Entweder Sie verdrängen und sagen: "Ich kann doch nichts ändern." Das machen die meisten immer noch, die kaufen billiges Fleisch beim Discounter und essen das jeden Tag. Dann gibt es welche, die sagen, ich will das nicht und ich verzichte lieber ganz, ich werde Vegetarier. Ich habe das selbst vor drei Jahren beschlossen.

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Sie verkaufen Fleisch und sind Vegetarier?

Teilzeitvegetarier. Nur wenn ich zu Hause in Herrmannsdorf bin, esse ich Fleisch. Weil ich weiß, wo dieses Fleisch herkommt, dass die Tiere gut gelebt haben und respektvoll vom Leben in den Tod transportiert worden sind. Und das ist die dritte Möglichkeit: nur noch Fleisch zu essen, das im Einklang mit der Natur produziert wird. Das ist natürlich teurer, aber dann isst man halt weniger davon.

Gutes Fleisch ist aber nicht für jeden erschwinglich.

Ja, natürlich. Mir wird in dieser Diskussion immer die arme, alleinerziehende Mutter um die Ohren gehauen. Insbesondere von den Reichen, die gerade aus ihrem dicken Mercedes ausgestiegen sind, braun gebrannt, nachdem sie schon das dritte Mal auf den Malediven waren. Da kriege ich die Wut. Denn die meisten Menschen dieser Republik leben in so einem Wohlstand, dass sie sich gute Lebensmittel leisten könnten. Sie tun es nur nicht. Der Durchschnittsdeutsche gibt zwölf Prozent seines verfügbaren Einkommens für Lebensmittel aus.

Aber das ist doch eine ganz altbekannte Klage. Die Leute geben nun einmal nicht mehr Geld für Lebensmittel aus. Also, was soll sich ändern?

Manchmal gehe ich in den Supermarkt, um zu schauen, was da so in den Einkaufswagen liegt, und staune, was für einen Blödsinn die Leute kaufen, wie viel Vorgefertigtes, tiefgekühlt, in der Packung oder in Gläsern, die eigentlich viel zu teuer sind, für das, was drin ist. Für das gleiche Geld könnte man auf dem Markt frisches Obst, Gemüse und gutes Fleisch bekommen. Und das würde auch noch besser schmecken.

Wie schmeckt denn ein Schnitzel, das mal ein glückliches Schwein war?

Ein Schwein, das nicht in der Erde wühlen kann und lebendigen Boden frisst, weiß nicht, dass es ein Schwein ist, und schmeckt auch nicht so. Und auch ein Schwein, das nicht ab und zu mal einen Schweinsgalopp hinlegen kann, weiß nicht, dass es ein Schwein ist. Nur ein Tier, das Bewegung, frische Luft und frisches Grünzeug bekommt, kann vor allem in den letzten Monaten seines Lebens eine völlig andere Qualität des Fleisches und des Speckes ausbilden. Eine Qualität, die die viel zu früh geschlachteten Turboschweine aus den Fabriken niemals bringen können. Kurzum: Ein Schwein, das gut gelebt hat und achtsam getötet wird, schmeckt einfach gut.

Sie sind mit so viel Leidenschaft dabei. Besteht wirklich gar keine Chance, Ihre Industriekollegen bei einem guten Bioschnitzel auf den Pfad der Tugend zu führen?

Ich kann den Herrn Tönnies genauso wenig von meiner jetzigen Weltanschauung überzeugen wie er mich von seiner. Also reden wir doch gleich gar nicht miteinander. Wir sind ja schon froh, wenn wir uns nicht die Köpfe einschlagen.

Interview: Nina Anika Klotz

Da wird die Sau geschlacht'
Aufstieg Der Metzgermeister und Kaufmann Karl Ludwig Schweisfurth (Jahrgang 1930) machte in den 70er-Jahren aus seinem Familienbetrieb in Herten, Nordrhein-Westfalen, Europas größte Fleischverarbeitungsfabrik.
Ausstieg 1985 verkaufte er Herta an Nestlé und gründete die Herrmannsdorfer Landwerkstätten im oberbayerischen Glonn. Zum Ökohof gehören eine Metzgerei, Käserei, Bäckerei und Brauerei. Sein Sohn Karl ist Geschäftsführer, sein anderer Sohn Georg gründete die Biosupermarktkette Basic.
Auslauf Schweisfurths Stiftung fördert die Erforschung gesunder Ernährung. Auf Tierisch-gut-leben.info bloggt er über seine Idee der "symbiotischen Landwirtschaft", bei der Rinder, Schweine und Hühner gemeinsam weiden.
  • FTD.de, 20.07.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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