Kaum ist die Unsicherheit über den Ausgang der Wahlen in den USA überwunden, rückt ein anderes Risiko in den Fokus der Wall Street: Die Finanzbranche hofft auf eine schnelle Lösung der lauernden Fiskalkrise. Zum Jahreswechsel droht den USA die sogenannte "Fiscal Cliff", wenn Steuererleichterungen und Konjunkturhilfen auslaufen, die teilweise noch aus der Regierung von US-Präsident Barack Obamas Vorgänger George W. Bush stammen. Angesichts einer Mehrheit der Republikaner im Repräsentantenhaus fürchten die Marktteilnehmer einen Reformstau. "Die Wahl mag vorüber sein, aber zum Durchatmen ist es noch zu früh", sagte Berkeley-Ökonom Barry Eichengreen der FTD.
Gleich nach Beginn des Handels an der Wall Street ging es bergab: Der Dow Jones verlor im Nachmittagshandel mehr als zwei Prozent und sank unter die Marke von 13.000 Zählern - der Index gab zwischenzeitlich mehr als 300 Punkte ab. Der S&P 500 notierte knapp zwei Prozent schwächer, die Technologietitel im Nasdaq Composite gaben 2,2 Prozent ab. "Der kleine Obama-Bonus ist aufgebraucht, jetzt geht es weiter wie vorher", sagte ein Händler. "Im Fokus stehen noch immer die Euro-Krise und das drohende Schuldendrama in den USA", sagte Michael Hewson, Analyst bei CMC Markets.
Sollten die Gesetzgeber in Washington sich nicht rechtzeitig einig werden, stehen zum Januar automatische Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen im Volumen von 600 Mrd. Dollar an. Laut überparteilichem Congressional Budget Office würde die Nation damit zurück in eine Rezession fallen. Wenn der Kongress in der kommenden Woche zum ersten Mal wieder zusammenkommt, bleiben nicht einmal mehr 50 Tage für einen Kompromiss.
Die Hoffnung auf ein Umschiffen der Fiskalklippe treibt den Markt - und die Anforderungen an den wiedergewählten Präsidenten sind groß: "Die Fiscal Cliff anzugehen, wird die erste Amtshandlung sein", hofft Craig Johnson, Marktstratege von der Investmentfirma Piper Jaffray. "Wenn wir nur irgendein Zeichen bekommen, dass sie vermieden oder vermindert wird, würde das ein weiteres Stück Unsicherheit aus der Investmentlandschaft schaffen." Besonders die Aktienmärkte würden davon profitieren und könnten, so die Hoffnung, zu neuen Höchstständen durchstarten.
Die Finanzbranche befürchtet, dass die Demokraten und Republikaner sich ein weiteres Mal bis zum letzten Moment nicht einig werden können - wie zuletzt bei der Anhebung der Schuldengrenze im Sommer des vergangenen Jahres, was eine Abstufung der US-Kreditwürdigkeit durch die Ratingagentur Standard & Poor‘s zur Folge hatte. Die anhaltende politische Patt-Situation sowie die damit verbundene Handlungsunfähigkeit und Unsicherheit könnte sich zudem langfristig negativ auf den Wert des Dollars auswirken. Die Schuldenstaaten in Europa sind ein Beispiel dafür, wie die internationalen Märkte solche Risiken abstrafen. Ökonomen sehen Obamas Hauptaufgabe neben der Senkung der Arbeitslosigkeit vor allem im Defizitabbau. "Er muss nun endlich die strukturellen Probleme anpacken, das hat er in seiner ersten Amtszeit versäumt", sagte Columbia-Professor Jeffrey Sachs.
Trotz anhaltend schwieriger politischer Konstellation hofft die Wall Street auf frischen Wind im Kongress und die Vernunft und Motivation der jüngst gewählten oder bestätigten Abgeordneten. "Es wird irgendwann einen Kompromiss geben", meint Neal Solomon vom Anlageberater Wealth Pro. "Es gibt gar keine andere Möglichkeit: Keine der Parteien will als Verweigerer beschuldigt werden."
Die Branche, die von Obama seit seiner umfangreichen Finanzmarktreform Dodd-Frank-Act ohnehin nicht mehr viel hält, fürchtet weitere Regulierungsmaßnahmen. "Wir mahnen den Präsidenten an, die knappen Wahlergebnisse zu bedenken, wenn er seine Regulierungspolitik für die zweite Amtszeit festsetzt", teilte der Chef des Interessenverbands Financial Service Institute, Dale Brown, mit. Besonders auch die Wahl der ausgesprochenen Branchenkritikerin Elizabeth Warren zur Senatorin beunruhigt die US-Finanzwelt. Wall-Street-Beobachter rechnen damit, dass Obama nun nach seiner Wiederwahl deutlich weniger Rücksicht auf die Finanzbranche nehmen könnte.
Mit Reuters