FTD.de » Politik » Deutschland » Dr. Guttenbergs Copygate

Merken   Drucken   17.02.2011, 14:22 Schriftgröße: AAA

Affäre um Doktorarbeit: Dr. Guttenbergs Copygate

Wissenschaftler fällen ein vernichtendes Urteil über den CSU-Politiker, der sich für seine Doktorarbeit bei fremden Federn bedient haben soll. Offenbar ist das Ausmaß des Textklaus größer als bislang bekannt. von Thomas Steinmann  und Kai Beller  Berlin
Bisher sind alle Affären an Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) abgeperlt. Doch die Plagiatsvorwürfe bedrohen seinen Nimbus. "Die wichtigste Politikereigenschaft ist das Vertrauen. Wer das verspielt, hat ein Problem", sagte der Chef des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid, Klaus-Peter Schöppner, der Nachrichtenagentur Reuters. Guttenberg sei populär, weil er als authentisch, offen und vertrauenswürdig wahrgenommen werde.
Die Fakten scheinen gegen den CSU-Politiker zu sprechen. Der Bremer Juraprofessor Andreas Fischer-Lescano wirft dem Minister vor, mit seiner Dissertation gegen die Promotionsordnung der Universität Bayreuth verstoßen zu haben. Das geht aus Fischer-Lescanos Rezension für die Fachzeitschrift "Kritische Justiz" hervor, die der FTD vorab vorliegt. Guttenbergs Umgang mit wörtlichen Zitaten anderer Autoren sei so "systematisch", dass es "schwer ist zu sehen", wie die Arbeit in Einklang mit den Vorgaben der Promotionsordnung gebracht werden könne, schreibt Fischer-Lescano.
Bundesverteidigungsminister zu Guttenberg im Oktober beim Parteitag ...   Bundesverteidigungsminister zu Guttenberg im Oktober beim Parteitag der CSU.
Zudem seien Texte, aus denen sich der Autor bedient habe, teilweise nicht im Literaturverzeichnis der Arbeit aufgeführt. In seiner Rezension äußert der Rechtswissenschaftler daher Zweifel, "dass die Dissertation wissenschaftlichen Mindeststandards genügt".
Nach Fischer-Lescanos Recherchen soll Guttenberg bei insgesamt acht Autoren Textpassagen übernommen haben, ohne dies ausreichend zu kennzeichnen. Zu den Autoren, bei denen der Verteidigungsminister abgekupfert habe, zählen den Angaben zufolge unter anderem der Tübinger Europarechtler Martin Nettesheim, der frühere EU-Botschafter in den USA, Günter Burghardt, und die Journalistin Sonja Volkmann-Schluck.
Auch einen Text aus der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" der Passauer Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig vom Juli 2003 listet der Juraprofessor auf. Zehnpfennig, bei der Guttenberg Teile der Einleitung seiner Dissertation abgeschrieben haben soll, sagte der FTD, dass ihm der Doktortitel aberkannt werden müsse, wenn sich die Vorwürfe bestätigen sollten. Sie habe aber nie gefordert, ihm den Titel sofort zu entziehen.
Der Plagiatexperte Volker Rieble sieht erdrückende Beweise. "Der Leser wird darüber getäuscht, dass ein bestimmter Absatz, ein bestimmtes Textstück, ein bestimmter Gedanke nicht vom Doktoranten zu Guttenberg sondern von einem anderen stammt", sagte er der Nachrichtenagentur Reuters.
Schummler Guttenberg soll...

 

Schummler Guttenberg soll...

Zum Ergebnis Alle Umfragen

Das Nachrichtenportal "Spiegel Online" berichtet von weiteren Textstellen, die Guttenberg übernommen haben soll. So habe er einen Absatz von der Webseite der US-Botschaft verwendet, ohne die Quelle kenntlich zu machen. Auch aus einem Beitrag des CDU-Europaabgeordneten Andreas Schwab zum europäischen Föderalismus soll er sich bedient haben. Ohne Hinweis verwendete er offenbar auch mehrere Absätze einer Rede des Jura-Professors Gerhard Casper. An einer andere Stelle der Arbeit finde sich eine Fußnote die auf Casper hinweise.
Der Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbands (DHV), Michael Hartmer, sieht angesichts der bisher geäußerten Vorwürfe gegen Guttenberg keine Grundlage für eine Aberkennung des Doktortitels. Der Geschäftsführer des Berufsverbands der deutschen Universitätsprofessoren sagte der FTD, bislang gebe es allenfalls Anlass für eine Rüge. Zu den nicht ausgewiesenen Zitaten in der Arbeit sagte Hartmer: "So etwas kann passieren, das muss nicht vorsätzlich sein. Aber der Spaß hört auf, wenn jemand seitenweise Texte übernimmt, ohne die Quellen zu nennen."
Maßgeblich für die Folgen eines wissenschaftlichen Plagiats ist nach Expertenmeinung, ob eine Täuschungsabsicht dahintersteht. "Bei unsorfältigem Arbeiten droht eine Rüge, bei bewusster Täuschung die Aberkennung des Titels", sagte der Sprecher des Ombudsmanns für die Wissenschaft, der Bonner Jurist Wolfgang Löwer, der FTD. Er warnte vor Vorverurteilungen. "Nach bisher bekannt gewordenen Informationen würde ich den Vorwurf einer bewussten Täuschung noch nicht erheben."

Teil 2: Textstellensuche im Internet

  • FTD.de, 17.02.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  

Den Parameter für die jeweilige Rubrik anpassen: @videoList
  • Pläne zur Einlagensicherung: Für die Kanzlerin ein Angebot zur Güte

    Die Bundeskanzlerin lehnt Eurobonds kategorisch ab. Vielleicht könnte sie den Plänen zu einer europäischen Einlagensicherung eher zustimmen? Das Vertrauen in die Banken würde steigen. mehr

  •  
  • blättern
Tweets von FTD.de Politik-News

Weitere Tweets von FTD.de

  26.05. Der Test zu Pfingsten Kennen Sie sich mit Feiertagen aus?

Wann gilt ein bundesweites Tanzverbot? Existiert ein offizieller Vatertag? In Deutschland gibt es viele gesetzliche und kirchliche Feiertage: Was wissen Sie darüber?

An welchem Feiertag gilt ein gesetzliches Tanzverbot in Deutschland?

Der Test zu Pfingsten: Kennen Sie sich mit Feiertagen aus?

Alle Tests

FTD-Wirtschaftswunder Weitere FTD-Blogs

alle FTD-Blogs

Newsletter:   Newsletter: Eilmeldungen Politik

Ob Regierungsauflösung oder Umfragehoch für die Linkspartei - erfahren Sie wichtige Politik-Nachrichten, sobald sie uns erreichen.

Beispiel   |   Datenschutz
 



DEUTSCHLAND

mehr Deutschland

EUROPA

mehr Europa

INTERNATIONAL

mehr International

KONJUNKTUR

mehr Konjunktur

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote